Im Schatten des Holocaust
Für Deutschland und Israel ist 2005 ein besonderes Jahr: Vor 40 Jahren, am 12. Mai 1965, nahmen die beiden jungen Staaten offizielle diplomatische Beziehungen auf. Ein Ereignis, das damals wie heute noch viele Emotionen und Reaktionen hervorruft und deshalb Rückblicke und Bestandsaufnahmen der Beziehungen rechtfertigt. Die Friedrich- Naumann-Stiftung würdigt dieses besondere Ereignis durch eine Reihe von Veranstaltungen in Israel und in Deutschland.
Cornelia Schmalz-Jacobsen
bei der FNSt in Israel Unter Mitwirkung von Cornelia Schmalz-Jacobsen, Kuratoriumsmitglied der FNSt, führte das Jerusalemer Stiftungsbüro in Zusammenarbeit mit dem Stephen Roth Institute for the Study of Contemporary Antisemitism and Racism ein internationales Symposium unter dem Titel "In the Wake of the Holocaust – Marking 40 Years of Relations between Israel and Germany" in Tel Aviv durch. Die Veranstaltung fand am 5. Mai statt, dem Tag, an dem in Israel in diesem Jahr der Holocaust-Gedenktag, der "Yom HaShoa", begangen wurde. Die aufheulenden Sirenen, die das Land wie jedes Jahr an diesem Tag zum Gedenken der sechs Millonen Opfer in einen zweiminütigen absoluten Stillstand versetzten, erinnerten besonders eindringlich an die in der Gegenwart präsente Vergangenheit.
Die meisten israelischen Teilnehmer, zu denen auch Israels erster Botschafter in Bonn Asher Ben-Nathan gehörte, wiesen darauf hin, dass es angesichts der Erfahrungen des Holocausts keine normalen Beziehungen zwischen beiden Staaten geben könne. In Israel werden vielmehr alle Nuancen in der deutschen öffentlichen Bewertung der gemeinsamen Geschichte sehr sensibel registriert. Dies geht bis in die direkte Nachkriegsgeschichte zurück, als in Deutschland das Verlangen zu verdrängen und zu vergessen in der Bevölkerung durchaus dominant war. Als Indiz für den ambivalenten Umgang der Deutschen mit ihrer Geschichte wurde bewertet, dass in Gedenk- und Trauerfeiern nach dem Krieg nicht nur der Opfer der Naziverbrechen, sondern zur gleichen Zeit auch der deutschen Soldaten, darunter auch der Angehörigen der SS, gedacht wurde.

Podium des Internationalen
Holocaust-Symposiums der FNSt Vor allem "ehemalige" Nazis profitierten von dieser Ambivalenz. Denn die Nachsichtigkeit gegenüber den Akteuren der nationalsozialistischen Ära schlug sich auch in der deutschen Rechtsprechung nieder, wie es die Symposiumsbeiträge verdeutlichten. In Anbetracht der Tatsache, dass ein Großteil der deutschen Richter im Nachkriegsdeutschland schon während des nationalsozialistischen Regimes "Recht" gesprochen hatten (in Bayern hatten sogar 80% aller Richter eine braune Vergangenheit), wurde es als nicht weiter verwunderlich empfunden, dass in den meisten Fällen der 6000 Prozesse gegen Amtsträger des Dritten Reiches, die in den folgenden Jahrzehnten stattfanden, das Gesetz zu Gunsten der Angeklagten interpretiert wurde. Es kam den Angeklagten zu Gute, dass in diesen Prozessen nicht die internationale Rechtsprechung angewandt wurde, sondern das normale Strafrecht, mit dem Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit kaum zu kategorisieren waren. Überwiegend sehr milde Strafen waren das Ergebnis. Eine verantwortliche Vergangenheitsbewältigung war im Falle der deutschen Rechtssprechung somit keineswegs gegeben; Vorreiter einer ehrlichen und offenen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit wurden stattdessen die deutschen Intellektuellen, die das Thema über die Literatur und die Massenmedien in das deutsche Bewußtsein trugen.
Ein weiterer Aspekt, der in der Konferenz beleuchtet wurde, war die Reaktion der arabischen Staaten auf die Aufnahme der Beziehungen und den Verhandlungen zwischen Bonn und Jerusalem. Die ersten großen Proteste von Seiten der arabischen Länder, allen voran Ägypten, waren im Zuge des Luxemburger Abkommens (10. September 1952), in dem Deutschland dem Staat Israel eine Globalentschädigung für die Wiedereingliederung von Shoah-Überlebenden ausrichtete, zu vernehmen. Ihrer Meinung nach war der Staat Israel nicht berechtigt, stellvertretend für die Shoaüberlebenden und die jüdischen Flüchtlinge die deutschen Zahlungen anzunehmen. Diese Zahlungen ließen eine wirtschaftliche und damit auch militärische Erstarkung des jungen Staates Israel erwarten – und trugen somit dazu bei, dass der jüdische Staat nicht nur eine vorübergehende Erscheinung sein würde. Die DDR, die sich bis in die späten 80er Jahre von jeglicher Verantwortung an den Naziverbrechen freisprach, erhoffte sich durch diese Spannungen einen Positionsgewinn auf Kosten Bonns im Nahen Osten.
