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Mehr Qualität für Berliner Schulen

Isobel McGregor und Publikum
Isobel McGregor und Publikum
Seit Ende März nimmt Berlin seine Schulen unter die Lupe. Können Schulinspektion und Evaluation die Qualität von Bildung wirklich verbessern oder sollen diese Instrumente nur dazu dienen, wie Kritiker meinen, Kontrollen durchzuführen und Mängellisten zu erstellen? Wie sehr diese Fragen Berliner Pädagogen, Eltern, Schülern, Erziehungswissenschaftlern und Vertretern der Bildungsverwaltung unter den Nägeln brennen, zeigte die große Resonanz auf eine gemeinsame Fachtagung des Büros Berlin-Brandenburg mit dem British Council (BC) zum Thema "Mehr Qualität für Berliner Schulen - Transparenz und Wettbewerb durch Inspektion, Evaluation und Ranking". Kurzfristig musste wegen der hohen Zahl von Anmeldungen die Veranstaltung verlegt werden.

Michael Bird, British Council, Deutschlanddirektor
Michael Bird, British Council, Deutschlanddirektor
Die Förderung des Austauschs von "best practice" in Europa ist eines der Ziele des British Council, so die Eingangsworte des schottischen Deutschlanddirektors Michael Bird im dicht besetzten Konferenzraum des Hotels Alexander Plaza. Über die Kontaktaufnahme seitens der Friedrich-Naumann-Stiftung und das Interesse, die langjährigen Erkenntnisse zu Schulinspektionen in Schottland einem breiteren Publikum in Berlin bekannt zu machen, habe er sich sehr gefreut. Mit dem Vortrag der schottischen Schulinspektorin Isobel McGregor verbinde das BC die Hoffnung, so Michael Bird, die schottischen Erfahrungen als wertvolle Anregung in die anschließende Diskussion der Berliner Expertenrunde einbringen zu können.

"Die Lehrer sind nicht gerade auf 'Wolke sieben', sie sind nicht ekstatisch, wenn wir kommen" – so beschrieb Isobel McGregor, Senior Inspector des HMIE (Her Majesty's Inspectorate of Education) das Verhältnis vieler Lehrer zu Schulinspektionen. Zustimmendes Kopfnicken erntete sie aus dem Publikum, hatte sie doch vielen im Saale tief aus der Seele gesprochen. Die Lacher auf ihrer Seite hatte sie mit der ergänzenden Bemerkung: "Aber 99% der Eltern lieben Inspektionen." Sie hätten eben Tradition. 1840 schuf Schottland ein Inspektionswesen, dessen Berichte seit 1983 öffentlich zugänglich sind. Die Selbstevaluation wurde 1993 eingeführt; seit 2000 untersucht HMIE neben Schulen auch die Schulbehörden. Alle Inspektionsberichte und Untersuchungen werden auf den HMIE-Webseiten www.hmie.gov.uk veröffentlicht. HMIE sei unabhängig vom Staat, werde aus Steuern und lokalen Abgaben finanziert, auch die Schulen leisteten einen Beitrag für die Inspektion. Schottische Bürgerinnen und Bürger seien interessiert zu wissen, ob ihre Schulen gut arbeiteten. Andererseits hätten schottische Lehrkräfte ein professionelles Interesse an Rückmeldung über den Erfolg ihrer Arbeit. Eine gute Bewertung steigere das öffentliche Ansehen der Schule und ihrer Lehrerschaft. Dies wirke sich positiv auf ihre Berufszufriedenheit und Leistungsbereitschaft aus und beuge einem möglichen "Burn-out-Syndrom" vor.

Isobel McGregor
Isobel McGregor
Wie verlaufen Inspektionen, welche Ziele und Prinzipien bestimmen die Arbeit von HMIE, wie können Schulen ihre Qualität steigern? Nach 21 Berufsjahren nannte Isobel McGregor als oberstes Ziel "Verbesserung, nicht Kontrolle". Wichtigstes Grundprinzip ist nach ihrer Erfahrung, dass Schulen und Lehrer Verantwortung für ihre Leistung, für die Qualität der Erziehung und die Leistungen der Schüler übernehmen. Ergänzend dazu die Aufgabe der Schulverwaltungen, Schulen zu fordern und zu fördern, den Schulen Unterstützung bei der Qualitätsverbesserung zu geben. In enger Zusammenarbeit mit den Schulbehörden hat das HMIE als externe unabhängige Institution die Aufgabe, sich auf nationaler Ebene für eine qualitative Verbesserung aller Schulen und Schulbehörden zu engagieren. Die Inspektoren kommen "vom Fach": Speziell geschulte ehemalige Lehrerinnen und Lehrer; auch Schulleiter anderer Schulen und sogenannte Laien sind eingebunden. In ein- bis zweiwöchigen Schulbesuchen, die alle fünf bis sechs Jahre stattfinden, werden u. a. überprüft: Die Leistungen der Schülerinnen und Schüler, ihre Betreuung und Unterstützung, Qualität von Curriculum, Lehre und Lernen, Schulethos, Beziehungen zu Eltern und Gemeinde und die Schulleitung. Die Ergebnisse der Evaluation, das Leistungsprofil von Stärken und Schwächen, werden ausführlich mit der Schule besprochen und konkrete Verbesserungsvorschläge gemacht. Je besser eine Schule abschneide, umso intensiver bleibe man später mit ihr im Kontakt, um im Sinne von "best practice" anderen Schulen Erfahrungen für eine erfolgreiche Arbeit vermitteln zu können. Auch (Lokal-)Politikern wird fachmännischer Rat angeboten, der – so Isobel McGregor schmunzelnd – nicht immer gern gehört werde.

