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Hilfe für Afrika?

Präsentation der Arbeit des Vereins
Präsentation der Arbeit des Vereins "Hilfe für Malawi"
„Dass gerade die Stipendiaten der Friedrich-Naumann-Stiftung sich mit Entwicklungshilfepolitik für Afrika auseinandersetzen, ist mir eine wirkliche Freude.“ Mit diesen Worten begann Alt-Bundespräsident Walter Scheel sein Grußwort, das den Teilnehmern des Seminars „Hilfe für Afrika?“ von seinem persönlichen Referenten, Herr Christoph Höppel, übermittelt wurde. Den Organisatoren des Seminars, Niels Beisinghoff und Christian Repp vom Arbeitskreises International, war es nicht nur gelungen, Walter Scheel als Schirmherren für das Seminar zu gewinnen, sie brachten neben vielen engagierten Referenten auch Professor Franz Nuscheler, Direktor des Instituts für Entwicklung und Frieden (INEF) der Universität Duisburg auf das Programm, der als einer der profiliertesten deutschen Entwicklungsexperten gilt.

Der Entwicklungsexperte Professor Franz Nuscheler diskutiert mit Teilnehmern
Der Entwicklungsexperte Professor Franz Nuscheler diskutiert mit Teilnehmern
In seinem Einführungsvortrag wies Nuscheler zunächst auf die trügerische Wahrheit hin, die sich hinter dem Begriff Entwicklungshilfe versteckt: Wer von Hilfe spricht, meint einen einseitigen Akt, der keine Partner zulasse. Nuscheler bevorzugt, von Entwicklungszusammenarbeit zu sprechen, die den gegenseitigen Charakter des Einsatzes für bessere Lebensbedingungen in Entwicklungsländern hervorhebt. Gleichzeitig bemängelte er die zunehmende Kritik an den Ergebnissen dieses Einsatzes. Zwar hat die Zahl der weltweit als absolut arm geltenden Bevölkerungsteile stetig zugenommen, angesichts des hohen Bevölkerungswachstums in den meisten Entwicklungsländern wäre dieser Zuwachs ohne die Entwicklungszusammenarbeit jedoch weitaus größer gewesen. Auch dürfe von jährlichen Aufwendungen für die offizielle Entwicklungszusammenarbeit in Höhe von weltweit insgesamt 65 Mrd. US-Dollar keine Wunder erwartet werden. Immerhin wende die Bundesregierung jährlich beinahe das Doppelte für den Aufbau Ost auf, ohne dass dies die erhofften „blühenden Landschaften“ hervorgebracht hätte. Dabei stand Nuscheler in seinem Vortrag der Entwicklungspolitik der Industriestaaten keineswegs unkritisch gegenüber. Mit Blick auf Afrika bezeichnete er die Förderung korrupter Eliten als eine der Todsünden der internationalen Entwicklungszusammenarbeit, die vor allem während des Kalten Krieges aus politisch-strategischen Erwägungen in Kauf genommen wurde. Auch sei Entwicklungshilfe immer dort schädlich, wo sie eigenständiges Handeln lähme und zum Warten auf fremde Hilfe erziehe. Für die Zukunft möchte Nuscheler Entwicklungspolitik stärker als globale Strukturpolitik begriffen wissen, deren Ziel es sein muss, die Entwicklungschancen armer Länder durch die Schaffung geeigneter internationaler und interner Rahmenbedingungen auf sozialer, wirtschaftlicher und ökologischer Ebene nachhaltig zu verbessern. Dies sei eine globale Aufgabe, bei der der Norden ebenso auf den Süden angewiesen ist, wie der Süden auf den Norden. Dabei müsse ein Mehr an Mitverantwortung der Entwicklungsländer auch zu mehr Mitbestimmung dieser Länder auf multilateraler Ebene führen.

