Gedenkstätten und Menschenrechtserziehung

Teilnehmer hören eine Erklärung über Haftstrafen der Insassen: Die schlimmsten Vergehen wurden mit dem Tode bestraft, „kleinere Vergehen“ führten zu Einzelhaft in eiskalter Umgebung und heftigen Schlägen mit Eisenstangen Dieses Jahr bot die Internationale Akademie für Führungskräfte (IAF) den Teilnehmern an der 38. Jahresversammlung des Internationalen Instituts für Menschenrechte (International Institute of Human Rights – IIHR) mit Sitz in Straßburg die Gelegenheit zu einem Besuch der Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Natzweiler in Struthof im Elsass. Danach folgte ein Nachmittags-Seminar, bei dem über die Funktion von Gedenkstätten nachgedacht und diskutiert wurde. Mehr als hundert Personen meldeten sich für die 60 verfügbaren Plätze an – ein Ausdruck für das enorme Interesse, das das angebotene Programm ausgelöst hat.
Die Stifung besitzt eine traditionsreiche Zusammenarbeit mit dem IIHR und benennt und finanziert regelmäßig durchschnittlich 8-10 Teilnehmer für die einmonatigen fortgeschrittenen Kurse im Bereich internationales und vergleichendes Menschenrecht. Das „Naumann“-Kontingent besteht aus Juristen und Menschenrechtsaktivisten aus den Reihen der Stiftungspartner. Dieses Jahr stammten sie aus Marokko, den Philippinen, Ägypten, Pakistan, Georgien, Moldawien, Israel und Argentinien.
Vor vier Jahren baute die Stiftung ihre Rolle in dem Kurs aus und bietet jetzt eine für alle Teilnehmer, nicht nur für Stiftungsteilnehmer, offene eintägige Veranstaltung an. Der von Dr. Stefan Melnik entworfene Beitrag der Stiftung bezieht sich eher auf die politische als auf die legale Dimension der Rechte. Letztes Jahr konzentrierte sich die Stiftung auf das Thema Religion und Staat und welchen Einfluss diese Beziehung auf die Rechte hat. Dieses Jahr standen Menschenrechts-Erziehung und massiv auftretende Menschenrechtsverletzungen im Brennpunkt der Diskussion, wobei die Vergangenheit und die Rolle von Gedenkstätten abgehandelt wurden.