Als weitere wichtige Säule im schottischen Gesamtschulsystem gilt die seit 1993 praktizierte Selbstevaluation unter Beteiligung aller Lehrer und Schüler. Dabei genüge es nicht, dass Schulen und Lehrer glaubten, sie seien gut. Wie könnten sie denn wissen, so Isobel McGregor, ob das, was sie für gut hielten, auch wirklich gut sei und von den Inspektoren so bewertet würde? Ein Leitfaden mit 33 Qualitätsindikatoren wurde deshalb Anfang der 90er Jahre in einem Team von Inspektoren, Lehrern und Wissenschaftlern konzipiert. Mit dem Manual How good is our school?* könnten sich Schulen informieren, worauf es HMIE bei einer Inspektion ankomme, welche Anforderungen eine gute Schule erfüllen müsse und es gebe Tipps zur Selbstevaluation. Selbstevaluation sei kein Eigenzweck, solle nicht zur Selbsttäuschung verführen und mehr tun als Stärken und Schwächen zu identifizieren. "Sie soll ermutigen und Kraft geben, Verbesserungsprozesse anstoßen und die Arbeit aller durchdringen". Für eine gute Selbstevaluation bedürfe es einer starken, unabhängigen Institution wie HMIE, die diesen Prozess unterstütze und moderiere.

Verbessert Inspektion die Schulqualität? Ein klares Ja dazu von Isobel McGregor. Kontrollbesuche nach ein oder zwei Jahren zeigten i.d.R. dauerhafte Verbesserungen. Inspektionen würden auch nicht als Schulleiter- oder Lehrerschelte verstanden. In einer unabhängigen Umfrage äußerten 70 % der Schulleiter, Inspektionen hätten ihnen sehr viel, 20 % viel geholfen. Selbst Lehrer beurteilten dies zu 43 % als eine sehr positive, 40 % als positive Unterstützung. "Wir müssen junge Menschen fit machen für eine Zukunft, die wir nicht kennen, wir müssen ihnen die bestmögliche Bildung im bestmöglichen Schulsystem geben", so der Schlussappell von Isobel McGregor. "Das Prinzip lebenslanges Lernen gilt auch für Schulen, Lehrer und Schulbehörden."

Das Podium unter der Leitung von Susanne Vieth-Entus, Redakteurin des Tagesspiegels, zeigte sich von den schottischen Erfahrungen beeindruckt. Mieke Senftleben MdA, bildungspolitische Sprecherin der FDP-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, forderte die dringende Verbesserung der Berliner Schulen. Evaluation und Inspektion seien unentbehrlich zur Qualitätssteigerung, ein Ranking als Information für die Öffentlichkeit notwendig. Schulen müssten aber besser gefördert und unterstützt werden. Lehrer sollten ihre Probleme offen ansprechen und Hilfe zulassen. Man müsse ihnen die Angst nehmen, Inspektionen als Kontrolle zu empfinden. Neben der bundesweiten Abschaffung des Beamtenstatus für Lehrer forderte sie ein flexibleres Personalrecht. Schulen sollten selber über die Einstellung eines Lehrers entscheiden dürfen. Eine starke Schule brauche auch einen starken Leiter, der mit mehr Kompetenzen ausgestattet sein müsse.


Hans-Jürgen Kuhn, Mieke Senftleben MdA, Susanne Vieth-Entus (v. lks.)
Hans-Jürgen Kuhn, Mieke Senftleben MdA, Susanne Vieth-Entus (v. lks.)
Hans-Jürgen Kuhn, Leiter des im Februar 2006 gegründeten Instituts für Schulqualität (ISQ) der Länder Berlin und Brandenburg, sieht das ISQ als eine Serviceeinrichtung für Schulen, Schulverwaltungen und die Bildungspolitik beider Länder. Es entwickelt u. a. Konzepte für Lernstandsmessungen, für die so genannten "Vergleichsarbeiten", die er als ein Element in einem Gesamtsystem zur Steigerung von Schulqualität und Unterrichtsentwicklung sieht. Auch wenn Vergleichsarbeiten oft kritisch gesehen werden, so appellierte er an die Lehrerkollegen, sie als eine Aussage über den Kompetenzstand anzunehmen. Die Ergebnisse sollten an den Schulen Anlass zum Dialog unter Kollegen geben, um voneinander zu lernen, wie Unterrichtsqualität gemeinsam optimiert werden könne. Lehrer müsse man aber auch als "Hoffnungsträger" begreifen. Dazu sollten wie in Holland und Schottland innerschulische Unterstützungssysteme ausgebaut und die Schulen nicht nur mit Prüfsystemen überzogen werden. Seine Forderung, Schulen nicht nur abzustrafen, quittierte das Publikum mit großem Beifall.