MdB Dr. Karl Addicks in der Diskussion mit  Seminarteilnehmern.
MdB Dr. Karl Addicks in der Diskussion mit Seminarteilnehmern.
Die sich an den Einführungsvortrag anschließende Diskussion sollte nur ein erster Vorgeschmack sein auf die lebendige Podiumsdiskussion, die am Vormittag des zweiten Seminartages stattfand. Moderiert von Dr. med. Surjo Soekadar setzten sich Professor Nuscheler, der Bundestagsabgeordnete Dr. med. Karl Addicks, Rainer Erkens vom Institut für Internationale Zusammenarbeit und Politikberatung der Friedrich-Naumann-Stiftung und Dr. Klaus Schilder von der unabhängigen Nichtregierungsorganisation Weltwirtschaft, Ökologie und Entwicklung (WEED) engagiert und kontrovers mit unterschiedlichen Erklärungs- und Lösungsansätzen für die Probleme des afrikanischen Kontinents auseinander. Auch behandelt wurde die Frage nach Sinn und Notwendigkeit einer gemeinsamen europäischen Entwicklungspolitik. Insbesondere die aus afrikanischen Ländern stammenden Seminarteilnehmer betonten, dass bis heute die Verfolgung nationaler Interessen der ehemaligen Kolonialmächte vor allem in Westafrika eine Ursache für innerstaatliche Konflikte und politische Instabilität seien. Diesen Tendenzen könnte durch eine Bündelung entwicklungspolitischer Entscheidung auf europäischer Ebene entgegengewirkt werden. Karl Addicks, der die FDP als Abgeordneter im Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung des Bundestages vertritt, sprach sich gegen eine Vereinheitlichung der Entwicklungspolitik auf europäischer Ebene aus und betonte, dass auch in diesem Bereich das Subsidiaritätsprinzip gelten müsse. Andere Seminarteilnehmer gaben hingegen zu bedenken, dass angesichts der globalen Dimension der Probleme in Entwicklungsländern weniger einzelstaatliche Souveränität in Europa die europäische Entwicklungspolitik insgesamt handlungsfähiger, kohärenter und effektiver machen würde.

Im zweiten Teil des Vormittags wandten sich die Podiumsgäste in gemeinsamer Runde mit den Seminarteilnehmern der Rolle zivilgesellschaftlicher Akteure im Entwicklungsprozess zu. Im Zuge der Bestrebungen nach größerer lokaler Partizipation und „ownership“ der Entwicklungsmaßnahmen sind vor allem lokale Nichtregierungsorganisationen (NRO) zu wichtigen Partnern in der Entwicklungszusammenarbeit geworden. Die Rolle des zivilgesellschaftlichen Sektors als willkommener Konsultationspartner und als Legitimationsbasis internationaler Entwicklungsprogramme hat in vielen Empfängerländern geradezu einen NRO-Boom ausgelöst. Diese NRO repräsentieren jedoch nur einen geringen Teil der Zivilgesellschaft in Entwicklungsländern. Rainer Erkens wies darauf hin, dass mit Zivilgesellschaft vor allem bürgergesellschaftliches Engagement gemeint sei, also der freiwillige Zusammenschluss von Menschen zur Erbringung von Gemeinschaftsleistungen. Beispiele hierfür können lokale Selbsthilfeorganisationen, Bürgerinitiativen, oder auch der selbstverwaltete Fußballclub sein. Von anderer Seite wurde betont, dass die Erbringung vieler öffentlicher Leistungen in Afrika nicht durch staatliche Institutionen erfolgt, sondern auf der Selbstorganisationsfähigkeit sozialer Gruppen und der besonderen Bedeutung familiärer Gemeinschaften beruht. Anhand verschiedener Beispiele wurde deutlich, dass diese Merkmale afrikanischer Gesellschaften sowohl wohlfahrtssteigernde Wirkungen haben, in bestimmten Kontexten aber auch Klientelismus und Patronage begünstigen können.

Beeindruckende Beispiele zivilgesellschaftlichen Engagements deutscher Nichtregierungsorganisationen in Afrika konnten die Seminarteilnehmer am Nachmittag dieses Seminartags erfahren. Fünf Vereine präsentierten ihre Projekte und zeigten, wie bereits mit geringen Mitteln und großem persönlichen Engagement Menschen in Afrika in ganz unterschiedlichen Bereichen geholfen werden kann:

