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Gemeinsame transatlantische Werte – nur eine Worthülse?

Was versteht man im Capitol unter
Was versteht man im Capitol unter "Freiheit" und "Liberal"?
Politisch Verantwortliche in Deutschland und den Vereinigten Staaten sprechen immer wieder von den gemeinsamen Werten, ohne zu hinterfragen, was auf der anderen Seite des Atlantiks eigentlich darunter verstanden wird. Ein hochinteressanter Hintergrund für eine Tagung in Washington D.C.

“Defining Transatlantic Values” – unter diesem Motto stand die Konferenz des Transatlantischen Dialogprogramms (TAD) am 7. und 8. September 2006. Mehr als 60 Teilnehmer aus Politik, Medien, Wirtschaft, dem Diplomatischen Corps und Think Tanks nahmen an der Konferenz teil. Zum Auftakt stellte Karen Donfried, Senior Director for Policy Programs beim German Marshall Fund (GMF), die Ergebnisse der erst am Vortag veröffentlichten Studie „Transatlantic Trends 2006“ des GMF vor.

Die Studie zeige, so Karen Donfried, dass Europäer und US-Amerikaner die Angst vor globalen Bedrohungen teilen. Der internationale Terrorismus wird sowohl in Europa als auch in den USA stärker als in den vergangenen Jahren als Bedrohung wahrgenommen. Was den Umgang mit der Bedrohung aber angeht, zeigen sich erhebliche Unterschiede:

Die Umfrage Transatlantic Trends 2006 zeigt, dass erstmals in fünf Jahren die Außenpolitik von Präsident Bush in der amerikanischen Bevölkerung mehr Gegenstimmen (58%) als Befürworter (40%) findet. In den vergangenen fünf Jahren hat sich die Einstellung der Europäer zur Außenpolitik von Präsident Bush ebenfalls drastisch verändert: 77% (gegenüber 56%, EU-9) lehnen seine Politik ab. Gleichzeitig ist die Zustimmung der Europäer zur globalen Führungsrolle der USA erheblich gesunken (von 64% auf 37%, EU-9).

78% der Amerikaner und nur 35% der Europäer befürworten Krieg zur Herstellung von Gerechtigkeit. Hingegen lehnen 62% der Europäer, aber nur 20% der Amerikaner einen Krieg unter diesen Umständen ab.

Dies erklärt, warum in der amerikanischen politischen Rhetorik das Wort Krieg wesentlich häufiger gebraucht wird als in Europa. Allein die häufige Benutzung des Wortes löst bei transatlantischen Partnern oft unterschiedliche Assoziationen und dadurch unmittelbare Missverständnisse aus.

Hans-Jürgen Beerfeltz
Hans-Jürgen Beerfeltz
Am zweiten Tag standen die unterschiedlichen Sichtweisen der transatlantischen Werte auf der Tagesordnung. Im ersten Diskussionsforum definierte der Bundesgeschäftsführer der FDP, Hans Jürgen Beerfeltz, die gemeinsamen transatlantischen Werte aus deutscher Perspektive. Im Verständnis von Freiheit gebe es zwischen Deutschen und Amerikaner einen wesentlichen Unterschied: Die Mehrheit der Deutschen definiert Freiheit als Freiheit für etwas, während die Amerikaner Freiheit als Freiheit von etwas betrachten.

Dies führe auch zu der unterschiedlichen Interpretation des Begriffs „liberal“ auf beiden Seiten des Atlantiks. Während sich in Deutschland die FDP als die „Liberalen“ für mehr freie Marktwirtschaft und weniger Bürokratie einsetzten, würde in den USA unter dem Begriff genau das Gegenteil verstanden. „Liberal“ ist hier jemand, der für den Ausbau der sozialen Sicherungssysteme und „mehr Staat“ eintritt.

Stephen Szabo, Professor für Europäische Studien an der John-Hopkins-Universität, zeigte die historische Entwicklung der Wertediskussion auf beiden Seiten des Atlantiks auf. Hierbei bestätigte er die unterschiedlichen Auslegungen von Grundwerten in Europa und den USA.

Botschafter a. D. J.D. Bindenagel von der DePaul Universität in Chicago ging im zweiten Forum aus amerikanischer Sicht auf die Interpretation von transatlantischen Werten ein. Hier erklärte er, was die Werte Freiheit, Demokratie und Rechtstaatlichkeit für die Amerikaner bedeuten. Er unterstrich, dass sich die transatlantischen Partner in der Wertedefinition seit Ende des Kalten Krieges auseinander bewegt haben. Eine transatlantische Strategie - basierend auf gemeinsam verstandenen Werten – werde aber für den Umgang mit Bedrohungen und neuen Herausforderungen immer wichtiger.

Darin folgte ihm Marcus Pindur, politischer Korrespondent des Deutschlandradios, der unterstrich, dass nur durch intensiven Meinungs- und Personenaustausch die vorliegenden Missverständnisse abgebaut und ein besseres Verständnis füreinander gewonnen werde. Er plädierte für mehr Respekt und Willen zum Verstehen auf beiden Seiten des Atlantiks. Die transatlantische Gemeinschaft brauche einander.

Während der Konferenz, die als Auftaktveranstaltung für eine Maßnahmenreihe zu gemeinsamen transatlantischen Werten diente, wurde schnell klar, dass die Teilnehmer großes Interesse daran hatten, mehr über das Verständnis der gemeinsamen Werte im jeweils anderen Land zu erfahren.

Claus Gramckow/Kathrin Yoneoka
letzte Änderung: 12.09.2008


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