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Migration muss in der NAFTA legalisiert werden

Tanja Wunderlich und Bernardo González
Tanja Wunderlich und Bernardo González
„Mexiko profitiert überhaupt nicht von den Geldsendungen seiner Auswanderer“, erklärte Professor Augustín Escobar vom CIESAS (Centro de Investigaciones y Estudios Superiores en Antropología Social) Guadalajara. Mit seiner Analyse räumte Escobar mit einem Mythos auf, dass Mexiko immer mehr von seinen mittlerweile rund 25 Millionen in den USA lebenden Mexikanern, darunter schätzungsweise sechs Millionen Illegale, profitieren würde. Alleine im Zeitraum von Juli bis September des vergangenen Jahres überwiesen mexikanische Gastarbeiter aus den USA rund 5,4 Milliarden Dollar an ihre Angehörigen. Auf das Jahr hoch gerechnet stieg der Anteil von 2003 auf 2005 um mehr als ein Prozentpunkt auf über drei Prozent des Bruttoinlandproduktes. Die Remesas, so heissen die Überweisungen, sind mittlerweile die zweitwichtigste Devisenquellen nach dem Erdöl und vor dem Tourismus.

Bernardo González, Rómulo López und Carlos Jimenez García
Bernardo González, Rómulo López und Carlos Jimenez García
Das Mexiko-Büro der Friedrich Naumann Stiftung organisierte mit der Atlas Economic Research Foundation ein internationales Seminar zum Thema „Migration im 21. Jahrhundert aus amerikanischer und europäischer Sicht“ an der „Escuela de Graduados de Administración Publica y Politicas Publicas“der renomierten Privatuniversität Tecnologico de Monterrey.

Zahlreiche Experten diskutierten auf hohem Niveau und setzten neue Massstäbe in der Beurteilung des weltweiten Phänomens der Migration. Augustín Escobar rechnete aus, dass die mexikanische Gesellschaft überhaupt nicht von der Migration profitiere: „Die Geldüberweisungen im Fall Mexikos spiegeln nur ein Fünftel des BIP-Pro-Kopf-Einkommens wider.“ In anderen Ländern seien die Quoten wesentlich vorteilhafter, wie zum Beispiel in Nicaragua, Guatemala oder Hondruas, wo die Einnahmen 100 bis 200% höher sind als das im Lande erwirtschaftete Bruttoinlandsprodukt pro Kopf. Auch das Argument, dass die Geldsendungen die Ungleichheit reduzieren würde, sei ein Trugschluss. „Zwar sei es richtig, dass durch die „Remesas“ Mexikos GINI-Koeffizient von 0,73 auf 0,53 sinke“, so Escobar, „doch wenn man mehr Jobs in Mexikos schaffen würde, sinke er gar auf 0,49 Prozent.“ Nach seinem Fazit müsste Mexiko die illegale Auswanderung verhindern.

