Karlsruhe: Noch eine Chance für die Marktwirtschaft

Prof. Jürgen Morlok wird entpflichtet, re. Michael Zerr
Die Finanzkrise hält die Welt in Atem. Wie gut, dass der Schuldige längst überführt zu sein scheint: Fondsmanager und Investmentbankern, Leerverkäufer und Börsenmakler, Ratingagenten und Spekulanten, kurzum der Markt, die Wirtschaft, die Marktwirtschaft.
Auch die Soziale Marktwirtschaft trifft dieser Vorwurf. Liberale wissen, dass er nicht die ganze Wahrheit enthält. Gleichwohl ist das Image der Sozialen Marktwirtschaft ramponiert. Wie lässt es sich wieder aufpolieren?
Um diese Frage ging es bei einem Kolloquium der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit an der Karlshochschule International University in Karlsruhe. Die Veranstaltung trug den Titel „Noch eine Chance für die Soziale Marktwirtschaft“. Sie endete mit der feierlichen Entpflichtung von Jürgen Morlok, Vorsitzender des Kuratoriums der Stiftung, als Mitglied des Lehrkörpers der Hochschule.

Berndt
Eröffnet wurde die Veranstaltung durch Rolf Berndt, Geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Stiftung. Er unterstrich, dass der Schwerpunkt des Kolloquiums eines der zentralen Themen der Stiftungsarbeit sei. Einer der Grundsätze der Marktwirtschaft: „Der Kuchen muss erst gebacken werden, bevor man ihn aufteilt.“
Ludwig Erhard: Eher ein Zu- als ein Glücksfall

Altmiks
Peter Altmiks, Referent im Liberalen Institut, dem Think Tank der Stiftung, widmete sich der Figur Ludwig Erhards. Der Vater des Wirtschaftswunders und spätere Bundeskanzler sei kein Glücks-, sondern gemessen an dem, was wirtschaftspolitisch im Deutschland der Nachkriegszeit à la mode gewesen sei, eher ein Zufall gewesen. Seine wirtschaftspolitische Maxime – erst der Wettbewerb, dann der soziale Ausgleich – werde heute leider noch weniger als damals respektiert.
Die Degeneration der Sozialen Marktwirtschaft habe nicht erst mit der Finanzkrise der vergangenen Jahre begonnen, auch die Überfrachtung des Sozialstaats, ein kompliziertes Steuersystem, die Auflösung des Verbunds von Handeln und Haftung hätten ihren Teil dazu beigetragen. Auch Skandale, die wie der um die Bankgesellschaft Berlin die Marktwirtschaft erschüttert haben, gab es immer wieder. Sie hätten, so Altmiks weiter, allerdings auch die Selbstreinigungskräfte der Märkte unter Beweis gestellt.

Horn
Argwohn gegen Märkte schon bei Aritoteles und Aquin
Karen Horn, Leiterin des Hauptstadtbüros des Instituts der Deutschen Wirtschaft Köln, gab ihrem Vortrag eine eher marktphilosophische Note. Ein wichtiger Bezugspunkt dabei: Karl Popper und sein Plädoyer für eine offene Gesellschaft.
Was den Erfolg der Marktwirtschaft anbelangt: Die Evolution habe den Menschen die Funktionsfähigkeit der Märkte entdecken lassen. Der Argwohn gegen deren Moralität sei keine Begleiterscheinung erst der Finanzmarktkrise, sondern finde sich bei vielen großen Denkern der Abendlandes, bei Aristoteles genauso wie bei Thomas von Aquin – für letzteren beispielsweise stand der Handel auf einer eher niedrigen sittlichen Stufe.
Horn zur Freiheit: Eigene Entscheidungen treffen zu müssen ist ungemütlich, aber erwachsen, die offene Gesellschaft ist humaner und anspruchsvoller als die geschlossene.

Kohn
„In Deutschland liebt man es verschwiemelt“
Wer den „Kasinokapitalismus“ kritisiere, der meine damit in der Regel auch die soziale Marktwirtschaft, so die Warnung von Roland A. Kohn, Kommunikationsberater und studierter Philosoph. Kohn ging mit der deutschen Mentalität, zu der auch die Staatsgläubigkeit gehört, hart ins Gericht: „In Deutschland liebt man es verschwiemelt“, deshalb hätte Hegel hierzulande einen besseren Ruf als Kant – im badischen Karlsruhe dürfe man derlei sagen, Hegel war schließlich Schwabe. Gründe für die Staatsgläubigkeit seien Bismarcks Sozialpolitik, die Kleinstaaterei und die Unsichtbarkeit des Marktes.




