Langlebiger Mythos des Antisemitismus
v.l.: Dr. René Klaff, Prof. Wolfgang Benz, Zentrum für Antisemitismus- forschung, TU Berlin Die "Protokolle der Weisen von Zion" spuken seit gut 100 Jahren im Schrifttum, der Gedankenwelt und der Propaganda antisemitischer Kreise herum. Als konstruierter "Beleg" für das Projekt einer jüdischen Verschwörung mit dem Ziel der Erlangung der Weltherrschaft spielten sie in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts für die antisemitischen Strömungen unterschiedlicher Provenienz in Europa eine wichtige Rolle. Nicht alle Aspekte der Entstehungsgeschichte können als geklärt gelten. Aber soviel ist sicher: Die geheimnisvolle Versammlung der "Weisen von Zion" ist Fiktion, die Erstellung von "Protokollen" als schriftlicher Zielentwurf einer jüdischen Weltbeherrschungsstrategie eine Chimäre. Sind die "Protokolle der Weisen von Zion" also nichts weiter als ein längst enttarntes, antisemitisches Konstrukt vergangener Zeiten, das als Begründung für judenfeindliche Initiativen und Ausschreitungen einer dunklen Epoche der neuzeitlichen Geschichte nur noch für Historiker von Interesse ist? Weit gefehlt!
Prof. Zvi Bacharach, Bar-Ilan-Universität, eröffnet die Konferenz mit einer Keynote Address Der Mythos lebt, und tatsächlich hat er in den vergangenen Jahrzehnten einer sich entfaltenden Globalisierung Spuren in nahezu allen Teilen der Welt hinterlassen – wozu nicht zuletzt das Internet entscheidend beigetragen hat. Die "Protokolle" haben scheinbar nichts von ihrer Faszination, vor allem aber nichts von ihrem Nutzwert für die Manipulatoren antisemitischer, juden- und Israelfeindlicher Strömungen verloren. Grund genug für die Friedrich-Naumann-Stiftung Jerusalem, gemeinsam mit dem Stephen-Roth-Institute for the Study of Antisemitism and Racism der Universität von Tel Aviv und dem Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin eine internationale Konferenz unter dem Titel "The Protocols of the Elders of Zion. The One-Hundred Year Myth and Its Impact" durchzuführen. Die Veranstaltung fand vom 24. bis 26. Oktober 2004 unter Beteiligung von mehr als zwei Dutzend renommierter Fachvertreter aus aller Welt an der Universität von Tel Aviv statt.

Panel der Antisemitismuskonferenz der FNSt in Tel Aviv Die Konferenz bot die Gelegenheit, nicht nur die historischen Ursprünge und die auf Europa bezogene Wirkungsgeschichte – unter anderem für den ideologischen Bezugsrahmen des Dritten Reiches, aber auch für die der kommunistischen und der gegenwärtigen post-kommunistischen Regime Osteuropas – zu diskutieren; es blieb auch breiter Raum für die Analyse der Rezeption der "Protokolle" in Japan, Südamerika, Südafrika, dem Nahen Osten und der übrigen islamischen Welt.
Interessierte Gäste der Antisemitismuskonferenz der FNSt in Tel Aviv Die Ergebnisse sind beunruhigend. Dass Antisemitismus ein globales Phänomen ist, ist bekannt. Ebenso, dass der Antisemitismus von Vorurteilen, konstruierten Gedankengebäuden und Mythen lebt. Aber dass die "Protokolle der Weisen von Zion" in nahezu allen Teilen der Welt nach wie vor eine wichtige Funktion für antisemitische Propaganda, aber auch für – vermeintlich rein tagespolitische – Israelkritische Argumentation innehaben, hat doch viele Fachvertreter überrascht – und die zahlreichen Gäste erschreckt. Dabei spielen die dominierenden religiösen und kulturellen Bezugssysteme und die tatsächliche, historische oder aktuelle "Konfrontation" mit Juden innerhalb einer Gesellschaft offenkundig nur eine untergeordnete Rolle. Selbst für das konfuse Gedankengebäude des japanischen Giftgasterroristen Shoko Asahara und seine Sekte Aum Shinrykio sind Bezüge zu den "Protokollen" nachweisbar. Auch in der Türkei, immerhin EU-Beitrittskandidat, verweist ein Teil der Medien regelmäßig auf die "Protokolle"; sie gehören hier zum Weltbild islamistischer Gruppierungen mit gehörigem Einfluss auf die traditionale Bevölkerung, von denen einige sogar die Errichtung des säkularen türkischen Staates als Ergebnis einer jüdisch-zionistischen Strategie auf der Grundlage der "Protokolle" interpretieren. Naturgemäß ist jedoch aus israelischer Sicht die Verbreitung des Mythos von der "Verschwörung zur Erlangung der Weltherrschaft" in der arabischen Welt, wie sie etwa in Ägyptens Medien zu beobachten ist, besonders besorgniserregend.
Die Konferenz hat somit insgesamt verdeutlicht, wie notwendig Aufklärung, Information und rationale Auseinandersetzung mit antisemitischen Tendenzen bleibt. Die Friedrich-Naumann-Stiftung bleibt dieser Aufgabe verpflichtet. Eine Publikation der Konferenzbeiträge ist für 2005 geplant.