Mariana Gabarrot
Mariana Gabarrot
Die Sozialwissenschaftlerin Mariana Gabarott von der EGAP ergänzte, dass zum Beispiel in einem der ärmsten Bundesstaaten Mexikos, Oaxaca, nur zehn Prozent der Bevölkerung von den Geldsendungen lebte. Bislang hat es sich jede mexikanische Regierung sehr einfach gemacht. Anstatt im eigenen Land notwendige Reformen durchzuführen, die Arbeitsplätze schaffen, vor allem durch eine Liberalisierung des Marktes, der Privatisierung staatlicher Unternehmen oder dem radikalen Abbau von Bürokratiehindernissen, hat Mexiko überschüssige Arbeitskräfte in die USA auswandern lassen. Doch weniger arme Bauern als billige Hilfskräfte in der US-Landwirtschaft sind eine Herausforderung für die mexikanische Gesellschaft; vielmehr ist Mexiko ein Verlierer des „Brain-drain“. Rund 32 Prozent aller mexikanischen Männer mit Doktortitel und sogar 39 Prozent aller Frauen mit Doktorhut arbeiten in den USA. Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 hat die USA die Sicherheitsvorkehrungen an ihren Grenzen verschärft. Sonya Tafoya vom PEW Hispanic Center in Washington D.C. wies nach, dass einige Tage vor den Terroranschlägen die Präsidenten Fox und Bush sich prinzipiell über den Abschluss eines Migrationsabkommens einig waren. Die Angst vor weiteren Terroranschlägen bewirkte aber eine Militarisierung der Grenze und eine Kriminalisierung der undokumentierten Einwanderer. Der Bau einer Mauer an der über 3500 Kilometer langen Grenze soll nach dem Willen der US-Republikaner nun die „Einwandererflut“ stoppen. Interessant ist allerdings, dass die steigenden Ausgaben zum Schutz der Grenze nicht die wachsende Einwanderung in die USA aufhalten konnten. Je mehr die mexikanische Wirtschaft mit den USA zusammenwächst (fast 90 Prozent des mexikanischen Exports geht nach Nordamerika), desto höher die illegale Migrationsquote. „Deswegen macht es auch Sinn in der NAFTA die Migration zu legalisieren“, so Pablo Izquierdo, der ehemalige spanische Abgeordnete der Volkspartei und gegenwärtige Präsident der „Fundación Iberoamerica Europa“. Während das Thema emotional in Mexiko diskutiert wird, spielt es in der US-amerikanischen Öffentlichkeit keine Rolle. Tafoya: „Themen wie der Irakkrieg oder die Gesundheitsvorsorge sind wesentlich wichtiger.“

René Zenteno, Rodolfo Casillas, Lisette Ordoñez, Victor M. Bullé und Pablo Izquierdo
René Zenteno, Rodolfo Casillas, Lisette Ordoñez, Victor M. Bullé und Pablo Izquierdo
Ein wichtiger Bestandteil des Seminars waren die europäischen Perspektiven zum Thema Migration. Greorgy Maniatis vom Washington Migration Policy Institute kam in seiner Vergleichsstudie zum Ergebnis, dass in vielen Punkten trotz aller Kritik die amerikanische Migrationspolitik erfolgreicher sei als die europäische, weil sie weder marginalisiere noch Arbeitslosigkeit schaffe. Und Tanja Wunderlich, Migrationsexpertin beim German Marshall Fund in Berlin, belebte die Diskussion mit anschaulichen Daten für Europa, dass klassische Einwanderländer wie Deutschland oder die Niederlande mittlerweile von Spanien, Italien und Portugal abgelöst wurden und in Zukunft Migrationsbewegungen sich nach Mitteleuropa in die neuen EU-Beitrittsländer wie die Tschechische Republik, Polen oder Ungarn orientierten. Und das könnte auch für Mexiko gelten. Zwar benutzen viele Mittelamerikaner, wie Lissette Ordónez Sáenz vom guatemaltekischen Aussenministerium darlegte, Mexiko als Sprungbrett in die USA, doch viele blieben auch letzten Endes in Mexiko. Für die mexikanische Politik bedeute dies, weiter im Rahmen der sogenannten ASPAN (Alianza para la Seguridad y la Prosperidad de América del Norte), der Allianz für Sicherheit und Wohlstand in Nordamerika, nach einem länderübergreifenden Abkommen zu suchen, dass Sicherheit und Migration in Einklang bringe, so der Abgeordneter der PRI und Vorsitzender der Parlamentarischen Kommission für Internationale Angelegenheiten, Carlos Jimenez Macias.

Carlos Jimenez
Carlos Jimenez
Die Seminarteilnehmer präsentierten neue wissenschaftliche Ansätze und zeigten, dass gerade in Amerika die europäische Perspektive ein wichtiger Bestandteil der Politikanalyse sein könne. In den kommenden Monaten wollen die Naumann-Stiftungsbüros in Mexiko und Washington ein Fortführungsseminar organisieren, in dem konkrete Politikvorschläge ausgearbeitet und vorgestellt werden sollen.


Dr. Thomas Cieslik
Projektkoordinator Mexiko
letzte Änderung: 12.09.2008


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