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Die „Lebenslüge der Objektivität“

Spiegel-Autor Jürgen Leinemann fordert „redlichen Journalismus“ von seinen Kollegen

Jürgen Leinemann: Kritiker des eigenen Berufsstandes
Jürgen Leinemann: Kritiker des eigenen Berufsstandes
Er kennt sie alle in der Politik: Minister, Parteivorsitzende, aktuelle und ehemalige Ehefrauen. Wer wichtig ist oder es sein möchte, kommt an ihm nicht vorbei: Jürgen Leinemann „vom Spiegel“ leitete nach Stationen in Washington und Bonn das Hauptstadtbüro des Magazins in Berlin. Heute schreibt er Bücher und macht Filme. Jüngst wurde sein viel beachteter Film über Gerhard Schröders Kanzlerjahre in der ARD ausgestrahlt. Am nächsten Tag war er zu Gast bei den „Medienpolitischen Diskursen“ der Friedrich-Naumann-Stiftung in Mainz. Dort sprach Leinemann über die „bedrohte Freiheit der Journalisten“.

Die Pressefreiheit werde hierzulande durch „weiche Knechtschaft einer eitlen Selbstverliebtheit bedroht“, mahnte der Autor, der in seinem Buch „Höhenrausch“ die suchtähnlichen Abhängigkeiten von Politikern und Journalisten von der Macht eindrucksvoll beschrieben hat. „Zunehmend ist die Kluft tiefer geworden zwischen den Darstellungen, die Politiker – vor allem die jeweils verantwortlichen – von der Welt und den aktuellen wirtschaftlichen und sozialen Problemen geben, und den Bildern, die Medienmenschen dagegensetzten“, so Leinemann. Es entstünden getrennte Welten mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten.

Jürgen Leinemann und Michael Roick, Friedrich-Naumann-Stiftung
Jürgen Leinemann und Michael Roick, Friedrich-Naumann-Stiftung
Objektivität ist für Leinemann die „größte Lebenslüge, die es im Journalismus gibt“. Über jede Situation gebe es eine solche Fülle an Informationen, dass Objektivität unmöglich sei. Der Spiegel-Autor ist seit über 30 Jahren ein wichtiger Teil jener Medienlandschaft, die er heute sehr kritisch betrachtet. Diese Landschaft sei „bunt“ geworden, „voller Trallalla und Albernheiten“, der Werbung nahe und immer auf Rendite bedacht. Nur noch eine Minderheit seien „gute klassische Journalisten“, die politisch interessiert seien, sich für öffentliche Angelegenheiten engagierten und „melden, recherchieren und kommentieren“.

Die Mehrheit bezeichnet Leinemann als „coole Smarties aus der Spaßkultur-Branche des Feuilletons und der Frohsinns-Wellen“, selbst „Ware“ im Medium. Auch am Outfit und Auftreten der Kollegen hat der ehemalige Politik-Chef des Spiegel einiges auszusetzen:
„Gegelte Frisuren und unübersehbare Dekolletees, Designer-Anzüge und kunstvoll dekorierte Schlampigkeit sind Markenzeichen von Akteuren, die sich im Promi-Wettbewerb mit den Showstars der Politik erleben.“

Aber es geht auf der Berliner Politik-Bühne nicht nur um Show, sondern natürlich auch um Macht. Und da wirft Leinemann Journalistenkollegen in verantwortlicher Position vor, im „politischen Geschäft als gleichberechtigte Macht-Mitstreiter agieren zu wollen, obwohl sie von niemandem gewählt und legitimiert sind.“ Die von den Medien oft inszenierten „Treibjagden“ auf Politiker fürchteten die Opfer allerdings nicht. Sie sehen Journalisten als „Vertreiber der unverzichtbaren Wichtigkeitsdroge öffentliche Aufmerksamkeit“. Dabei hielte sich die eigentliche Macht der Politiker ohnehin ziemlich in Grenzen „Die sind so eingebunden, dass sie ziemlich wenig Spielraum haben.“

Leinemann stellte fest, dass das „idealisierte Prinzip Öffentlichkeit“ nicht mehr funktioniert. Aber was bedeutet das für Journalisten, die es dennoch mit ihrer Aufgabe ernst meinen? „Redlicher Journalismus ist eine Charakterfrage“, so Leinemann. „Wer sich den aufrechten Gang erhalten will, der braucht ein reflektiertes Verhältnis zu sich selbst und seinem Beruf, einen verantwortlichen Umgang mit der eigenen Subjektivität.“

Maria-Christina Nimmerfroh
letzte Änderung: 12.09.2008


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