Gastarbeiter 2.0 – Hochqualifizierte Migranten auf dem Arbeitsmarkt

Plenum in der kanadischen Botschaft Arbeitsmigration ist einer der wesentlichen Aspekte der Globalisierung. Während zunächst Geringqualifizierte die Mehrzahl der Arbeitsmigranten stellten, werden heute Hochqualifizierte zu einer immer bedeutenderen und weltweit umworbenen Gruppe. Das Europa der offenen Grenzen kann sich in der Migrationspolitik aber nach wie vor nicht von nationalen Zuständigkeiten verabschieden. Davon profitieren Einwanderungsstaaten wie die USA und Kanada, die Zuwanderern attraktive Arbeitsmärkte und bessere Bleibeperspektiven bieten. Doch auch dort haben sich in den letzten Jahren die Zugangskriterien verschärft.

Wunderlich Wie sieht der weltweite Wettbewerb um die besten Köpfe aus? Welche Hürden müssen Arbeitsmigranten überwinden? Welchen Handlungsbedarf sehen Politik und Wirtschaft? Auf welche Erfahrungen blicken traditionelle Einwanderungsländer zurück? Mit diesen Fragen führten Tanja Wunderlich vom German Marshall Fund und Christian Taaks von der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit als Repräsentanten der beiden Veranstalter in die Tagung ein.

Taaks Der kanadische Botschafter in Deutschland, Peter M. Boehm, erläuterte als Gastgeber in einer kurzen Einführung die kanadischen Gegebenheiten. Neben der wirtschaftlichen Notwendigkeit der Zuwanderung sei die Wertschätzung einer von Vielfalt geprägten Gesellschaft in Kanada eine weit verbreitete Einsicht – nicht zuletzt, da fast alle Kanadier von Einwanderern abstammen. Die multikulturelle Gesellschaft werde als großes Potential für die Leistungsfähigkeit des Landes wahrgenommen. Dementsprechend herrsche auch eine gewisse Offenheit bei der Frage „What does it mean to be Canadian?“. Zuwanderer werden nicht als Fremde sondern als „newcomer“ genannt, bereits nach drei Jahren sei die Erlangung der Staatsangehörigkeit möglich. Entscheidend sei, dass Integration als nicht allein Aufgabe des Staates gelte, sondern sich vor allem Bildungseinrichtungen verantwortlich fühlten.
Punktesystem: ein zuverlässiges Instrument

Boehm Als eines der wesentlichen staatlichen Steuerungsinstrumente erläuterte Peter M. Boehm das kanadische Punktesystem, mit dem 240.000 Zuwanderer im Jahr ausgewählt werden. Neben der fachlichen Qualifikation seien Sprachkenntnisse und bereits gesammelte Erfahrungen in Kanada wichtige Kriterien. Das Ergebnis sei eine ethnische Heterogenität, so dass keine bestimmte Gruppe für das Bild des Zuwanderers geltend gemacht werden könne. Das Punktesystem sei ein zuverlässiges Instrument, es habe sich als Schlüsselindikator für gelungene Integration erwiesen. Aber: „Auch wenn dem kanadischen Punktesystem Vorbildcharakter zugesprochen wird, man muss bedenken, dass jedes Land anders ist“, so der Botschafter, „vor allem wenn es darum geht, neue und alte Einwanderungsländer miteinander zu vergleichen“.
Der Impulsreferat von Howard Duncan, Geschäftsführer von Metropolis in Ottawa, machte auf die globale Dimension der Arbeitsmigration aufmerksam. Die demografische Entwicklung in den westlichen Industriestaaten habe eine alternde und schrumpfende Bevölkerung zur Folge. Bereits jetzt sei der Bedarf an Arbeitsmigranten spürbar, um den Fachkräftemangel zu beheben, die sozialen Sicherungssysteme zu stützen und schlicht um die Gesellschaft voranzutreiben. „Alte Menschen gehen ungern Risiken ein. Doch eine Gesellschaft muss innovationsfreudig sein, um ökonomisch erfolgreich zu bleiben – und innovativ sind in der Regel die jungen Menschen“, so Duncan.

Duncan Viele Entscheidungsträger verkennen noch, dass der Wettbewerb um die Zuwanderer immer stärker und vor allem globaler werde. Mittelfristig werde der Wettbewerb nicht mehr nur unter den westlichen Industriestaaten ausgetragen, sondern mit den immer stärker werdenden Schwellenländern, wie China, Brasilien, Indien oder Türkei stattfinden, die aufgrund ihrer Bevölkerungsstruktur jüngere, flexible und damit innovativere Gesellschaften hätten. Migration sei gleichermaßen eine wichtige Chance und eine große Herausforderung. Heute lebten 90 Prozent der unter 15-Jährigen in den Entwicklungsländern; sie stellten die benötigten Arbeitskräfte von morgen. Wenn großzügige Migrationsmöglichkeiten nicht geschaffen würden, drohe eine enorme soziale Katastrophe mit einer riesigen Anzahl junger Arbeitslosen.
Arbeitsmigration zeichnet sich durch enorm hohe Mobilität aus
Für die Einwandererstaaten sei es aber nicht nur wichtig, Zuwanderer zu rekrutieren, sondern diese auch zum Bleiben zu bewegen. „Die globale Arbeitsmigration zeichnet sich durch eine enorm hohe Mobilität aus“, hob Duncan hervor. Dabei sei zu beachten, dass gerade die Verleihung der Staatsbürgerschaft eine globale Mobilität herstellt. Eine hohe Anzahl von Arbeitsmigranten kehre in ihre ursprüngliche Heimat zurück oder wandere einfach in einen anderen Staat ein, wenn dieser bessere Konditionen biete. Um diese davon abzuhalten oder sie später zurückzugewinnen, müsse der Staat ihnen nicht nur wirtschaftliche, sondern auch rechtliche Anreize geben. Ohne die Aussicht auf Staatsbürgerschaft würden wiederum viele gar nicht erst einwandern wollen.