Das Denkmal auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Natzweiler
Der Geländebesuch des ehemaligen Konzentrationslagers sollte zeigen, wie ein französisches „Mahnmal zum nationalen Gedenken“ heute als ein Mittel in der Erwachsenen- und Jugendbildung eingesetzt wird. Bei der Diskussion über die Gedenkstätte Natzweiler im Verlauf des darauffolgenden Seminars, konzentrierte sich die Aufmerksamkeit auf die emotionale Wirkung der Präsentation. Tatsächlich kann der Horror, dem die Lagerinsassen ausgesetzt waren, den Besucher nicht unberührt lassen. Gleichzeitig konnte der Fremdenführer jedoch eine peinlich genaue und unparteiische Darstellung der alltäglichen Realität vor mehr als sechzig Jahren vermitteln. Die Opfer waren Franzosen, aber auch Österreicher, Deutsche und viele andere. Christen und Juden. Politisch Engagierte und Unpolitische. Widerstandskämpfer und Leute, die nicht zum Widerstand gehörten. Homosexuelle und Heterosexuelle. Tatsächlich war jeder, der nicht der Nazi-Norm entsprach, ein Opfer oder potentielles Opfer.
Über jüdische Opfer befragt, die scheinbar nicht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit in der Struthof-Gedenkstätte standen, wurde das Lagersystem der Nazis erklärt. Die körperlich und geistig Behinderten wurden in ihren jeweiligen Heimen und Einrichtungen ermordet. Die Konzentrationslager dienten der Unterbringung von politischen Dissidenten und anderen vom Nazi-Regime als gefährlich erachtete Personen, die Zwangsarbeit leisten mussten. Hunderttausende arbeiteten sich zu Tode oder gingen infolge der unmenschlichen Behandlung, der sie unterworfen wurden, zu Grunde. Die Todeslager der Nazis im heutigen Polen, wie Auschwitz und Treblinka, waren für den Massenmord an Juden und die Vernichtung des europäschen Judentums konzipiert. Mehr als sechs Millionen Opfer gab es in den Todeslagern. Viele Gedenkstätten innerhalb und außerhalb Deutschlands widmen sich ausschließlich dem Schicksal der Juden vor und während des zweiten Weltkriegs.
Präsentation Dr. Stefan Melnik Bei den Nachmittagssitzungen in Straßburg wurde auch eine Präsentation von Dr Melnik geboten, über die Art, in der heutzutage in Deutschland die Nazi-Diktatur sowohl in den Schulen als auch auf dem Gebiet der Erwachsenenbildung angegangen wird. Es folgte eine Frage-und-Antwort-Runde. Gedenkstätten, zum Gedenken der Opfer des kommunistischen Regimes in Ost-Deutschland, wurden später in der Sitzung ebenfalls mit einbezogen. Dr. Melnik betonte: Die Nutzung der Vergangenheit zur Bewusstseinsbildung über die Bedeutung der Menschenrechte sei nur dann von Erfolg gekrönt, wenn die Bereitschaft existiert, aus der Vergangenheit zu lernen und sich ihr ohne Tabus zu stellen. Jeder Versuch, die Vergangenheit zu „relativieren“ oder sie für Propagandazwecke zu nutzen, sei zum Scheitern verurteilt. Außerdem könne den verschiedenen Versuchen des Rechtsextremismus, die Geschichte zu „revidieren“ und sogar den Holocaust zu leugnen, nur durch Erziehung und Konfrontation mit den Tatsachen wirksam entgegengetreten werden.

Präsentation Dr. Enikö Gal Die zweite Präsentation von Dr Enikö Gal, Menschenrechts-Expertin und Moderatorin der IAF, wohnhaft in Budapest, zeigte beispielhafte Fälle von Gedenkstätten auf, sowohl weitgehend bekannte und etablierte wie Yad Vashem und Auschwitz als auch jüngere Initiativen, die sich auf die Opfer des Kommunismus konzentrieren. Sie warf ebenfalls Diskussionsfragen auf.
In der folgenden längeren Diskussion konzentrierten sich die Teilnehmer auf die Schwierigkeiten im Zusammenhang mit der Einrichtung ähnlicher Gedenkstätten mit erzieherischem Zweck in ihren jeweiligen Ländern. Manche Bedenken gingen in Richtung auf: Wie kann Politisierung vermieden werden; wie kann verhindert werden, dass der Staat die Gedenkstätten und ihre Ausstellung betreibt und beeinflusst, wie können sie finanziert werden, wie kann exzessive Vermarktung, die dem erzieherischen Zweck zuwiderhandelt, verhindert werden? Hierzu wurde das Beispiel der Insel Robben in Südafrika angeführt – wo sich die Kapazitätsprobleme zum Vorteil der Touristen und zum Nachteil junger Südafrikaner auswirken, die wichtige Dinge über ihre Vergangenheit zu lernen versuchen.

Eine nachmittägliche Diskussions-Sitzung in Straßburg Übereinstimmend galt: Die Planung und der Betrieb solcher Gedenkstätten darf nicht in der Hand von Regierungsleuten sein, auch wenn sie mit Steuergeldern finanziert werden. Die Aufgabe, weiterführende Konzepte und Ausstellungen zu entwickeln, soll der Zivilgesellschaft obliegen, unparteiisch angegangen werden und auf der Hilfestellung von Menschenrechtsexperten, Pädagogen und Historikern beruhen.
Stefan Melnik
Veranstaltungen und Publikationen der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit zum Thema Menschenrechte.





