Kulturwirtschaft – Die „neue“ Branche
Hans Joachim Otto MdB In die Thematik des Tages führte Hans Joachim Otto MdB, Vorsitzender des Ausschusses für Kultur und Medien des Deutschen Bundestages, ein. Er dankte der Friedrich-Naumann-Stiftung, dass sie als erste dieses wichtige und neue Thema der Kulturpolitik aufgegriffen habe und nun bereits die dritte Jahrestagung ausrichte. Zugleich kritisierte er, dass es noch immer keinen bundesweiten Kulturwirtschaftsbericht gebe. Sein abschließendes Plädoyer für die klassische Kulturförderung lautete: „Wer in Berlin an der Kulturförderung spart, versäumt nicht nur eine wichtige Investition in die Zukunft, sondern schädigt zudem den Kulturwirtschaftsstandort Berlin!“
In drei Panels wurden Analysen aus Wissenschaft, Politik und Kultur von Experten erörtert und diskutiert: Auf der Tagung wurden die aktuellen europa- und bundesweiten Konjunkturtrends bekannt gegeben sowie die Kultur-Konjunkturdaten aus 27 europäischen Ländern vorgelegt. Im „PraxisForum Kulturwirtschaft“ präsentierten Unternehmen, Institutionen und Akteure ihre Arbeit und Aktivitäten.
Prof. Dr. Günther G. Schulze Erstmalig in Deutschland wurden auf der 3. Jahrestagung Kulturwirtschaft die bundesweiten Umsätze und Firmenzahlen der sog. “Creative Industries” veröffentlicht. Der aus England stammende und inzwischen international gebräuchliche Begriff der “Creative Industries” weist für 2004 einen Jahresumsatz in Höhe von 117 Mrd. € sowie ca. 200.000 Firmen aus. Creative Industries erweitert den in Deutschland seit 1990 für Branchen wie Architektur, Musik, Film, Theater, Literatur, Design und Kunst verwendeten Begriff der Kulturwirtschaft um die Branchen Software/Games und Werbung. “Creative Industries” steht für eine international vergleichbare Erfassung von Kultur und Kreativität als Wirtschaftsfaktor.
Michael Söndermann Der Umsatzboom der Creative Industries insgesamt führt allerdings nicht selbstverständlich zu steigenden Einkommen der einzelnen Firmen und Akteure der Kulturwirtschaft, sondern zum Teil zu einem Verdrängungswettbewerb mit negativen Folgen für die Einkommen. Eine Zukunftsagenda Creative Industries sollte vor allem Wert auf die Steigerung von Einkommen und Wertschöpfung, auf qualitatives Wachstum der Einzelakteure statt auf bloßes Branchenwachstum legen, war das Fazit des Panels Wissenschaft, das Prof. Dr. Günther G. Schulze von der Universität Freiburg und Co-Editor des Journal of Cultural Economics in Harvard sowie Michael Söndermann, Mitglied im UNESCO Institute of Statistics, Montreal, bestritten.
Dr. Jean-Frédéric Jauslin Mit seinen Betrachtungen aus der Schweizer Politik eröffnete Dr. Jean-Frédéric Jauslin, Direktor des Bundesamtes für Kultur in Bern, das Panel Politik. Kultur sei durchaus als Wirtschaftsfaktor zu verstehen, wenn auch die Künstler ihre Werke keineswegs als „Produkt“ betrachteten. Die Steuermechanismen der Politik seien der Kulturbranche nicht adäquat, allein schon auf Grund ihrer Vielfalt. Die Hauptaufgaben des Staates müssten neu definiert werden. In der Schweiz regele man die Kulturzuständigkeit nach dem Motto: „Dem Bund die Kanonen, die Kultur den Kantonen!“
Gitta Connemann MdB Diesen Gedanken griff Gitta Connemann MdB, Vorsitzende der Enquête-Kommission „Kultur in Deutschland“, auf und bestätigte zwar das föderale System der Kulturpolitik, begrüßte aber, dass das Thema Kulturwirtschaft „in der Bundespolitik angekommen“ sei. In der Enquête-Kommission habe es sich gar schon zu einem Schwerpunktthema entwickelt. „Wir haben ein Gutachten in Auftrag gegeben, uns mit Datengrundlagen und Anfragen befasst…, und eine Anhörung wird den Abschluss unserer Bestandsanalyse bilden“, so Connemann zu den Aktivitäten der Kommission, die daraus Handlungsempfehlungen an den Gesetzgeben formulieren werde. Die Kulturwirtschaft benötige mehr politische Aufmerksamkeit und mehr solche Veranstaltungen wie die heutige.
Prof. Dieter Hofmann, Hochschule für Kunst und Gestaltung, Halle, und Prof. Detlef Rahe, Leiter des i/i/d Institutes für Integriertes Design, Bremen resümierten, dass die Integration der vielfältigen Methoden und Disziplinen der Designwirtschaft, eine ganzheitliche Verknüpfung von Designkompetenzen auf strategischer, taktischer und operationaler Managementebene mittels Design-Planung und Design-Management voraussetze. Integriertes Design verwebe die einzelnen Kompetenzfelder miteinander und berücksichtige ihre gegenseitigen Bedingungen und Abhängigkeiten. Darauf aufbauend werde ein kreativ-wissenschaftlicher Gestaltungsprozess verfolgt, der zur Entwicklung von Konzepten und Entwürfen mit hohem Innovationspotenzial und somit zum Erfolg der Designwirtschaft führen würde.
Christian Däubler In seiner Begrüßung hatte Christian Däubler, Leiter des Büros Berlin-Brandenburg der Friedrich-Naumann-Stiftung, die Fortsetzung der Jahrestagungen Kulturwirtschaft angekündigt, die im Jahr 2007 die europäische Dimension der Kulturwirtschaft umfassen wird.
Die Veranstaltung wurde mit öffentlichen Mitteln gefördert.
Veranstaltungstipps:
Zum Verhältnis von Staat und Kunst in Geschichte und Gegenwart
Gedächtnis und Erinnerung. Betrachtungen über Kulturkämpfe





