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Medienpolitischer Diskurs: „Wirtschaftsfaktor Patriotismus?“

Michael Roick, Henrik Müller (manager magazin)
Michael Roick, Henrik Müller (manager magazin)
„Wir haben keine stabile positive kollektive Identität. Und das ist ein Problem, nicht zuletzt ein ökonomisches.“ Das ist die Grundthese des geschäftsführenden Redakteurs vom manager magazin, Henrik Müller, die er während eines medienpolitischen Diskurses in Kiel ausführlich entfaltete. Im gebrochenen „Wir-Gefühl“ der Bundesbürger sieht er einen entscheidenden Grund für die anhaltende ökonomische Misere. Nicht zuletzt der spezifische „deutsche Blues“, der Pessimismus und die psychosoziale Dauerkrise der Deutschen hätten zu einer permanenten Wachstumsschwäche und zu Wohlstandseinbußen geführt. Daran könne auch eine momentane konjunkturelle Erholung und eine grandiose Fußball-Weltmeisterschaft wie im Sommer dieses Jahres kaum etwas ändern.

Patriotismus zur WM - nur ein Strohfeuer?
Patriotismus zur WM - nur ein Strohfeuer?
Allerdings liegt dem mehrfach preisgekrönten Autor von Wirtschaftsfachbüchern ein wohlfeiler „Hurra-Patriotismus“ völlig fern. Und er stellte klar: Ein ungebrochener „Stolz aufs Vaterland“ scheide durch die Verbrechen der Nazi-Diktatur ohnehin aus. Allerdings brauche jede Gesellschaft ein kollektives emotionales Fundament – auch und gerade in Zeiten der Globalisierung, da Nationalstaaten nach wie vor die zentralen Akteure seien. Die Deutschen gerieten aber als pessimistischste und mutloseste Nation in (West-)Europa immer weiter ins Hintertreffen. Woran liegt das?

Deutschland im Kaiserreich - traditionell ein Land der Regionen
Deutschland im Kaiserreich - traditionell ein Land der Regionen
Seine Antwort: „Die Deutschen haben durch die Globalisierung eine Implosion ihrer nationalen Identität erlebt.“ Historisch betrachtet seien die typischen identitätsstiftenden Bausteine im Prozess der europäischen Nationenwerdung (wie zentrales Herrscherhaus, gemeinsame Sprache und Religion, Fundus an Mythen und Ritualen) in Deutschland immer sehr schwach ausgebildet gewesen. Zum „Kern des Deutschseins“ habe sich vielmehr die Wirtschaft entwickelt. Der Nationalstaat sei 1871 erst entstanden, als es ökonomisch opportun erschien: aus dem Deutschen Zollverein. Eisenbahn und Industrie („Made in Germany“) wurden zu Symbolen des nationalen Stolzes. Schließlich habe die Einführung der Sozialversicherungen unter Bismarck dazu beigetragen, auch die Arbeiter für die „Wirtschaftsnation“ einzunehmen. Aus dieser Zeit rühre das Selbstverständnis der Deutschen - als Erwerbs- und Verteilungsgemeinschaft - bis heute. Wachstum und Verteilung seien die zentralen Legitimationsbausteine des Staates. Anders herum: Könne das Versprechen von wirtschaftlichem Wohlstand und Sicherheit nicht mehr eingelöst werden, gerate der Nationalstaat in Legitimationsschwierigkeiten.

Wenn aber aufgrund der spezifischen – und darüber hinaus sehr belasteten - deutschen Geschichte ein ungebrochener Nationalstolz als emotionaler Fluchtpunkt ausscheidet, so ist damit die Frage nach möglichen Bindekräften noch nicht beantwortet. Nach Müllers Auffassung sollten die Amtsträger und politischen Akteure jedenfalls nicht versuchen, die Bürger national zu indoktrinieren oder durch „Ruck“-Reden Motivation zu stiften. Das alles könne nicht fruchten. Auch die Imitation anderer - patriotischerer - Nationen scheide aus. Es gelte vielmehr, die staatlichen Strukturen dem emotionalen Fundament der Bevölkerung anzupassen und das bedeute: Anknüpfung an regionale Identitäten, die heute schon sehr stark ausgeprägt seien. Und so endeten seine Ausführungen in einem Plädoyer für einen konsequenten Föderalismus:

„Weg vom kooperativen hin zum Wettbewerbsföderalismus. Die Regionen bieten dem gerade in der Ära der Globalisierung vagabundierenden Bedürfnis nach Heimat eine historisch unbelastete Alternative zur Nation. Wenn sich die Deutschen darauf besinnen, könnten sie erfolgreicher sein und wohlhabender. Vor allem: Sie könnten sich besser fühlen.“ Idealerweise sollten Bundes- und Länderebene jeweils eigene Aufgaben bekommen. Den Ländern würden eigene Steuern zugeordnet, um diese Aufgaben finanzieren zu können. Die Höhe der Einnahmen und Ausgaben könnten sie jeweils selbst bestimmen. Die kleinen Länder würden so auch zu Gewinnern der Globalisierung.

Michael Roick

Veranstaltungstipp:

Ordnungspolitik für eine international wettbewerbsfähige Medien- und Kommunikationswirtschaft in Deutschland
letzte Änderung: 12.09.2008


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