– Dr. med. Harald Braun und Rainer Weiß stellten den Verein „Hilfe für Malawi“ vor, der sich die Verbesserung der Lebensbedingungen in Hinblick auf die ärztliche Versorgung in Malawi zur Aufgabe gemacht hat. Im Zentrum der Arbeit des Vereins steht die Unterstützung eines Geburtshilfekrankenhauses im malawischen Distrikt Nkhotakota. Dr. Braun hatte dieses Krankenhaus im Rahmen eines mehrjährigen Auslandsdienstes geleitet, und seine Berichte von den Zuständen der medizinischen Versorgung in Malawi hatten die Bürger seiner Heimatgemeinde, dem hessischen Riedstadt, zur Gründung des Vereins veranlasst.
– Joachim Schlange präsentierte die Arbeit des Vereins Sahel e.V., der in Burkina Faso ein Waisenhaus unterstützt, das 1995 von der Deutschen Katrin Rohde gegründet wurde. Joachim Schlange ist gleichzeitig in dem, von der Otto Gruppe ins Leben gerufenen Projekt „Cotton – made in Africa“ engagiert, das eine Nachfrageallianz unter Handelsunternehmen nach afrikanischer Baumwolle schaffen will, die nach hohen sozialen und ökologischen Standards produziert und verarbeitet wird.
– Elisabeth Steegmann und Hermann Depenbrock stellten das Projekt Haus Dogbo vor, das sich in dem westafrikanischen Staat Benin um die Absicherung der Schul- und Berufsausbildung benachteiligter Jugendlicher bemüht.
– Entwicklungsmaßnahmen ganz anderer Art hat sich der Verein Sonnenenergie für Westafrika zum Ziel gesetzt, von dessen Arbeit Dr. Bernd Hafner berichtete. Der Verein bietet in Westafrika über lokale Partner mehrere, für diese Region entwickelte Produkte zur Solarenergienutzung an, darunter ein Solarkocher, solarbetriebene Beleuchtungsanlagen für Schulen und Solarladestationen für Akkumulatoren, die in kleineren Landwirtschaftsmaschinen zum Einsatz kommen.
– Altstipendiat Dr. med. Surjo Soekadar präsentierte die Arbeit des Vereins Lebenschancen International, mit dem Stipendiaten der Stiftung in den Jahren 2002-2004 ein Berufs- und Gesundheitszentrum für 10.000 Jugendliche in Paraguay aufgebaut haben. Surjo rundete die Projektvorstellungen mit der Präsentation der von ihm mit initiierten Global Marshall Plan Initiative ab, die für eine gerechtere Globalisierung eintritt und durch ein weltweites Netzwerk namhafter Persönlichkeiten und öffentlicher sowie privater Organisationen unterstützt wird.

Die Projektvorstellungen ermöglichten einen ganz anderen Zugang zum Seminarthema, als es zuvor im wissenschaftlichen Diskurs der Vorträge und Podiumsdiskussionen der Fall war. Aus den Erfahrungsberichten der NRO-Vertreter wurde deutlich, welche Schwierigkeiten und Chancen die praktische Projektarbeit in Afrika birgt. Vor allem aber haben die Projektpräsentationen eines gezeigt: dass es möglich ist, etwas zu tun und dabei selbst in den Teufelskreis aus Armut und fehlenden Entwicklungsmöglichkeiten vieler Menschen in Afrika einzugreifen und Lebenschancen mitzugestalten.

Den Beweis für die Tragkraft dieser Einsicht lieferten die Teilnehmer am dritten und letzten Seminartag: Unter der Moderation von Matthias Altmann stellten sich die Teilnehmer die Frage: „was können wir selbst tun?“. Auf der Suche nach einem eigenen Projekt der Naumann-Stipendiaten (und externen Seminarteilnehmer) bestand Einigkeit darüber, dass es sinnvoll sei, die Strukturen und Erfahrungen einer bestehenden Organisation zu nutzen. Auch war aus dem bisherigen Seminarverlauf deutlich geworden, dass fremde Hilfe die Lebensbedingungen der ärmsten Menschen dort besonders wirksam verbessert, wo sie in den Ausbau grundlegender Bildungs- und Gesundheitsdienste investiert wird. Diese Elemente vereinte in idealer Weise eine Projektidee, die aus dem Erfahrungsbericht des Vereins „Hilfe für Malawi“ hervorgegangen war. Dr. Braun und Rainer Weiß hatten in ihrer Präsentation darauf hingewiesen, dass Geburten in Malawi häufig von traditionellen Hebammen begleitet werden. Sie genießen das Vertrauen der Mütter und erfüllen somit eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe. Allerdings ist die Rate von Totgeburten und Müttersterblichkeit bei traditionell betreuten Geburten relativ hoch, da es den traditionellen Geburtshelfern oft an der notwendigen Ausstattung und Kenntnissen in Fragen der Hygiene und dem Umgang mit Krankheiten wie HIV/Aids fehlt. Durch ein Schulungsprojekt für traditionelle Hebammen könnte deren Arbeit professionalisiert und die Gesundheitssituation von Müttern und Neugeborenen in Malawi verbessert werden. Als Schulungsmaßnahme besitzt ein solches Projekt darüber hinaus auch die Voraussetzungen für eine mögliche Bezuschussung durch das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ).

