Jerusalem: 40 Jahre nach dem Sechs-Tage-Krieg
Auswirkungen der israelischen Besatzung auf die Gesellschaft in Israel und Palästina
Dies war das Thema einer von Projektleiter Hans-Georg Fleck moderierten Vortrags- und Diskussionsveranstaltung, die das Jerusalemer Büro der Friedrich-Naumann-Stiftung in Zusammenarbeit mit dem „Yakar Center for Social Concern“ in Jerusalem durchgeführt hat. Zu dem Thema gibt es gegenwärtig aus gegebenem Anlass eine große Zahl von Veranstaltungen, so dass es nicht einfach war, eine Veranstaltung zu konzipieren, die nicht noch einmal die gleichen Phänomene lediglich aus anderem Blickwinkel in Augenschein nimmt. Dies ist dennoch aufgrund der interessanten Zusammensetzung der Referenten und der etwas anderen Schwerpunktsetzung – die Auswirkungen auf die beiden Gesellschaften im Gegensatz zu der gängigen Behandlung des Konflikts und seiner verschiedenen Lösungs(un)möglichkeiten – gelungen. Referenten aus Israel waren Uriel Simon, emiritierter Professor und angesehener Experte für Biblische Studien an der Bar-Ilan-Universität und Anshel Pfeffer, politischer Analyst für die Tageszeitung „Jerusalem Post“. Aus Palästina sprach Bassem Eid, namhafter Menschenrechtsexperte und Leiter der NRO „Palestinian Human Rights Monitoring Group“. Die darüber hinaus angekündigte zweite palästinensische Referentin musste ihre Teilnahme leider aus gesundheitlichen Gründen kurzfristig absagen.

Seinerzeit Kontrahenten im Sechs-Tage-Krieg: Gamal Abdel Nasser - Ägyptischer Präsident... Prof. Uriel Simon sprach aus seiner Perspektive als Experte für Biblische Geschichte und als gläubiger Jude über die Bedeutung des Heiligen Landes für die Juden. Er widersprach der unter religiösen Juden verbreiteten Ideologie, dass die Juden das Heilige Land, das ihnen von Gott anvertraut worden sei, nicht in andere Hände übertragen dürften und hielt dem seine eigene Interpretation dieser Handlung Gottes entgegen, die wiederum interessanterweise an das Gleichnis von den Talenten im Neuen Testament erinnert: Gott habe den Juden das Heilige Land anvertraut, auf dass sie es zu etwas Nützlichem und Guten verwenden, nämlich, um Frieden zu machen. Diese Chance habe sich nach dem Sechs-Tage-Krieg und dem damit verbundenen territorialen Zugewinn für Israel geboten, sei aber aus vielerlei Gründen nicht genutzt worden, vor allem aufgrund des Unvermögens der Araber, territoriale Kompromisse einzugehen. Die daraus resultierende „Aufschaukelung“ des Extremismus auf beiden Seiten habe zu den heute bestehenden verhärteten Fronten geführt. Aus seiner Sicht gebe es allerdings für die Juden keine andere Wahl, als nach einem Ausgleich mit den Palästinensern zu streben, denn alles andere würde das jüdische Volk und seine religiösen Lehren moralisch korrumpieren.

...und Jitzhak Rabin - Stabschef Israels. Anshel Pfeffer, erst nach dem Sechs-Tage-Krieg geboren, ging das Thema von einer gänzlich anderen Perspektive an: der des zeitgenössischen Analysten von Politik und Gesellschaft Israels. Aus seiner Sicht war das Ereignis des Sechs-Tage-Krieges kein so einschneidendes für die israelische Gesellschaft insgesamt. Er sieht das Problem dieser Gesellschaft vor allem darin, dass sie sich zu sehr auf den externen Konflikt konzentriere und viel zu wenig um die inneren Belange kümmere. Da sie fortwährend mit außenpolitischen und Sicherheitsfragen beschäftigt sei, blieben Kernfragen der israelischen Gesellschaft ungelöst, wie z. B. die Frage nach der eigentlichen Gestaltung dieser Gesellschaft im politischen (Mängel in der Demokratie und ihren Institutionen), sozialen (schwere Unzulänglichkeiten in der Wahrung der Menschen- und Minderheitenrechte) und rechtlichen (Fehlen einer Verfassung bzw. eines Grundgesetzes) Sinne. Diese Fragen müssten parallel zur Suche nach einer Lösung des Konflikts angegangen werden, da sie gewissermaßen eine „tickende Bombe“ sind, die nach Erreichung einer außenpolitischen Lösung in Israel zur Explosion kommen könnte.
Bassem Eid begann seinen Vortrag mit der Erzählung einer persönlichen Begebenheit im von den Israelis eroberten Ost-Jerusalem, die wider Erwarten sein von Haus aus negatives Bild von „den Juden“ revidierte. Im Anschluss an den Krieg lebten Israelis und Palästinensern zunächst friedlich zusammen, doch dies konnte aufgrund der Besatzung und der Fremdbestimmung des palästinensischen Volkes kein Dauerzustand sein. Israel habe sich geweigert, die nationalen Aspirationen der Palästinenser anzuerkennen und sie unterdrückt, was zum gewaltsamen Widerstand und zu Gegengewalt geführt habe. Die Weigerung Israels, selbst in gemäßigten palästinensischen Führern wie Mahmoud Abbas adäquate Verhandlungspartner zu sehen, habe schließlich den extremistischen Kräften (Hamas) zur Macht verholfen. Anstatt zu versuchen, mit Abbas zu einer für die Friedenswilligen auf beide Seiten zufrieden stellenden Lösung zu finden, habe Israel der Hamas den Gazastreifen „auf dem goldenen Tablett serviert“, und die dortige unumstrittene Herrschaft der Hamas sei damit zur strategischen wie humanitären Bedrohung sowohl für Israel (Qassam-Raketen) als auch für die Palästinenser (Gegenangriffe Israels auf den Gazastreifen) geworden. Hamas sehe im einseitigen Rückzug Israels aus dem Gazastreifen eine Schwäche Israels und die Bestätigung ihrer Philosophie, dass nationale palästinensische Ziele mit Gewalt durchzusetzen sind. Ironischerweise kommt er in diesem Punkt zu dem gleichen Schluss wie die israelische Rechte, die Ariel Scharon vor dem Rückzug genau vor dieser Entwicklung gewarnt hat.
Die anschließenden Fragen und Anmerkungen aus dem gut 100-köpfigen, zumeist israelischen Publikum richteten sich in erster Linie an den palästinensischen Diskutanten – ein Beleg für den hohen Gesprächsbedarf zwischen Israelis und Palästinensern, der nach 40 Jahren Besatzung tendenziell immer weniger befriedigt werden kann. Nur so ist auch zu verstehen, welches Erstaunen die selbstkritischen Äußerungen des Palästinensers Eid bei vielen Zuhörern auslösten. Deutlich spürbar wurde das Anliegen, den Referenten neue Ideen zur Lösung des Konfliktes zu entlocken – ein Zeichen wiederum, mit welch großer Frustration und Furcht gerade verständnisbereite Israelis das anscheinend unaufhaltsame Abgleiten des Konfliktes in immer mehr wechselseitige Gewalt erleben. Auf die Frage nach dem „ersten Schritt zum Frieden“ konnten die Referenten am Ende eines anregenden Diskussionsabends dann leider auch nur die Antwort schuldig bleiben.