Neben den vehementen Vorbehalten der israelischen Öffentlichkeit gegen eine Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit dem Täterland verzögerten aber auch die durch den Kalten Krieg geprägten Grundsätze der westdeutschen Außenpolitik, die sich in der Hallstein Doktrin niederschlugen, die offizielle Aufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen Deutschland und Israel. Erst knapp 13 Jahre nach dem Luxembuger Abkommen, am 12. Mai 1965, konnte der Botschafteraustausch zwischen Bonn und Jerusalem erfolgen. Dieser historische Augenblick war schließlich der Weitsicht der politischen Führungen beider Staaten, allen voran Konrad Adenauer und David Ben Gurion, zu verdanken, die es im Spannungsfeld der moralischen und der realpolitischen Leitlinien vermochten, die anfänglich als unüberwindlich erscheinenden Hindernisse zu beseitigen.
Zwei außergewöhnliche Ehrengäste nahmen in der Abschlusssitzung auf eine sehr persönlich Weise Stellung zu den besonderen Beziehungen zwischen Deutschland und Israel: Cornelia Schmalz-Jacobsen und Amos Oz.
Die bemerkenswerte Lebensgeschichte ihrer Eltern, die Hunderten von Juden das Leben retteten, war für die ehemalige FDP-Politikerin eine prägende Erfahrung, die sich direkt auf ihre persönliche und berufliche Entwicklung niederschlug. Frau Schmalz-Jacobsen berichtete über die Umstände und Begleiterscheinungen der gefährlichen Aktivitäten ihrer Eltern und machte damit deutlich: Widerstand, in welcher Form auch immer, war möglich – eine für die israelischen Gäste gerade an diesem Tag bewegende Erkenntnis.

Gespräche am Rande über
ein schwieriges Thema Darüber hinaus berichtete Frau Schmalz-Jacobsen über die Wandlungsprozesse, denen die gegenwärtige jüdische Gemeinde in Deutschland vor dem Hintergrund der Immigration russischer Juden ausgesetzt ist. Der Wandel von der Flucht jüdischer Bürger aus dem Nazideutschland der 30er Jahre zur Einwanderung russischer Juden in das demokratische Deutschland der Gegenwart stellt für sie ein besonderes Merkmal in den deutsch-jüdischen Beziehungen dar – bei allen Problemen, die sich daraus für den verbliebenen Rest der eingesessenen deutschen jüdischen Gemeinde ergeben. Entgegen der jüngst in Deutschland vermehrt erhobenen Forderungen nach einer allgemeinen Einschränkung der Einwanderung aus dem Osten sieht sie es in Anbetracht der Verbrechen der Vergangenheit als besondere moralische Pflicht an, das sich neu entwickelnde jüdische Leben in Deutschland zu schützen und zu fördern. Auch die Kritik an der "Extrawurst", die den jüdischen Einwanderern in Deutschland angeblich "gebraten" würde, ist für sie vor diesem Hintergrund kein Gegenargument.
Der zweite Ehrengast war der preisgekrönte und international bekannte israelische Schriftsteller Amos Oz. Wer dachte, dass der israelische Schrifsteller, dem in Kürze der Goethepreis der Stadt Frankfurt verliehen wird, schon immer ein gutes Verhältnis zu Deutschland und den Deutschen hatte, wurde durch seinen Beitrag eines Besseren belehrt. Als er als Kind und Jugendlicher von den vielen osteuropäischen Verwandten erfuhr, die er nicht kennen lernen sollte, weil sie von den Deutschen in Vernichtungslagern umgebracht worden waren, fasste er den Entschluss, niemals in Kontakt mit Deutschland und den Deutschen zu treten. In seiner ganz eigenen poetischen Sprache über Hintergrund, Wesen und Entwicklung der deutsch-israelischen Beziehungen nahm Oz das Publikum gefangen. Den Zugang zu Deutschland und den Deutschen fand Oz über die Literatur; deutsche Schriftsteller wie Siegfried Lenz und Günther Grass, mit denen er zum Teil Freundschaft schloss, ließen ihn seine Gedanken und sein Urteil in Bezug auf Deutschland neu ordnen. Sein in der Jugend gefasster Entschluss, nie auch nur einen Fuss auf deutschen Boden zu setzen, hat er bereits mehrfach gebrochen. Wie bei anderen Teilnehmern gilt aber auch für ihn: Die Schatten der Vergangenheit bleiben immer präsent.René Klaff
Projektleiter Israel