Lothar Sack
Lothar Sack
Lothar Sack, Schulleiter an der bundesweit ältesten Gesamtschule in Berlin und Vertreter der GEW, hielt Evaluation und Inspektion grundsätzlich für notwendig. Er bemängelte aber das Fehlen nationaler Bildungsziele in Deutschland, über die z.B. skandinavische Länder verfügten. Deutschland "leiste" es sich, dass in manchen Ländern bis zu 40% eines Schülerjahrgangs "Ehrenrunden" drehten. Seiner Ansicht nach sollte jeder Schüler gefordert und gefördert werden, die Zahl der Sitzenbleiber müsse reduziert werden. Deutschland könne nur mit seinem Wissen als Kapital wuchern. "Nur durch Wiegen wird die Sau nicht fett". Bei Evaluationen müsse daher ein klares Ziel vorgegeben werden, was man erreichen wolle; nur dann sei durch dieses Instrument eine Verbesserung zu erreichen. Dabei müsse Lehrern auch die Möglichkeit zur Weiterbildung gegeben werden.

Dr. habil. Hans Döbert
Dr. habil. Hans Döbert
Dr. habil. Hans Döbert, vom Deutschen Institut für pädagogische Forschung, war sich mit dem GEW-Vertreter einig, dass manche Reformen in Deutschland momentan etwas überhastet liefen. Getragen von dem Glauben, das deutsche Schulwesen sei gut, habe man sich über 20 Jahre nicht an Vergleichsstudien beteiligt. Die ernüchternden PISA-Ergebnisse brächten jetzt rasante Veränderungen. "Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser." Dieses deutsche Sprichwort kenne auch eine dritte Stufe: "Am besten ist eigentlich zu fördern, zu unterstützen". Hier müsse nach seiner Ansicht in Zukunft der Schwerpunkt liegen. Supportsysteme für Lehrer und Schulen müssten wie in anderen Ländern auch in Deutschland von Anfang an mit eingeplant werden. Durch eine Verschlankung der Schulverwaltungsstrukturen könnte in Deutschland Geld eingespart werden, das man Schulen für Weiterbildung direkt zur Verfügung stellen könne. Das System des individuellen Coachings, wie es Bremen in Zusammenarbeit mit pensionierten Lehren für die Schulen anbiete, sei ein richtiger erster Schritt.

Engagierte Diskussion mit den Teilnehmern
Engagierte Diskussion mit den Teilnehmern
Engagiert brachte sich das Fachpublikum in die Podiumsdiskussion ein. Kommentare und Fragen zeigten einerseits eine deutliche Angst vor "Lehrer-Inspektionen", die nur noch mehr demotivieren könnten. Das Problem des "Ausgebranntseins" wurde von Eltern wie Lehrern angesprochen. Schwierige Schüler würden nur abgeschoben, ausgesondert. Die schlechte bauliche Ausstattung der Schulen schaffe ein Klima der sinkenden Identifikation. Im kopiengestützten Unterricht, so eine Elternvertreterin, erlitten die Schüler heute den "Tod durch Erblättern". Mehr Leichtigkeit müsse im Unterricht einziehen. Kollegien bräuchten heute, so eine Lehrerin, mehr Unterstützung, auch regelmäßige Supervision.

Dafür, so Hans-Jürgen Kuhn, brauche man noch Zeit. Ein Ranking jedoch, wie zuvor von mancher Seite gefordert, sei für ihn "schwer vorstellbar", besser seien Schulportraits, die Transparenz schafften. Mieke Senftleben MdA demgegenüber hielt es für besser, offizielle Rankings anzubieten als sie durch die Boulevardpresse erstellen zu lassen. In Schottland, so Isobel McGregor, gebe es zwar kein offizielles Schulranking, man könne aber gut mit der Veröffentlichung der Ergebnisse in der Presse leben. Wie sehr das Thema 'Qualitätsverbesserung an Schulen' bei Publikum und Podium einen persönlichen Nerv getroffen hatte, zeigte sich an der bis weit nach Mitternacht dauernden Diskussion im Kreise aller Experten nach Schluss der Veranstaltung.

Die Veranstaltung fand im Rahmen der Initiative pro kopf der Friedrich-Naumann-Stiftung statt und wurde gefördert aus Mitteln der Deutschen Klassenlotterie Berlin.

Monica Wolsky
Büro Berlin-Brandenburg


Isobel McGregor, Her Majesty's Inspectorate of Education, Scotland: Inspektion und (Selbst-)Evaluation – eine schottische Perspektive

*How good is our school? liegt in deutscher Übersetzung vor:
Cornelia Stern, Peter Döbrich (Hrsg.): Wie gut ist unsere Schule? Selbstevaluation mit Hilfe von Qualitätsindikatoren, International Network of Innovative School Systems, Verlag Bertelsmann Stiftung, Gütersloh 1999
letzte Änderung: 12.09.2008


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