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Mehr Freiheit wagen

Eugen-Richter-Turm in Hagen
Eugen-Richter-Turm in Hagen
Die Theodor-Heuss-Akademie nutzte den 100. Todestag des langjährigen Hagener Reichstagsabgeordneten und „Manchester“-Liberalen Eugen Richter zu einer Bestandsaufnahme der aktuellen (liberalen) Politik sechs Monate nach der Bundestagswahl.

In einer Mischung aus Traditionsvergewisserung und Gegenwartsanalyse wurden die thematischen Erweiterungsfelder eines gleichermaßen prinzipienfesten wie populären Liberalismus ausgelotet. Dabei erhielt das Seminar durch eine kleine Exkursion ins etwa 50 km nördlich von Gummersbach gelegene Hagen zum jüngst durch private Mittel restaurierten Eugen-Richter-Turm einen besonderen Erlebniswert.

Würdigung des Freihändlers und Bürgerrechtlers im Eingangsbereich
Würdigung des Freihändlers und Bürgerrechtlers im Eingangsbereich
Am ersten Abend referierte Dr. Henrik Müller, geschäftsführender Redakteur des „manager magazins“, zentrale Gedanken und Befunde seines soeben erschienen Buches „Wirtschaftsfaktor Patriotismus – Vaterlandsliebe im Zeitalter der Globalisierung“. Dr. Müller konstatierte anhand von wirtschaftlichen und sozial-psychologischen Daten Grundzüge der „German Disease“ (also der Wachstumsschwäche) bzw. des „Deutschen Blues“ (also der gedrückten Stimmung). Die magere Lohnentwicklung der letzten Jahre und die gerade in gebildeten Kreisen extreme Kinderlosigkeit sind nur zwei von vielen Indikatoren dieser Krise, die auch weit hinreicht in ein fehlendes emotionales Gemeinschaftserleben, das andere Länder Patriotismus nennen.
Bizarrerweise fiel die deutsche Wiedervereinigung 1990 und damit die erneute Nationalstaatsgründung zeitlich mit der unverblümt ihre Zumutungen an den Standort Deutschland richtenden Globalisierung zusammen, was den Deutschen das Vertrauen in ihr bisheriges (korporatistisches) Wirtschafts- und Verteilungsmodell nahm. Ohne eine stabile nationale Identität, die die Brüche deutscher Geschichte aufgeklärt und selbstbewußt einbezieht, aber vor allem positive Gemeinschaftssignale auf der Basis vorhandener Vorzüge unseres Landes, seiner Institutionen und Menschen setzt, wird das krisengeschüttelte und verzagte Deutschland den Wettbewerb in einer globalisierten Welt zunehmend mutiger Nationen gerade im osteuropäisch-asiatischen Raum, von Nordamerika ganz zu schweigen, nicht erfolgreich bestehen können. Dr. Müller forderte in dem Zusammenhang insbesondere die Eliten in unserem Lande zu neuen Kooperationsformen und einem anderen „Spirit“ auf und lieferte unter dem Stichwort „Zerschlagt die BRD!“ gewiss die provokativste These. Dahinter verbirgt sich nichts anderes als die pragmatische Forderung nach Stärkung einen konsequenten Föderalismus mit Bereichen eigener Sozial- und Steuergesetzgebung.

Vortrag in kühler  Open-Air-Situation
Vortrag in kühler Open-Air-Situation
Sascha Tamm vom Liberalen Institut der Friedrich-Naumann-Stiftung würdigte zu Beginn des zweiten Tages die „Unzeitgemäßheit“ von Eugen Richter in der wilhelminischen Epoche und sah sich selbst in einer ähnlichen Situation sechs Monate nach Bildung der Großen Koalition. Nach wie vor wird die Politik maßgeblich von der Logik der Umverteilung und dem Einfluss von Interessengruppen dominiert. Freiheit und Verantwortung seien als Grundtugenden immer noch nicht breit verankert. Da überrascht es nicht, dass Bildung in Deutschland bis zum Schockerlebnis des PISA-Testes nicht hoch im Kurs stand (und steht), kommt man doch dank sozialstaatlicher Rundumversorgung auch gut „ so über die Runden“. Er rief den Liberalen zu, ihre Zielgruppen nach den gefestigten liberalen Prinzipien auszuwählen und auf den sich abzeichnenden angelsächsischen Mentalitätswandel gerade unter Jüngeren in Deutschland zu setzen.

Dr. Thorsten Lange von der Universität Mainz griff in seinem glasklar aufgebauten Vortrag zu den „Liberalen Gerechtigkeitsvorstellungen bei John Rawls und Robert Nozick“ ein für Liberale nach den Erfahrungen der Bundestagswahl („Soziale Kälte“) besonders dankbares Thema auf,
nämlich die Unterscheidung von sozialer (staatlicher Verteilungs-) Gerechtigkeit und liberaler (Regel- und Tausch-) Gerechtigkeit.

Gruppenbild auf dem Turm
Gruppenbild auf dem Turm
Der nordrhein-westfälische FDP-Generalsekretär Christian Lindner MdL komplettierte am letzten Tag die programmatischen Seminar-Überlegungen, die zuvor in äußerst fruchtbaren Arbeitsgruppen zu den liberalen Erweiterungsfeldern Kultur, Umwelt und sozialer Zusammenhalt auf den Weg gebracht wurden, um strategische Überlegungen, die weiter unten komplett in Textform nachzulesen sind.

Die Theodor-Heuss-Akademie wird im Juni 2007 das Eugen-Richter-Forum - voraussichtlich zu den Medien und Kommunikationswegen liberaler Botschaften fortsetzen. Wer mehr wissen will über Eugen Richter, den "letzten echtliberalen Führer im Parlament einer großen Nation" (Ralph
Raico) im wilhelminischen Deutschland, dem sei bis dahin ein früherer Artikel von mir zur Lektüre empfohlen.


Klaus Füßmann, Leiter des Veranstaltungsprogramms der Theodor-Heuss-Akademie

Eugen Richter - ein klassischer Liberaler

Strategiepapier von Christian Lindner MdL
letzte Änderung: 12.09.2008


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