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Große Geister und lockende Gespenster

Lord Ralf Dahrendorf
Lord Ralf Dahrendorf
Was ist liberaler Geist? Europäische Intellektuelle in der Nachfolge des Erasmus - auf Einladung der freiraum-Redaktion referierte Lord Dahrendorf vor Stipendiaten der Stiftung über die Bedingungen einer Geisteshaltung, die totalitären Versuchungen widerstehen kann.

Prof. Knut Caeser, Rolf Berndt, Otto Graf Lambsdorff, Lord Ralf Dahrendorf (v.l.n.r.)
Prof. Knut Caeser, Rolf Berndt, Otto Graf Lambsdorff, Lord Ralf Dahrendorf (v.l.n.r.)
Wie konnte es nicht geschehen? Diese Variante einer bekannten Frage hinsichtlich der totalitären Verirrungen des vergangenen Jahrhunderts und ihrer Abwehr in den Köpfen herausragender Intellektueller stand im Mittelpunkt des Vortrages von Professor Dr. Ralf Dahrendorf in der Geschäftsstelle der Friedrich-Naumann-Stiftung in Potsdam-Babelsberg. Gewinnen konnte den prominenten Redner die Redaktion der Stipendiatenzeitschrift freiraum in Gestalt der Chefredakteure Lars-André Richter und Wolfgang J. Fischer, die auch durch die Veranstaltung führten. Der Vorstandsvorsitzende der Stiftung, Dr. Otto Graf Lambsdorff, ließ sich die Gelegenheit nicht nehmen, einige einführende Worte vorauszuschicken.

Interessierte Zuhörer während des Vortrags
Interessierte Zuhörer während des Vortrags
Welcher Art waren die Geister, die immun blieben? An vier in der ersten Dekade des 20. Jahrhunderts geborenen, aus vier verschiedenen Ländern stammenden Orientierungsfiguren: Raymond Aron, Isaiah Berlin, Karl Popper und Norberto Bobbio, allesamt Philosophen und darüber hinaus als Publizisten, Gesellschaftskritiker oder auch in öffentlichen Funktionen tätig, exemplifizierte Dahrendorf die Wesensmerkmale des verführungsresistenten Kopfes. Mut, die eigene Position auch inmitten von Gegnern auf dem Schlachtfeld der Ideen zu behaupten und die Lebensnotwendigkeit der Freiheit auch in schwierigen Zeiten zu verteidigen. Die Fähigkeit, mit der Vielfalt an Meinungen und Widersprüchen zu leben und nicht der Versuchung einer zu Unfreiheit oder in letzter Konsequenz zu Totalitarismus führenden „einfachen Formel“ zu erliegen. Die Eigenschaft des spectateur engagé (Aron), des engagierten Beobachters: brennend interessiert an Themen seiner Zeit, will er verstehen, darstellen, publizieren – nicht kämpfen, nicht Hand anlegen, es sei denn an die Schreibfeder. Der engagierte Beobachter verliert dabei nicht die für die Objektivität der Darstellung notwendige Distanz. Schließlich muss der standhafte Intellektuelle einen schwierigen Glauben an die menschliche Vernunft aufrechterhalten können, was ihm mitunter die Bezeichnung eines „kalten Fisches“ einhandelt.

Dahrendorf wies jedoch auch ausdrücklich darauf hin, dass der von ihm charakterisierte Typus des Intellektuellen keineswegs durchweg positiv zu bewerten und der einzig erstrebenswerte sei. Dies machte er an Erasmus selbst klar, dem Archetypus des unbeirrbaren
Denkers. Einerseits nicht zu vereinnahmen, etwa für die Sache Luthers, und Verfechter der Vernunft, ließ ihn seine Rolle als engagierter Beobachter schließlich eine derart große Distanz einnehmen, dass er dem ihn verehrenden Humanisten Ulrich von Hutten das Asyl verweigerte – zweifellos eine eher weit gefasste Auslegung der „Grenzen des aktiven Eingreifens“. Auch die zeitnäheren Dahrendorfschen „Erasmier“ waren nicht frei von Versuchungen: davon zeugt die eher schwärmerische Kontaktaufnahme des jungen Popper mit (und ebenso rasche Verabschiedung von) kommunistischen Gedanken wie die Anbiederung Bobbios an Mussolini zwecks Rettung seiner akademischen Karriere. Nachdenklich sollte auch nach wie vor stimmen, dass die Zahl der im Widerstand gegen das Dritte Reich aktiven Liberalen nicht gerade Legion ist.

Lord Dahrendorf schloss seine Ausführungen mit der Feststellung, dass die unter schwierigen Umständen zu behauptende, nicht immer unproblematische Geisteshaltung des Erasmus-Intellektuellen zweifellos liberales Denken repräsentiere und seine Verfechter stets klare Positionen zur Verteidigung der Freiheit bezögen.

Angeregte Diskussion auf dem Empfang
Angeregte Diskussion auf dem Empfang
Nach dem Vortrag wurden in lebhafter Diskussion noch vertiefende und ergänzende Fragen erörtert, bevor die Teilnehmer abschließend im geschichtsträchtigen Ambiente der Truman-Villa mit einem Imbiss beglückt wurden. Angesichts der zahlreichen erfreuten und zufriedenen Stimmen und Mienen nicht nur unter den Stipendiaten bleibt zu hoffen, dass sich für diese Art von Veranstaltung noch recht viele „Nachahmungstäter“ finden werden.

An der Thematik des Vortrages Interessierte seien auf das in Kürze erscheinende Buch „Versuchungen von Unfreiheit“ von Ralf Dahrendorf hingewiesen, das sich mit Intellektuellen in Zeiten der Prüfung befasst.

Jochen Kienert
Altstipendiat der Friedrich-Naumann-Stiftung
letzte Änderung: 12.09.2008


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