Am 08. Oktober 2005 fand in Pakistan das seit einhundert Jahren stärkste Erdbeben statt. Die bisherigen Zahlen sind: ca. 40.000 Tote, ca. 80.000 Verletzte, 3-4 Mio. Obdachlose.
Eine Woche nach dem verheerenden Erdbeben hat sich die direkte Hilfe der Friedrich-Naumann-Stiftung (FNSt) etabliert und verstärkt.

Unter Einbeziehung des Netzwerkes der FNSt, der Partnerorganisationen und des Radiosenders power 99 wurden viele benötigte Hilfsgüter, vor allem Planen, Kleidung, Streichhölzer, Geschirr und Besteck, verschiedene Nahrungsmittel wie Reis, Zucker, Linsen, Mehl, Wasser und Milch aus privaten Spenden akquiriert. Die Deutsche Botschaft stellte 100 dringend benötigte Decken zur Verfügung. In einem kleinen Konvoi aus zwei Fahrzeugen wurden diese Dinge unter Begleitung des Projektleiters der FNSt in Pakistan in abgelegene Regionen des Azad Jammu & Kaschmir gebracht. Der Tross startete am Samstag, dem 15. Oktober 2005, morgens 6.00 Uhr. Im Unterschied zur ersten Tour drei Tage zuvor, konnten wir diesmal wesentlich mehr Konvois von verschiedenen pakistanischen und internationalen NGOs beobachten. Auch Kolonnen von Armeefahrzeugen waren diesmal unterwegs.
Dass mittlerweile schon viele Hilfsgüter in betroffene Ortschaften gebracht wurden, konnte man daran erkennen, dass bei Ortsdurchfahrten nur noch wenige Menschen am Straßenrand standen und um Hilfsgüter baten. Wir konnten beobachten, dass in einigen größeren Ortschaften inzwischen Verteilungscamps eingerichtet waren, wo Bürger das dringend Benötigte kostenfrei abholen konnten. Zum Teil wurde auch von LKWs direkt verteilt.

Unser Ziel waren zwei abgelegene Dörfer in ungünstiger Hanglage, die nur mit Allrad-Fahrzeugen erreicht werden konnten. Die Fahrt dorthin dauerte diesmal mehr als acht Stunden für die ca. 130 km in eines der Zieldörfer. Die Straßen waren zwar nicht durch das Erdbeben beschädigt bzw. schon wieder frei geräumt, das Verkehrsaufkommen war jedoch mittlerweile so gewachsen, dass besonders an engen Stellen und Brücken Staus entstanden, die zum Teil Stunden kosteten. Armeekolonnen, die unterwegs waren, trugen leider nicht zur Regulierung dieser Engpässe bei, obwohl sie z. T. über Jeeps mit Funkausstattung verfügten. Der Einsatz dieser Technik hätte manchen Stau vermeiden helfen können.
Auf dem Weg zu unserem Ziel haben wir auch mehrere Militäreinrichtungen passiert, die ebenfalls stark vom Erdbeben betroffen und zum Teil völlig zerstört waren. Dies erklärt auch, warum die eigentlich starke Militärpräsenz im Kaschmir nicht sofort zur Erdbebenhilfe herangezogen werden konnte. Offiziell ist von 600 Todesopfern unter Militärangehörigen die Rede, wahrscheinlich ist die Zahl aber wesentlich höher, wird aber nicht veröffentlicht. Das ließe ansonsten Rückschlüsse auf die Truppenstärke im Kaschmir zu....

Gegen 13.00 Uhr erreichte eines unserer Fahrzeuge das Dorf Hotrory im Distrikt Bagh, welches wir bereits am Mittwoch besucht hatten. Die dringend benötigten Zelte konnten wir leider nicht mitbringen, da zurzeit nirgendwo in Pakistan Zelte verfügbar sind. Dennoch waren vor allem die Decken der Deutschen Botschaft und andere Waren sehr willkommen.
Das andere Fahrzeug ist in das Dorf Kiyat Klan im Distrikt Rawalakot gefahren, wo ebenfalls Decken der Deutschen Botschaft und andere Hilfsgüter dringend erwartet wurden. Die Fahrt (auch ca. 120 km) dorthin dauerte allerdings ca. 12 Stunden auf Grund verschiedenster Engpässe in den Bergen und an den Flüssen.
Beide Dörfer waren sieben Tage nach dem Erdbeben immer noch ohne Elektrizität.
