India – A Great Power
Die Wiederentdeckung Indiens als ökonomische und militärische Großmacht

Menschenmassen in Mumbai Manche Ökonomen warnen schon vor einer Überhitzung der Konjunktur, manche Aktienexperten vor einer „Überbewertung“ und „Bubbles“, Journalisten sprechen neudeutsch von einem „Indienhype“. Die Veranstaltung „Indian – A Great Power“ zeigte bei allen Risiken der künftigen Entwicklung das gewaltige Potenzial des Staates. Über 140 Besucher verfolgten die Ausführungen hochrangiger Gäste der Friedrich-Naumann-Stiftung, darunter die Botschafterin Indiens in Deutschland, Meera Shankar, im Foyer des Hessischen Rundfunks in Frankfurt am Main.
Es waren nicht die nüchternen Fakten, die beeindruckten – Indien-Experte Dr. Johannes Wamser („IndiaConsult“) sprach von einem 50-prozentigem Wachstum der deutschen Indien-Exporte im Jahr 2006. Es war die von ihm als „Extremitäten“ bezeichnete Vielfalt und Komplexität des Landes: „Indien ist rückständig und modern zugleich, traditionell und westlich, arm und reich, ungebildet und hoch qualifiziert“, so Wamser. Positionierte sich das Land als so genannter „blockfreier Staat“ konsequent zwischen West- und Ostblock, suchte es auch in seinem Wirtschaftssystem nach dem „dritten Weg“. So hätten die indischen Regierungen seit 1991 eine konsequente marktwirtschaftliche Öffnung des Landes betrieben, die das enorme Wirtschaftswachstum erst ermöglicht, aber auch die Unterschiede in der Bevölkerung verstärkt habe. Trotzdem seien überbordende Arbeitnehmerrechte, Bürokratie und Günstlingswirtschaft weiterhin Probleme für ausländische Investoren und die indische Wirtschaft. Positiv äußerte sich der Unternehmensberater über die Bildung der Inder in den städtischen Zentren sowie die wachsende Mittelschicht.

Die indische Botschafterin in Berlin, Meera Skankar Die indische Botschafterin in Berlin, Meera Skankar, bezeichnete die „hochtalentierte und gebildete Mittelklasse von rund 360 Millionen Menschen“ als Hauptgrund für „massive Marktchancen“ des Landes. „Eine Demokratie mit über einer Milliarde Menschen, die gemeinsam Wachstum, Wohlstand und Entwicklung erarbeiten, machen das wirtschaftlich aufstrebende Indien zu einem aufregenden und einmaligen Ereignis“, meinte Shankar. Wettkämpfe dieses Jahrhunderts würden in Fabriken und Vorstandsetagen ausgetragen und mit der „Stärke der Ideen“ gewonnen werden. Mit seinem großen Reservoir an Fachkräften, aber auch an jungen Menschen – 25 Prozent der Inder sind unter 25 Jahren – sei das Land daher gut aufgestellt.
Die Botschafterin sprach von einem Aufschwung in den deutsch-indischer Beziehungen, bezeichnete aber die Berichterstattung in deutschen Medien in der Vergangenheit als „etwas eindimensional“. Die Wiederentdeckung Indiens gründe sich auf „Indiens Auftauchen in der Weltwirtschaft“ und den intensivierten Beziehungen zu den Vereinigten Staaten und Europa. Shankar betonte den „gemeinsamen Faden“ zwischen Europa und Indien: das Festhalten an der säkularen pluralistischen und multi-ethnischen Demokratie. Vor diesem Hintergrund warnte sie vor der „Geißel des Terrorismus“. Die Inder empfänden es als „seltsam“, dass die Welt auf Grundlage von Religionen und Kulturen geteilt sei, da sie doch selbst in einer Kultur extremer religiöser und kultureller Vielfalt aufgewachsen seien. Der angesehene Journalist und ehemalige indische Top-Diplomat Gopalaswami Parthasarathy bezeichnete dies als Grund für seine Einschätzung, dass es in Indien kein einziges El-Kaida-Mitglied gebe. Doch die instabilen Verhältnisse im Iran, Afghanistan und Pakistan hätten Rückwirkungen auf die Stabilität in der gesamten Region. Als ein weiteres grundlegendes Problem nannte er die Energieversorgung.

Agni-II-Mittelstreckenrakete (Foto: Antônio Milena) Dr. Christian Wagner, wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Forschungsgruppe Asien der Stiftung Wissenschaft und Politik, bestätigte Parthasarathys These von der Abhängigkeit Indiens von fremder Energie. Allerdings nutze das Land Energie auch „sehr verschwenderisch“. Daher sei die Atomenergie eine interessante Energiequelle für das Land. Indiens Anspruch gehe aber über die Nutzung der Atomkraft für zivile Zwecke hinaus. Das Bestehen auf dem „Status der Atommacht“ sei Teil des Strebens Indiens nach einem Großmachtstatus. Insofern sei das internationale Abkommen, das Indien als Atommacht jenseits des Atomwaffensperrvertrages definieren soll, für Indien ein großer Erfolg. Zu dem Selbstverständnis als Großmacht gehöre auch das gemeinsam mit Deutschland und der EU geäußerte Streben nach einem Sitz im Sicherheitsrat der UNO.

Boeing 747 der Air India In der Globalisierung und dem Aufstieg Indiens auch zur ökonomischen Großmacht sahen die Experten mehr Vorteile als Nachteile für Europa und Deutschland. „Deutsche machen viele Geschäfte in Indien, überhaupt sei Deutschland ein Navigator für Indien“, lobte Shankar. Die Verbreitung des Wohlstandes in Indien – hervorgerufen durch die Entwicklung vom „Family Business“ zum „Professional Business“ (Parthasarathy) – stärke die Nachfrage nach europäischen Spitzenprodukten, so Wagner. Zustimmenden Applaus erntete Johannes Wamser mit seinem Bonmot „Indien ist mehr als Exotik, Mystik, Spiritualität und Kamasutra“.
Oliver Stirböck





