Karim Saab: Stimmungsvergleich in Schwarzweiß
Warum realitätssüchtige Fotografie auch gut und gern auf Farbe verzichten kann
Im Grunde seines Herzens ist er ein Hippie geblieben und profitiert noch heute von den kraftvollen Impulsen, die Bands wie Uriah Heep und Deep Purple in seiner Jugend ausgeteilt haben. Der heimliche Soundtrack zu seinen Fotos besteht aus Liedern wie »Child in time« und »Lady in Black«. Der melodische, bisweilen ekstatische Hardrock öffnete ihm die Augen für den Blues, der im gewöhnlichen Leben steckt. Die Blue Note, die das ganz spezielle Bluesfeeling erzeugt, kommt bei Hauswald aber nicht vorsätzlich zum Einsatz. Ihm genügt das Schwarzweiß seiner Aufnahmen, in dem eine Molltönung mitschwingt. Es ist ein Tribut an jene Welt, in der er aufwuchs. In der DDR haben Farbfotos wie Chiffren aus einer fremden Galaxie gewirkt. Zum einen wegen des ewigen Grauschleiers, der über diesem Land gelegen hat. Zum anderen wegen der Farbunsicherheit, der mangelnden Brillanz der Orwo-Color-Filme, die immer blau- oder rotstichig verwaschene Bilder hervorbrachten. Für den privaten Gebrauch war die Farbfotografie ohnehin unerschwinglich. Jeder Ostdeutsche, der früher oder später den Westen kam, durchlebte einen Farbschock. Hier wirkten plötzlich Schwarzweiß-Fotos unauthentisch – wie Fremdkörper. Doch in ihrer Reduktion konzentrieren sie sich leichter auf das Wesentliche.Wie erklärt sich nun die Vitalität seiner Intuition, die den Finger am Auslöser steuert? Um es in der Sprache der Musik zu sagen: Seine Bilder folgen dem Beat. Harald Hauswald hat den freiheitlichen Geist der Rockmusik immer gelebt. Dabei wurde ihm der Fotoapparat in die Wiege gelegt. Sein Vater verfügte über einen Meisterbrief und unterhielt im sächsischen Coswig einen Laden mit Namen Foto-Hauswald. Mit Hochzeitsfotos und Werbeaufnahmen für eine sächsische Schuhfirma sicherte er der Familie das Auskommen.
Sohn Harald trat 1970 ins Geschäft ein. Bald darauf kam es zum Krach. Der Lehrling bekam nie einen Fotoapparat in die Hand gedrückt, sondern musste immer nur die Filme der Kunden entwickeln und Abzüge herstellen.
Außerdem gab es stets dumme Diskussionen wegen seiner ungewöhnlichen Frisur. Leuten wie ihm schlug damals viel Ablehnung entgegen. Doch die Zeiten haben sich geändert. 1997 wurde Harald Hauswald mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Daran war noch nicht zu denken, als er 1971 seine Lehre schmiss, um sich mit Gelegenheitsjobs durchzuschlagen. 1972 fand er die große Freiheit auf den Landstraßen der DDR. Er trampte 40.000 Kilometer, einmal um die Welt – leider noch ohne Fotoapparat. Auf den Dorfgasthöfen zwischen Thüringen und Ostsee spielten sich damals Blues- und Rockbands die Seele aus dem Leib. Hauswald fand eine Anstellung als Techniker bei der Leipziger Bürkholz-Formation, die aber im Sommer 1973 verboten wurde. Zu diesem Zeitpunkt war er bereits bei der Armee. Nach seiner Entlassung holte Hauswald dann seinen Abschluss als Fotograf nach. Seine erste Fotoausstellung bestritt er Ende der 70er Jahre, bereits in Ostberlin. Auch mit seinen größten Erfolgen vermochte er es nicht, seinem Vater, der 1986 in den Westen ausreiste und inzwischen verstorben ist, ein anerkennendes Wort zu entlocken. Das schmerzt ihn noch heute.
Nicht nur die politische, auch eine digitale Revolution hat die Welt inzwischen gründlich verändert. Die Internetseite www.Harald-Hauswald.de ist auf der Höhe der Zeit. Die modernen Kameras mit Display und Speicher und die Möglichkeit der Nachbearbeitung am Computer hat Hauswald aber für sich verworfen. Er bleibt ein bodenständiger Handwerker, möchte Blende und Tiefenschärfe selber bestimmen.
Seit er das für sich erkannt hat, ist er wieder in seinem Element und läuft mit seinem alten analogen Fotoapparat zu alter Höchstform auf. In den letzten Monaten gelangen ihm in Berlin mindestens 50 gute Bilder, nachdem er hier jahrelang unter Betriebsblindheit litt, wie er sagt. Die Schauplätze von einst konfrontiert er mit seinen Schnappschüssen von heute. Katzenkopfpflaster wurde durch glatten Asphalt ersetzt. Und wo einst Militärorchester aufspielten, gibt sich heute die Freizeitgesellschaft ein Stelldichein. Hauswald vergleicht das heutige Lebensgefühl mit dem von damals. Und da er dem Schwarzweiß-Medium treu geblieben ist, übertrumpft bei ihm die knallbunte Gegenwart nicht eine Vergangenheit, deren Zeugnisse sich durch feine Grautöne auszeichnen.
Harald Hauswalds Bücher und Postkarten-Editionen erscheinen im Jaron Verlag Berlin





