Medienfreiheit in Osteuropa: „Wir sind der Schmerz“

Gut besuchte Veranstaltungen in Hamburg, Berlin, Frankfurt/M. und München Medienfreiheit in Osteuropa? Eine Veranstaltungsreihe in Berlin, Hamburg, Frankfurt am Main und München hat sich mit der Arbeit von Journalisten zwischen unmittelbarem Druck oder subtilen Formen der Einschränkung befasst.

Jolkin „Wir sind nicht die Ärzte, wir sind der Schmerz“, zitierte Nikolai Jolkin, Redakteur bei Stimme Russlands, den russischen Schriftsteller Alexander Herzen zur Aufgabe von Medien und Journalisten in Russland. Er referierte in Berlin, Hamburg und Frankfurt zur Situation in Russland. Dort informieren sich 85 Prozent der Bevölkerung über staatliche Fernsehsender, drei von ihnen strahlen landesweit aus. Es gebe durchaus nichtstaatliche Medien, z.B. im Printbereich. Doch haben sie kleine Auflagen und seien fast nur in den Metropolen erhältlich. Novaya Gazeta zum Beispiel, die kritische Zeitung, für die Anna Politkowskaja und Anastasya Barburova, die ermordeten Journalistinnen, arbeiteten, konnte die Auflage von 130.000 auf jetzt 170.000 erhöhen. Das scheint ein gutes Zeichen zu sein, aber angesichts der Größe des Landes, der Informationsgewohnheiten und der Tatsache, dass solche Zeitungen vor allem in den Metropolen erhältlich sind, wird deutlich, dass man von Medienpluralität nicht sprechen kann.
Gazprom kauft Zeitungen auf, die vielleicht zu kritisch schreiben und prompt ändert sich die Haltung des Blattes. Talkshows werden vor der Ausstrahlung aufgezeichnet. Etliche Medien sind auch einfach zu teuer oder gar nicht zu bekommen. Internetanschlüsse gibt es wiederum vor allem in den Großstädten und sich eine Satellitenschüssel installieren zu lassen, ist für viele unerschwinglich. Insofern könne man, so Jolkin, sicher nicht von Medienpluralismus sprechen und die Informationsmöglichkeiten blieben unbefriedigend.
„Medienfreiheit… vielleicht, Massenmedienfreiheit – nein!“
Andreas Umland, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für mittel- und osteuropäische Zeitgeschichte der Katholischen Universität Eichstätt, referierte in München zu Medienfreiheit in Russland. Er stellte fest, dass man sicher nicht von einer allgegenwärtigen offensichtlichen Zensur sprechen könne. Die Möglichkeiten und Methoden, Unerwünschtes nicht zu publik werden zu lassen, seien vielfältig und subtil. Es gebe schon Internetportale, Zeitungen oder auch Radiosender, die sich regierungskritisch äußerten oder die Themen der Opposition behandelten. Doch dies sei eben möglich, weil ihre Reichweite begrenzt und sie letztlich eine Spielwiese für Intellektuelle seien. Kritische und freie Massenmedien mit einer großen Reichweite gebe es hingegen nicht.
Die an Journalisten begangenen Morde müssten nicht unbedingt staatlich gesteuert sein, denn in einem Transformationsland wie Russland gebe es viele Akteure mit handfesten, eigenen Interessen. Doch die latente oder gar manifeste Unsicherheit, der Journalisten ausgesetzt sind und die offensichtliche mangelnde staatliche Bereitschaft, sie zu schützen und die Mörder zu Rechenschaft zu ziehen, zeigen wie es um die Arbeitsbedingungen von Journalisten hier steht.
„Wir spielen jetzt in einer Zwischenliga, in der es keine Meisterschaften gibt“

Durkot Dies stellte Juri Durkot, freier Journalist, in Berlin, Hamburg, Frankfurt und München für die Mediensituation in der Ukraine fest. Zwei gute und wichtige Errungenschaften könne man der Orangen Revolution vom November 2004 wirklich zuschreiben: freie Wahlen und freie Medien. Ukrainische Medien können sich nun nicht mehr um den Preis „Freie Presse Osteuropa“ der Zeit-Stiftung bewerben. Freedom House bewertet die Ukraine insgesamt zum zweiten Mal als freies Land. In der Medienlandschaft existiere heute ein Wettbewerb. Politiker begännen, Respekt vor Medien zu haben. Journalisten werden nicht mehr ermordet.