In dem Prozess der Ideenfindung für ein eigenes Projekt wurde deutlich, dass die Seminarteilnehmer nicht nur bestrebt waren, sinnvolle Hilfe für Afrika zu leisten. Vielfach wurde betont, dass ein solches Projekt auch von einer kritischen Auseinandersetzung mit unserem Verständnis von Hilfe begleitet sein müsse. Die Zielgruppe der traditionellen Hebammen darf nicht auf ihre Rolle als Empfänger externer Hilfe reduziert werden. Vielmehr geht es darum, die kulturelle Identität der jeweiligen Partner zu respektieren und verstehen zu lernen. Die Projektarbeit soll daher mit Debatten zu der Frage verbunden werden, wie gleichberechtigte Partnerschaften, und die Bereitschaft, voneinander zu lernen, in der Entwicklungszusammenarbeit der Industrieländer mit Afrika verankert werden können.

Gruppenfoto der Seminarteilnehmer
Gruppenfoto der Seminarteilnehmer
Das Engagement der Seminarteilnehmer für ihr eigenes Projekt ging jedoch weit über die inhaltliche Ideenfindung hinaus. So konnten bereits konkrete Umsetzungsschritte besprochen und Aufgaben vergeben werden. Für jeden der Aufgabenkomplexe Koordination, Vernetzung, Fundraising und Öffentlichkeitsarbeit, sowie für die inhaltliche und formelle Bearbeitung eines Kofinanzierungsantrags beim BMZ wurden eigene Projektgruppen gebildet, die die im Seminar begonnene Arbeit fortsetzen werden.

Abgerundet wurde das Seminar durch eine begleitende Fotoausstellung, die im Foyer der Theodor-Heuss-Akademie Einblicke in die Arbeit von Lebenschancen International in Nepal gab, durch zwei Dokumentarfilme, die am Abend des zweiten Seminartags über den Handel mit Kleinwaffen und die Reise einer kenianischen Studentin von Kairo nach Johannesburg informierten („The Devil’s Footpath“) und - last but not least - Bestleistungen des Gastronomie-Teams der Theodor-Heusss-Akademie, das passend zum Seminarthema Gerichte der afrikanischen Küche servierte.

Das Seminar wurde von den Teilnehmern nicht nur wegen seines vielseitigen Programms mit Begeisterung aufgenommen. Auch das Seminarziel, ein eigenes Entwicklungsprojekt zu initiieren, traf auf großes Interesse und wurde von den Teilnehmern engagiert verwirklicht. Dieses Ergebnis ist ein erfreulicher Beleg dafür, dass die Auseinandersetzung mit der Situation Afrikas, und das Interesse an der Arbeit der Friedrich-Naumann-Stiftung im Themenschwerpunkt „Globalisierung und Entwicklung“ innerhalb wie außerhalb der Stiftung ein großes Publikum finden. Die Anmeldungen für das Seminar „Hilfe für Afrika?“ überstiegen bei weitem die Zahl der verfügbaren Plätze. Alle, die sich weiterhin aktiv mit dem Seminarthema auseinandersetzen und konkret zur Verbesserung der Lebensbedingungen in Malawi beitragen wollen, können dies durch eine Mitarbeit im Projekt der Stipendiaten tun, und sind an dieser Stelle herzlich dazu eingeladen!

Matthias P. Altmann
Promotion im Fach VWL an der Staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität Erfurt
Stipendiat seit Oktober 2005
altmann.matthias@tele2.de
letzte Änderung: 16.10.2008


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