Es wurde erneut deutlich, dass insbesondere abgelegene Dörfer in schwer zugänglichen Hanglagen bisher von jeglicher offizieller Hilfe ausgespart blieben. Grund ist sicher, dass die stärker betroffenen Stadtregionen Vorrang erhielten, aber Grund ist sicher auch, dass diese Gegenden nur mit bestimmten Fahrzeugen, Maultieren oder Wandertreks erreichbar sind. Die Zusammenstellung solcher Trupps ist dringend erforderlich. Auch Ärzteteams werden dringend in diesen Regionen benötigt, obwohl die Todes- und Verletztenrate wahrscheinlich niedriger ist als in den urbanen Regionen.
Die FNSt hat unbürokratisch und schnell aus Eigenmitteln der Stiftung 2.000,- Euro zur Verfügung gestellt. Dieser werden ausschließlich genutzt, um Transporte der in den Städten Islamabad und Rawalpindi gespendeten und gesammelten Hilfsgüter zu finanzieren. Das Geld wird voraussichtlich für ca. 25 Missionen reichen, auf denen ca. 50 Tonnen Güter in betroffene Gebiete gebracht werden. Da wir uns auf die Berg- und Dorfregionen konzentrieren, ist dies eine wichtige Ergänzung zu den Gesamthilfsmaßnahmen. Mittlerweile gibt es im Kaschmir ein vor Ort organisiertes Verteilungssystem, so dass zwar nicht die vorwiegend individuell organisierten Transporte koordiniert werden, wohl aber dann die Verteilung vor Ort. Es werden auch Fahrzeuge weitergeschickt, wenn in einzelnen Ortschaften (vorwiegend an den Hauptstraßen) bereits über genügend Bevorratung verfügen.
Der Staat Pakistan und das Management der Hilfsmaßnahmen
Eine Katastrophe solchen Ausmaßes ist sicher für jeden Staat eine Herausforderung, auf die man normalerweise nicht vollständig vorbereitet ist (siehe auch Hurrikan Katrina in den USA). Pakistan als Entwicklungsland bildet da keine Ausnahme. Hinzu kommt, dass das Erdbeben in den landschaftlich am schwersten zugänglichen Regionen wütete. Dennoch kam es kaum zu einer Informationsverzögerung an die Öffentlichkeit, womit man angesichts der Tatsache, dass der Kaschmir eine militärisch abgeschottete und politisch brisante Zone ist, kaum rechnen konnte. Schon nach 24 Stunden, am Sonntag, dem 09. Oktober 2005, kamen erste internationale Hilfsflüge in Pakistan an. Den oft ohne Visa einreisenden ausländischen Hilfskräften wurde ohne viel bürokratischen Aufwand die Arbeit ermöglicht. Der bisherige Erzfeind und Nachbar Indien bot ebenfalls schnelle Hilfe (u. a. 50.000 Zelte!) an, die bis auf eine Ausnahme auch angenommen wurde. Die Ausnahme ist der Einsatz von sechs indischen Hubschraubern, was Pakistan ablehnte. Wahrscheinlich aus Angst, dass Indien diese für Spionage im pakistanischen Teil des Kaschmirs (Azad Jammu & Kaschmir) nutzen könnte. Andererseits gestattete Indien aber Hubschrauber-Flüge in der Grenzregion zwischen Pakistan und Indien, was als sehr positiv gewertet werden kann.
Enttäuschend war bisher, wie das Militär zum Einsatz kam. Das Militär, welches sicher die notwendige Technik und die notwendigen Kapazitäten zur Bewältigung einer solchen Krise hat, reagierte erst sehr verspätet und dann schlecht gemanagt. Man hätte von einem militärisch dominierten Staat mit einem General an der Spitze mehr erwarten können. Sicher ist ein Grund, dass die Armeeeinheiten im Kaschmir selbst stark betroffen wurden bei dem Erdbeben. Dennoch hätte die militärische Kommandostruktur ein schnelleres Reagieren möglich machen müssen. Das bezieht sich auf einfache Maßnahmen wie die Instandsetzung von Straßen, die Regulierung von unerwartet hohem Verkehrsaufkommen, die Sicherung von Transporten, die Transporte selbst, Erkundungsmissionen in schwer zugängliche Regionen und Aufräumarbeiten. Das alles geschah am Anfang nicht, später nur zögerlich.
