Georgien – Hintergründe, Schuldzuweisungen, Perspektiven
Wie und unter welchen Umständen kam es dazu, dass sich Abchasien und Südossetien von Georgien losgesagt haben? Warum hat Georgien Zchinvali angegriffen und warum ist Russland sofort bis tief nach Georgien einmarschiert? War der Westen sich im Klaren über die Probleme im „eingefrorenen Konflikt“ im Südkaukasus? Wie wird es weiter gehen?Diesen und weiteren Fragen widmeten sich im Rahmen einer Podiumsdiskussion vier Experten und über 60 Teilnehmer. Die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit in Hamburg hatte gemeinsam mit der Hamburg Media School eingeladen.
Eingangs berichtete Barbara Oertel, Auslandsredakteurin der taz Berlin, über ihre Erlebnisse und Eindrücke in Tiflis, wohin sie Mitte August von ihrer Zeitung entsendet worden war. Die Teilnehmer erfuhren sowohl von den restriktiven Umständen, unter denen Journalisten aus aller Welt versuchten, zu recherchieren und Interviews zu erhalten als auch von der Angst und den Sorgen der betroffenen Bevölkerung. „Menschen sitzen auf gepackten Koffern und warten darauf, dass sie gehen müssen. Jüngere Leute bemühen sich, ihre Großeltern davon abzuhalten, Fernsehnachrichten zu sehen, aus Sorge, dass diese das nicht aushalten könnten.“

Petra Beckmann-Schulz, Barbara Oertel, Wolfgang John Wolfgang John, Projektleiter Südkaukasus der Friedrich-Naumann-Stiftung in Tiflis, schloss sich mit der Entwicklung der ethnischen Konflikte in der Südkaukasusregion an. Er lebt seit 2002 in der Region und war nach Ausbruch des Krieges zunächst nach Eriwan, Armenien, dann zum Hauptsitz der Stiftung in Potsdam gereist. John erläuterte, dass Abchasien und Südossetien unter Stalin als autonome Republiken der damaligen Sowjetrepublik Georgien zugeschlagen worden seien. Im Zuge des Zerfalls der Sowjetunion erklärte 1991 auch Georgien seine Unabhängigkeit. Zwar führte Präsident Eduard Schewardnadse demokratische Grundregeln ein, Korruption existierte aber weiter. Die Konflikte mit den abtrünnigen Republiken steigerten sich zum Krieg (1990 bis 1994). Zur Friedenssicherung wurde eine russisch-georgisch-nordossetische Truppe in Süd-Ossetien stationiert. Damit gelang es Russland, sich als Schutzmacht darzustellen und so westlich orientierten Bestrebungen Georgiens entgegenzutreten. Die Situation blieb gespannt, es kam immer wieder zu Schießereien. Russische Soldaten verschärften den Konflikt, indem sie Waffenhandel und Schmuggel an den Grenzen betrieben oder tolerierten. Die Rosenrevolution 2003, die die Voraussetzung schuf, damit später Sakaaschwili zum Präsidenten gewählt werden konnte, verlief zwar friedlich, brachte aber keine Lösung hinsichtlich der Separationsbestrebungen. Sakaaschwili wollte von Anbeginn seiner Präsidentschaft die abtrünnigen Republiken wieder zu Georgien zurückholen.
Marietta König, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik in Hamburg, ergänzte die Darstellung Johns, indem sie die Heterogenität der Kaukasusregion vor allem anhand der enormen Sprachenvielfalt erläuterte. Es existiere nicht nur eine große Zahl an unterschiedlichen Sprachen, nicht etwa Dialekten; diese Sprachen wiesen zudem noch ganz unterschiedliche Wurzeln auf. Einige von ihnen seien indogermanische Sprachen, andere hätten eher iranische Wurzeln und ähnelten zum Teil dem Farsi. Osseten und Abchasen wiesen insofern auch linguistisch eine große Eigenständigkeit und Distanz zu Georgien auf. Zudem gebe es zwischen den Kaukasusvölkern divergierende Geschichtsinterpretationen, die auch das heutige Miteinander belasten könnten.





