Frühkindliche Bildung: "Keiner fällt durchs Netz"
Nach Schätzungen haben in Deutschland etwa 15 Prozent der Eltern massive Erziehungsprobleme. Die Häufung folgenschwerer Fälle von Kindesmisshandlung und -verwahrlosung weist auf eine qualitative Veränderung hin. Etwa ein Prozent der Eltern haben schwerwiegende soziale Probleme. Sie sind alkoholkrank, drogenabhängig und haben psychische Probleme. Die Kinder dieser Eltern wachsen ohne echte Zukunftschancen auf.
Martina Engel-Otto, Wolfgang Gerhardt Die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit setzt direkt bei der Elternbildung an, um die Chancen, die aus frühkindlicher Bildung und Erziehung erwachsen, signifikant zu erhöhen. Die Stiftung unterstützt das Projekt der Universität Heidelberg „Keiner fällt durchs Netz“. Modellstandorte sind alle Landkreise im Saarland und die Landkreise Bergstraße und Offenbach in Hessen. Kernthemen sind die Ansprache von Multiplikatoren für Elternschulungen sowie die Ausbildung von Familienhebammen. Die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit ist Kooperationspartner des Projektes.
Anlässlich der Zertifikatsübergabe an die 29 Familienhebammen fand eine Podiumsdiskussion in der Villa Lessing in Saarbrücken statt. Wolfgang Gerhardt, Vorsitzender des Vorstands, begrüßte die zahlreichen Gäste und wies auf die Notwendigkeit der Intervention im frühkindlichen Bereich hin. Kindern könne man nicht kündigen. Dennoch geschehe dies noch zu oft in Familien, die erkennbar überfordert seien. Zu viele Kinder würden mit ihren Potenzialen in den ersten Jahren ihres Lebens verloren gehen. Deshalb beteilige sich die Stiftung an dem Projekt „Keiner fällt durchs Netz“.
Martina Engel-Otto, Koordinatorin im saarländischen Ministerium für Bildung, Familie, Frauen und Kultur mit langjähriger Erfahrung als praktizierende Hebamme, stellte das Projekt „Keiner fällt durchs Netz“ vor. In diesem Projekt sei die Familienhebamme die zentrale Bezugs- und Unterstützungsperson. Die Familienhebamme besuche besonders belastete Familien über das gesamte erste Lebensjahr zuhause. In Familien, in denen die Familienhebammen im Laufe dieses Jahres mit Hilfe eines Screenings Risikokonstellationen identifizieren, würden den Familien Hilfsangebote durch die entsprechenden Institutionen vermittelt.

Jorgo Chatzimarkarkis MdEP Jorgo Chatzimarkakis, Mitglied des Europäischen Parlaments, gab einen Überblick über die Praxis der frühkindlichen Bildung in Europa. So habe z.B. Großbritannien mit seinen Early Excellence Centres ein vorbildliches Modell geschaffen. Diese fungieren als frühpädagogische Stützpunkte, die sowohl sozial benachteiligte Kinder betreuen und fördern sowie gleichzeitig gezielte Elternarbeit verfolgen. Der Begriff der Rabeneltern existiere nur in Deutschland und stamme noch aus der Zeit des Nationalsozialismus, in der versucht wurde, Mütter an Haus und Herd zu binden. Dieses antiquierte Rollenbild müsse vollständig überwunden werden und eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf erreicht werden.

Gisela Friedrichsen Gisela Friedrichsen, Gerichtsreporterin beim Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“, gab einen ungeschminkten Einblick in die Schicksale von Kindesmisshandlung und –verwahrlosung, die vor deutschen Gerichten verhandelt werden. Derartige Straftaten würden nicht aus heiterem Himmel unvorhergesehen passieren, sondern immer nach einem längeren Weg der jungen Eltern bis zur Tat. Es seien Fehlentwicklungen, auf die die Gesellschaft nicht rechtzeitig achtet, sondern - unangenehm berührt - lieber übergehe. Man müsse zu diesen Familien hingehen, hinschauen und hinhören. Es müsse bei den Eltern angesetzt werden, damit die Kinder gar nicht erst in den Brunnen fallen.
Peter Altmiks
Liberales Institut
Lesen Sie auch:
Papier von Wolfgang Gerhardt zum Engagement der Stiftung für die Freiheit im Bereich frühkindlicher Bildung
Manuskript von Gisela Friedrichsen „Humanitäre Intervention in frühkindlichen Bereich“ (es gilt das gesprochene Wort)
Projektseite und Powerpoint-Präsentation von "Keiner fällt durchs Netz"
Publikationen zum Thema frühkindliche Bildung
NEU: Kleines Lesebuch der liberalen Bildungspolitik