Das Kabinett geführt vom Premierminister Shaukat Aziz lenkt und leitet die Krisenoperationen seit Montag, dem 10. Oktober 2005. Es hat u. a. angekündigt, dass die Städte als Modellstädte wieder aufgebaut werden sollen. Außerdem sind neue Richtlinien für den Bau von Gebäuden angekündigt worden. Das Kabinett hat auch beschlossen, dass Regierungsangestellte ein bestimmtes Maß (entsprechend ihrer Einkommensgruppierung) ihrer Einkommen spenden müssen. Der President Relief Fund hat bisher ca. 60 Mio. Euro Spenden erhalten, 530 Mio. Dollar sind bereits aus dem Ausland angekündigt. Zölle für dringend benötigte einzuführende Waren wurden ausgesetzt. Für Wiederaufbaumaßnahmen wurden bisher ca. 100 Mio. Euro aus dem Staatshaushalt bereitgestellt bzw. angekündigt.
Die politische Opposition hat anfangs angesichts der nationalen Katastrophe Schulterschluss mit der Regierung demonstriert, mittlerweile kritisiert sie das schlechte Krisenmanagement der Regierung und verbindet das erneut mit Rücktrittsforderungen. Auch wurde das völlige Versagen der National Crisis Mangament Cell (eine Art Katastrophenschutz) gebrandmarkt. In der Tat war von dieser Einrichtung nichts zu hören.
Hinsichtlich der schnellen Soforthilfe ist zu sagen, dass Lebensmittel weitestgehend flächendeckend geliefert wurden. Dies geschah vor allem auch deshalb, weil innerhalb der pakistanischen Bevölkerung eine Welle der Solidarität zu einer immens großen Zahl von Geld- und Sachspenden geführt hat. Große Probleme gibt es bei der medizinischen Versorgung, da auch viele Krankenhäuser zerstört wurden. Internationale Ärzteteams sind im Einsatz, bestehen aber vorwiegend aus männlichen Ärzten. Streng muslimische Pakistanis lehnen es ab, dass verletzte Frauen von männlichen Ärzten behandelt werden, selbst bei schweren Verletzungen.
Inzwischen sind ca. 60 medizinische Camps eingerichtet.
Zelte sind das Hauptproblem, da die meisten Häuser nicht vor Einbruch des Winters repariert oder gar wieder aufgebaut werden können. Bis dato wurden ca. 60.000 Zelte in das Erdbebengebiet geflogen. Angesichts von ca. 3-4 Mio. Obdachlosen sind das nur ca. 15% des Bedarfes. Mehr Zelte sind in Pakistan z. Z. nicht mehr verfügbar. Die Neuproduktion dauert Wochen. Ob die internationalen Hilfsorganisationen in der Lage sind, weitere hunderttausende Zelte zu liefern, bleibt abzuwarten.
Die Hoffnung, dass die Bewältigung des Katastrophe Indien und Pakistan näher zueinander führen könnte oder dass gar der Kaschmirkonflikt nunmehr einfacher lösbar würde, halte ich für sehr wage. Auf der indischen Seite sind „nur“ ca. 1.300 Tote zu beklagen, die Zerstörungen halten sich ebenfalls in Grenzen. Das heißt, für Indien ist es keine solche Katastrophe wie für Pakistan. Indien könnte demnach nun als „Gönner“ auftreten, was wahrscheinlich an Pakistans Ehre kratzt. Trotzdem bleibt zu hoffen, dass politische Vernunft die Oberhand gewinnt und auch die Chance in der Tragödie erkannt wird.
Der Wiederaufbau des Kaschmir wird derzeit mit ca. 5 Mrd. Dollar veranschlagt, die Zeitspanne 5-10 Jahre. Dies kann Pakistan keinesfalls allein bewältigen. Die internationale Staatengemeinschaft ist hierbei gefragt ähnlich wie beim Tsunami vor knapp einem Jahr. Ein WHO-Mitarbeiter stellte fest, dass dieses Erdbeben in Pakistan als Einzelstaat mehr Schaden angerichtet hat als der Tsunami. Daraus leitet er ab, dass die internationale Staatengemeinschaft in der „Pflicht“ ist mindestens ebenso viel zu tun wie bei der Tsunamikatastrophe.
Da der Kaschmir ohnehin eine rückständige Region ist, ergibt sich die Chance, dieses Gebiet beim Wiederaufbau infrastrukturell, landwirtschaftlich und industriell zu modernisieren. Da der Wiederaufbau nur mit internationaler Hilfe geht, heißt das auch, dass die Region nicht mehr abschottet und militärisches Aufmarschgebiet bleiben kann, was ebenfalls zu einer politischen Öffnung führen könnte. Das wiederum ist auch eine Herausforderung für die Pakistan-Indien-Beziehungen, diese endlich zu befrieden.
Mehr zum Hintergrund
Peter-Andreas Bochmann
Projektleiter Pakistan
Friedrich-Naumann-Stiftung