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Genscher in Prag: Für eine Weltordnung der Kooperation

Genscher in Prag
Genscher in Prag
Der ehemalige Bundesaußenminister und Ehrenvorsitzender der FDP, Hans-Dietrich Genscher, hat weltweit alle Staaten zum Aufbau einer neuen Weltordnung der Gerechtigkeit und Stabilität aufgerufen. Genscher hielt in Prag genau 20 Jahre nach seinem berühmten Auftritt am 30. September 1989 in der deutschen Botschaft in Prag einen Festvortrag in der tschechischen Hauptstadt – seinerzeit konnte er den DDR-Flüchtlingen vom Botschaftsbalkon mitteilen, dass ihre Ausreise in den Westen möglich sei.

 

Bei seinem Vortrag in der Prager St. Anna-Kirche erklärte Genscher, in der heutigen Zeit sei eine „globale Verantwortungspolitik“ notwendig. Globalisierung bedeute auch globale Nachbarschaft aller mit allen, wobei Größe nicht mehr Macht oder Rechte bedeute, sondern größere Verantwortung. Europa komme in dieser Hinsicht eine besondere Gestaltungsaufgabe zu, weil die größeren Staaten zunächst in der EG und später in der EU gelernt hätten, die kleineren als gleichberechtigt und ebenbürtig anzuerkennen.

 

Stärke des Rechts, nicht das Recht des Stärkeren

 

Die Europäer hätten es verstanden, Achtung vor anderen Menschen, anderen Völkern, anderen Kulturen zu entwickeln. Auf diese Einsichten werde sich die neue Weltordnung stützen müssen, deren Grundverständnis laute: „Es gilt die Stärke des Rechts und nicht das Recht des Stärkeren.“

 

Dienstbier
Dienstbier
Die Menschheit stehe heute vor drei Optionen, erklärte der FDP-Ehrenvorsitzende weiter. Die erste sei die Option des Chaos und die zweite die der Vorherrschaft, wobei beide den Kern schwerer Erschütterungen der globalen Stabilität in sich bergen. „Die dritte ist schließlich die Option einer Welt der Kooperation auf der Grundlage der Gleichberechtigung und Ebenbürtigkeit der Völker, der Staaten und der Regionen, die auch als ‚europäische Option’ bezeichnet“ werden könne, so Genscher.

 

Es müsse eine „Weltordnung geschaffen werden, die überall als gerecht empfunden wird“, betonte der frühere Bundesaußenminister. Unter Verweis auf die von den USA ausgegangene globale Wirtschafts- und Finanzkrise meinte Genscher, obwohl er als Liberaler Eingriffe in die Wirtschaft nicht befürworte, müssten für die neue Weltordnung Regeln aufgestellt werden, um gemeinsam die Herausforderungen der Zukunft zu meistern. In diesem Zusammenhang appellierte der FDP-Politiker an die Europäer, zwanzig Jahre nach der europäischen Freiheitsrevolution einen „Impuls der Einheit Europas und der globalen Verantwortung der europäischen Völker“ zu geben.

 

"Europa hat in Krisenzeiten immer Fortschritte gemacht"

 

Schwarzenberg, Stiftungs-Repräsentant Borek Severa, Genscher und Dienstbier
Schwarzenberg, Stiftungs-Repräsentant Borek Severa, Genscher und Dienstbier
Der einstige tschechoslowakische Außenminister Jiří Dienstbier, der am 23. Dezember 1989 mit seinem deutschen Amtskollegen Genscher symbolisch den „Eisernen Vorhang“ an der gemeinsamen deutsch-tschechischen Grenze zerschnitten hatte, erinnerte daran, dass die Ausreise der Flüchtlinge über die Botschaft in Prag in die Bundesrepublik ein „letzter Schlag für die totalitären Regimes in der CSSR und der DDR“ gewesen sei.

 

Die „Zeit der Unfreiheit“ vor der politischen Wende sei aber für die mitteleuropäischen Völker vor allem eine „Zeit des Ringens um die Freiheit gewesen“, machte der ehemalige Bürgerrechtler aufmerksam. Die derzeitige Weltwirtschaftskrise sei deshalb auch als Chance zu betrachten, weil gerade Europa in Krisenzeiten immer Fortschritte gemacht habe, betonte Dienstbier. Solidarität, die die Grenzen Europas überschreite, sei heute so notwendig wie sie es vor 20 Jahren gewesen sei, erklärte der derzeitige tschechische Senator.

 

An der Festveranstaltung anlässlich des 20. Jahrestages der berühmten Rede von Hans-Dietrich Genscher vom Balkon der deutschen Botschaft in Prag in der St. Anna-Kirche nahmen auch der frühere tschechische Außenminister Karel Schwarzenberg sowie weitere ranghohe Gäste aus Politik, Wirtschaft und Kultur teil. Die Veranstaltung wurde von der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit in Zusammenarbeit mit der Stiftung „Vize 97“ des ehemaligen tschechischen Staatspräsidenten Vaclav Havel und dessen Gattin Dagmar Havlová organisiert.

 

Veranstaltungstipp: „Liberale Außenpolitik im 20. Jahrhundert. Grundmuster und Wandel“ mit Hans-Dietrich Genscher am 20. Oktober 2009 in Köln

 

Lesen Sie auch: „20 Jahre Mauerfall – Gesamteuropäische Verantwortungspolitik und globale Kooperation“ mit Hans-Dietrich Genscher

 

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Fotos: Stiftung für die Frreiheit/Miloš Schmiedberger

letzte Änderung: 08.10.2009


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