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Kuratorium: Richard Schröder über die ostdeutsche Befindlichkeit

Kuratorium und Mitarbeiter der Stiftung im Atrium des Potsdamer Neubaus
Kuratorium und Mitarbeiter der Stiftung im Atrium des Potsdamer Neubaus
Über die besonderen Befindlichkeiten der Ost- und der Westdeutschen wird seit der Wiedervereinigung diskutiert, viele Studien zum Thema sind auf dem Markt. Das Thema wird im kommenden Jahr besonders gute Konjunktur haben, wenn sich der Mauerfall zum 20. Mal jährt. Auch die Stiftung für die Freiheit wird mit einer Reihe von Veranstaltungen bilanzieren und Perspektiven erarbeiten. Das Kuratorium hatte zur Vorbereitung dazu am Vorabend seiner Herbstsitzung einen Zeitzeugen nach Potsdam eingeladen, der einen besonders guten Ruf als Akteur, Beobachter und Analyst des Zusammenwachsens der lange getrennten Teile Deutschlands hat: Prof. Richard Schröder, heute Inhaber des Lehrstuhls für Philosophie in Verbindung mit Systematischer Theologie an der Humboldt-Universität Berlin, seinerzeit Mitglied der Volkskammer der DDR, dort von April bis August 1990 Fraktionsvorsitzender der SPD.

Einführung durch den Vorsitzenden des Kuratoriums, Prof. Morlok
Einführung durch den Vorsitzenden des Kuratoriums, Prof. Morlok
Mit vielen Zahlen belegte Schröder die besondere Rolle der Linkspartei in den Neuen Ländern und bat um Verständnis, dass es ihm schwer falle, die Umetikettierungspraxis dieser Partei in seinen Ausführungen korrekt umzusetzen – er werde weiter von der PDS sprechen.

Das imposante Netzwerk der Linken

Schröder blickte zunächst fast 20 Jahre zurück: Der damalige SED-Vorsitzende Gysi hatte seine Genossen davor gewarnt, eine Neugründung – von vielen gewünscht – vorzunehmen, da mit einer Auflösung der SED auch der Verlust des milliardenschweren Parteivermögens einhergegangen wäre. Der Appell an das Gewissen der Mitglieder, durch die Rettung des Vermögens ihre soziale Verantwortung den ca. 20.000 Parteimitarbeitern gegenüber wahrzunehmen, fruchtete – auch wenn sich die PDS im Anschluss nicht besonders um ihre Mitarbeiter gekümmert habe.

Prof. Richard Schröder...
Prof. Richard Schröder...
Der Fortbestand unter anderem Namen sicherte aber vor allem das, was in der modernen Politik ein „Netzwerk“ genannt wird. Ein imposantes Netzwerk: Denn trotz des Verlustes von über 90 Prozent ihrer Mitglieder in den ersten fünf Jahren nach dem Mauerfall hatte die PDS in den Neuen Ländern noch immer mehr Mitglieder als alle anderen Parteien zusammen. In vielen Bezirksstädten, so Schröder, war das Verhältnis 1994 3:1.

Die PDS beschrieb Schröder weiter als einzige Partei im Osten mit einem Milieu und zugleich als eine Partei mit einer völlig überalterten Mitgliederstruktur – was allerdings für das Erscheinungsbild in der Öffentlichkeit nie von Bedeutung gewesen sei. Er wisse von öffentlichen PDS-Veranstaltungen, in denen nur zwei Anwesende keine Rente bezogen: Die beiden Bundestagskandidatinnen, die sich vorstellten. Noch etwas anderes zeichne die Linke im Osten aus: Sie sei die einzige Partei mit einer Stammwählerschaft.

