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In memoriam Lennart Meri (1929 bis 2006)

Lennart Meri
Lennart Meri
Lennart Meri, Estlands Staatspräsident von 1992 bis 2001, ist in der vergangenen Woche gestorben und wird am 26.März im Kreise seiner Familie beerdigt. Mit ihm verliert nicht nur Estland einen großen Staatsmann, sondern die gesamte freie Welt einen mutigen Kämpfer für die Freiheit des Individuums, in der Politik, in der Wirtschaft und vor allem auch in der Kultur. Meri verkörperte in Leben, Werk und Ausstrahlung ein Volk, das das Erbe Jahrhunderte langer politischer und kultureller Unterdrückung innerhalb kurzer Zeit überwunden hat und heute eine selbstbewusste und wirtschaftlich äußerst erfolgreiche Demokratie in Europas Norden ist. Unter den Politikern, die nach dem Zusammenbruch des Kommunismus den Aufbruch der neuen Demokratien gestaltet haben, ragt Meri heraus und kann nach Gewicht und Charakter am besten mit Vaclav Havel verglichen werden.

Obwohl nicht Mitglied einer liberalen Partei, war Meri eine vorbildliche liberale Persönlichkeit, ein unabhängig denkender, hoch gebildeter Mensch, der visionäre Ideen und Patriotismus mit weltgewandter Offenheit und Realitätssinn verbinden konnte. Neben zahlreichen anderen internationalen Auszeichnungen erhielt Meri 1999 den Freiheitspreis der Liberalen Internationalen. Die Friedrich-Naumann-Stiftung hatte in ihm einen großen Förderer. Staatspräsident Meri eröffnete das Stiftungsbüro in Tallinn im Juli 1993 und würdigte bei der Feier zu dessen Schließung im Dezember 2004 die Verdienste der Stiftung beim demokratischen Aufbau Estlands in einer langen Rede.

Lennart Meri hat die Unfreiheit am eigenen Leibe kennen gelernt. 1941 wurde seine gesamte Familie nach Sibirien deportiert, wo er sich als Holzfäller und Flößer durchschlug. Nach der Rückkehr 1946 durfte er Geschichte an der Universität Tartu studieren, aber die Ausübung des Historikerberufes untersagten ihm die Sowjets. Er profilierte sich als Reiseschriftsteller, Theaterdramaturg, auch als Hörspiel- und Filmproduzent.

In den 80er Jahren werden ihm Reisen nach Finnland gestattet. Von dort aus bringt er die Existenz der estnischen Nation in die Erinnerung des Westens zurück. 1988 gründet er das Estnische Institut und legt mit dessen Auslandvertretungen die Basis für den späteren Auswärtigen Dienst seines Landes. Meri hat wesentlichen intellektuellen und politischen Anteil an der „Singenden Revolution“, die 1988 als ökologischer Protest beginnt und 1990 mit der Unabhängigkeit Estlands endet. 1990 wird Meri Außenminister der ersten frei gewählten Regierung Estlands nach dem Zweiten Weltkrieg. Nach einem Zwischenspiel als Botschafter in Finnland wählt ihn die estnische Volksvertretung Riigikogu 1992 zum Staatspräsidenten und bestätigt ihn 1996 für eine zweite Amtszeit. Ende 2001 übergibt er das Amt an das jetzige Staatsoberhaupt Arnold Rüütel. Seitdem war Lennart Meri ein Elder Statesman im besten Sinne des Wortes, ein weiser Kommentator und Ratgeber, weit über die Grenzen seines kleinen Vaterlandes hinaus.

Deutschland vor allem hatte in Meri einen wirklichen Freund. Er sprach sechs Sprachen. Als Diplomatensohn ging er in den Dreißiger Jahren in Berlin zur Schule. Sein Deutsch war ein Kompliment an unsere Sprache, ihm zuzuhören, wenn er seine Reden auf Deutsch hielt, ein intellektuelles Vergnügen. Meri hat den hohen Einfluss der deutschen Kultur auf sein Land anerkannt und geschätzt. Dies gilt auch für den deutschbaltischen Beitrag zur Entwicklung seines Landes. In seiner offiziellen Rede zum fünften Jahrestag der deutschen Wiedervereinigung am 3.Oktober 1995 in Berlin sprach Meri vom Heimatrecht der Deutschbalten, das sie im demokratischen Estland jederzeit willkommen mache.

Meine Frau und ich haben einen Freund verloren, der uns, zusammen mit seiner verehrten Frau Helle Meri, häufig in sein eindrucksvolles Haus an der Ostseeküste einlud, wenn wir in Estlands schöner Hauptstadt Tallinn waren.

Dr. Otto Graf Lambsdorff
Vorstandsvorsitzender der Friedrich-Naumann-Stiftung
letzte Änderung: 12.09.2008


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