Neue Original-Dokumente aus der Naumann-Zeit

Barth Genau passend zum 150. Geburtstag ihres Stiftungspatrons im März 2010 konnte die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit glücklich etliche Naumann-Autographen erwerben. Es handelte sich um die Korrespondenz Friedrich Naumanns mit dem liberalen Ökonomen und zeitweisen Reichstagsabgeordneten Gerhart von Schulze-Gaevernitz (1864-1943). Knapp zwei Jahre später verzeichnet das Archiv des Liberalismus in Gummersbach den Zuwachs weiterer Originaldokumente aus der Zeit um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Wieder ist von Schulze-Gaevernitz der Adressat, diesmal von fünf Briefen des linksliberalen Parlamentariers Theodor Barth (1848-1909).
Dieser war ein führender Politiker der kleinen Freisinnigen Vereinigung, die sich 1893 vom Freisinn Eugen Richters (1838-1906) abgespalten hatte. Zugleich gab Barth mit der „Nation“ eine weithin beachtete linksliberale Wochenschrift heraus. In diesem Zusammenhang kam der Kontakt zwischen dem Berliner Reichstagsabgeordneten und dem Freiburger Professor zustande: In den jetzt erworbenen Briefen wird vor allem der Abdruck zweier Vorträge diskutiert, die von Schulze-Gaevernitz kurz zuvor zum Thema „Handelspolitik und Flotte“ gehalten hatte. Dabei versuchte er den Nachweis zu führen, dass der Aufbau einer starken deutschen Flotte eher freiheitsfördernd als –hemmend sei,weil dies außenpolitisch die Beziehung zu Großbritannien eher stabilisieren und innenpolitisch ein Instrument gegen die ostelbischen Junker und damit die konservativen Kräfte sei. Weltpolitisch würde damit der Freihandel eher unterstützt und Deutschland könnte seinen Außenhandel besser absichern. Barth sah dies, anders als die größere freisinnige Schwesterpartei, inzwischen ebenso und druckte nicht nur die Vorträge in seiner Zeitschrift ab (1), sondern sorgte auch für deren weitere Verbreitung durch eine separate Broschüre.(2)
Ausgehend von diesen politischen Gemeinsamkeiten warb Barth zugleich in diesen Briefen um eine Kandidatur zum Reichstag des politischen noch nicht gebundenen Wissenschaftlers auf dem Ticket der Freisinnigen Vereinigung. Als mögliche Alternativen kamen Wahlkreise in Kiel und Schaumburg-Lippe in Frage, wobei man sich letztlich gegen die Küstenstadt und für die kleinstaatliche Region entschied, weil dort die Aussichten zur Verteidigung eines freisinnigen Mandats besser schienen. Auch wenn sich der erhoffte Erfolg 1898 noch nicht einstellte, - der Sitz für Bückeburg ging nicht an von Schulze-Gaevernitz, sondern an Richters Freisinnige Volkspartei, blieb also immerhin in der liberalen Familie; damit war jedoch eine enge Verbindung zwischen dem organisierten Liberalismus und diesem bedeutenden Ökonomen hergestellt, der später nicht nur dafür sorgte, dass Barth und Naumann 1903 zusammenfanden. Von Schulze-Gaevernitz zog 1912 für Freiburg als liberaler Abgeordneter in den Reichstag ein und gehörte bis zu Naumanns Tod 1919 zu dessen engsten Vertrauten und politischen Ratgebern. Am Anfang seines Weges zum und mit dem organisierten Liberalismus stehen diese jetzt erworbenen Briefe.
Jürgen Frölich
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(1) Vgl. Die Nation Nr. 22 v. 26.2.1898, S. 310-314, Nr. 23 v. 5.3.1898, S. 328-332 u. Nr. 24 v. 12.3.1898, S. 347 f.
(2) Gerhart v. Schulze-Gaevernitz: Handelspolitik und Flotte: Vorträge gehalten auf Einladung des kaufmännischen Vereins, der Handelskammer und des Börsenvorstandes zu Mannheim am 21. und 24. Januar 1898. Berlin 1898.