Gartenzwerge aufstellen, Gartenzwerge zerstören

Heute, nach dem Zusammenschluss mit der WASG, vereinige sie mehr denn je bewusst unterschiedlichste Strömungen, die so lange problemlos integriert würden, als sie nicht öffentlich gegen die Linie der Parteiführung opponierten. So gelänge heute das Kunststück, in einer Organisation das im Osten eher kleinbürgerliche Milieu und die im Westen dagegen vielfach linksextremen Strömungen unter einen Hut zu bringen, ohne dass dies großartig auffalle. „Die Mitglieder im Osten“, so Schröder, „sind der Typ, der Gartenzwerge aufstellt. Die Mitglieder im Westen sind der Typ, der Gartenzwerge zerstören will.“

...über ostdeutsche Befindlichkeiten.
...über ostdeutsche Befindlichkeiten.
So verwundere es nicht, dass die NPD im Osten mit den Schlagwörtern „national“ und „sozial“ (wenn sie Erfolg hat) im Milieu der Linken Erfolg hat – wo eine objektivierte Sicht des Wiedervereinigungsprozesses die Ausnahme ist und Neidgefühle eine große Rolle spielen. An dieser Situation, so Schröder, werde sich kurzfristig nicht viel ändern, gerade weil große Teile der gut gebildeten jungen Ostdeutschen ihre Heimat verlassen und in Süddeutschland Arbeit annehmen würden. Von den anderen sehnten viele die DDR zurück. Aber „nicht die DDR, über die sie heute alles wissen, sondern die DDR, für die sie die DDR vor 1989 gehalten haben.“

So hielten sich hartnäckig Einschätzungen über die Überlegenheit des DDR-Gesundheitssystems (trotz seitdem deutlich gestiegener Lebenserwartung), des DDR-Bildungssystems (trotz seitdem deutlich gestiegener Abiturientenquote) und die Stasi-Problematik werde gerne abgetan mit Formulierungen wie: „Stasi? Ich hatte keine Schwierigkeiten mit der Stasi.“ Wenn die PDS etwas geschafft hat, dann die Erzeugung einer „Empfindung kollektiver Herabwürdigung“, die objektiv gar nicht existiert; Adressat ist ein dankbares Publikum: „Wenn man das Gefühl hat, man sei diskriminiert gewesen, dann ist man für jede Bestätigung dankbar“, sagte Schröder.

Das Gefühl, Bürger zweiter Klasse zu sein

Podiumsdiskussion mit Prof. Morlok, Prof. Schröder und dem Vorstandsvorsitzenden der Stiftung, Wolfgang Gerhardt
Podiumsdiskussion mit Prof. Morlok, Prof. Schröder und dem Vorstandsvorsitzenden der Stiftung, Wolfgang Gerhardt
Schröder erinnerte daran, dass DDR-Bürger dort, wo sie zur Zeit der Trennung auf Westdeutsche stoßen konnten, etwa im Urlaub in Bulgarien, mangels Devisenausstattung tatsächlich als Bürger zweiter Klasse behandelt wurden. „Dieses Gefühl, Bürger zweiter Klasse zu sein, haben viele DDR-Bürger mitgenommen ins wiedervereinigte Deutschland.“

Ein weiteres Erbe der DDR-Zeit sei das weit verbreitete unbedingte Denken in Systemalternativen, erklärte Schröder, das differenzierte Sichtweisen versperre und es kaum möglich mache, für Veränderungen innerhalb eines Systems einzutreten. Ein Erbe der DDR-Zeit, weil dort über 40 Jahre die SED für alles, wirklich alles, verantwortlich war, vom Schlagloch über den Brötchenpreis bis hin zum Urlaubsziel. So machten viele auch heute die Regierung, das „System“, die Gesellschaft für alles Unheil verantwortlich, das ihnen widerfährt. Dazu komme die in Deutschland nicht sehr verbreitete Fähigkeit, stolz auf Erreichtes zu sein und die Unfähigkeit, sich darüber zu freuen.

Schröder appellierte zum Abschluss, Aufklärung zu leisten und nochmals Aufklärung, auch mit den modernen Mitteln etwa des Films, und er machte Mut: „Für plausible Erklärungen ernten Sie Dankbarkeit!“.

Boris Eichler

Das Kuratorium der Stiftung
letzte Änderung: 23.10.2008


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