Dahrendorf Lecture: Gretchenfragen, Greenpeace der Finanzwelt

Büste von Lord Ralf Dahrendorf
Dem Namensgeber hätte es gefallen. Religion und Wertekrise, der Westen und die Rolle der Zivilgesellschaft, politische Philosophie und Grundgesetzpatriotismus – es waren die großen Themen, die Gretchenfragen, weiten Felder und letzten Dinge, um die sich bei der Lord Ralf Dahrendorf Lecture in Freiburg alles drehte.
Im Juni 2009 war Dahrendorf verstorben, nur wenige Wochen nach seinem 80. Geburtstag. Ein Jahr später lud die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit ins Konzerthaus der südbadischen Metropole ein, um ihn, den Soziologen, Publizisten, Politiker und ehemaligen Vorsitzenden ihres Vorstands, mit einer nach ihm benannten Abendveranstaltung zu würdigen. Sie stand unter dem Titel „Der Islam und der Westen“. Knapp 400 Gäste waren der Einladung gefolgt.

Ehrengast: Walter Scheel, im Hintergrund Wolfgang Gerhardt MdB
Wolfgang Gerhardt MdB, Vorsitzender des Stiftungsvorstands, erinnerte in seiner Begrüßung an die Verbundenheit des Lords mit Freiburg, vor allem an die geistigen Spuren, die er in den Freiburger Thesen hinterlassen hatte. Im vergangenen September war eine Veranstaltung mit Dahrendorf im Auditorium Maximum der hiesigen Universität geplant, in Erinnerung an seinen Beitrag zur programmatischen Profilierung des deutschen Liberalismus. Der Tod des Lords hatte diesen Plan zunichte gemacht.
Kapitalismus auf eine neue ethische Basis stellen
Eine persönliche Note hatte auch das Grußwort von Michael Göring, Vorsitzender des Vorstands der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius – sie gehörte neben der „Badischen Zeitung“, für die der Wahl-Schwarzwälder Dahrendorf als Berater tätig gewesen war, zu den Mitveranstaltern der Lecture. Zwei Jahre sei Dahrendorf in den 90er Jahren zu Gast im Archiv der ZEIT-Stiftung gewesen, im Rahmen seiner Arbeit an einer Bucerius-Biografie. Der Gedankenaustausch damals sei, so Göring, ein enormer Gewinn gewesen.

Göring
In einem Vortrag, mit dem das Hauptprogramm des Abends begann, versuchte Helmut K. Anheier, Soziologieprofessor aus Heidelberg, das, was Lord Dahrendorf vor seinem Tod über die Finanzmarktkrise gesagt hat, fortzuschreiben. Die Krise sei, so Anheier auch eine Wertekrise, sie schreie danach, den Kapitalismus auf eine neue ethische Basis zu stellen. Dabei sei vor allem die Zivilgesellschaft gefragt. Tatsächlich hat sie ihren Platz im komplexen Gefüge der Finanzwelt bislang noch so recht nicht gefunden. Was nötig sei, um Krisen wie die gegenwärtige in Zukunft zu verhindert, sei, so Anheier, eine Art „Greenpeace der Finanzpolitik“, eine „Stiftung Warentest des Bankenwesens“. Im Sinne Dahrendorf stehe man damit vor einer gesellschafts-, nicht nur vor einer finanzpolitischen Aufgabe.

Anheier
Die anschließende Podiumsdiskussion sponn den Faden der Wertediskussion weiter, griff dabei allerdings den Titel der Veranstaltung auf – nach der Wirtschaftskrise stand damit die Frage nach der Verträglichkeit von islamischer Religiosität und der politischen Philosophie der westlichen Hemisphäre im Mittelpunkt. Die Podiumsgäste: die Publizistin Necla Kelek, der Journalist Robert Leicht, der Philosoph und Autor Rüdiger Safranski und FDP-Generalsekretär Christian Lindner MdB. Die Moderation hatte Thomas Hauser, Chefredakteur der „Badischen Zeitung“.
Unterscheidung zwischen kalten und warmen Religionen
Ein roter Faden war die von Safranski unternommene Unterscheidung zwischen kalten und warmen Religionen. Angehörige kalter Religionen hätten ihr „säkulares Pensum“ erhalten, sie hätten akzeptiert, dass ihre Religion Teil von Kultur und Zivilgesellschaft geworden sei und selbst „das Allerheiligste“ als bloße Meinung rangieren kann. Wer sich indes zu einer warmen Religion bekenne, der erhebe den Anspruch auf die Überlegenheit seiner Glaubensinhalte. Der Islam sei das Beispiel einer warmen Religion.





