Frankfurt/M.: Kolloquium zur liberalen Erinnerungskultur

Podiumsdiskussion
Unter dem Motto "Revolutionen, Parteigründungen, Politikergeburtstage" war das diesjährige Kolloquium zur Liberalismus-Forschung der liberalen Erinnerungskultur gewidmet. Veranstaltet wurde es im Gästehaus der Universität Frankfurt am Main gemeinsam vom Archiv des Liberalismus und dem Regionalbüro Wiesbaden.
Prof. Ewald Grothe (Gummersbach) machte in seiner Begrüßung darauf aufmerksam, dass die Diskussion um die „Erinnerung der Liberalen“ seit längerem ein Thema des liberalen Archivs sei. Nach einem Grußwort der früheren hessischen Wissenschaftsministerin Ruth Wagner, Kuratoriums-Mitglied der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit, debattierte ein erstes, von Jürgen Frölich (Gummersbach) geleitetes Podium die Erinnerung an markante Daten aus der liberalen Parteigeschichte.

Jansen
Prof. Christian Jansen (Berlin/Bochum) skizzierte dabei Entstehung und Geschichte der Deutschen Fortschrittspartei, deren Gründung vor 150 Jahren den Anlass für die Tagung gegeben hatte, und wies auf den eigentümlich Umstand hin, dass die Partei durch ihre schnellen Wahlerfolge im September 1862 fast vor dem vollständigen Durchbruch ihrer liberal-nationalen Zielsetzungen gestanden habe, dann aber einen langen und letztlich „erfolglosen Kampf“ gegen Bismarck führen musste. Ihre Gründung sei sicherlich ein Wendepunkt in der politischen Entwicklung Deutschlands gewesen, aber heute weitgehend vergessen, weil die Geschichtsschreibung traditionell im Schatten Bismarcks gestanden habe, dem die Fortschrittsliberalen keine ähnlich bekannte Führungspersönlichkeit entgegen stellen konnten. Jansen legte nahe, die liberale Tradition solle weniger an der Parteigründung selbst als vielmehr am „Fortschritts“-Begriff anknüpfen; dessen politische Verwendung sei allerdings nicht auf den Liberalismus beschränkt.

Hein
FDP: Überlieferung zum Gründungsakt sehr dünn
Mit der Erinnerung an die Gründung der FDP als Bundespartei 1948 in Heppenheim befasste sich Prof. Dieter Hein (Frankfurt/M.). Er wies nach, dass die Auswahl des scheinbaren „Traditionsortes von 1848“ zunächst eher eine zufällige, den Verkehrsverbindungen geschuldete war und dass diejenigen FDP-Gründer, die an die Tradition von 1848 anknüpfen wollten, bei der Gründungsversammlung in der Minderheit waren. Das Treffen selbst verdeckte nur mühsam die innerliberalen Konflikte und wurde keinesfalls als kraftvoller Neustart empfunden. Da zudem die Überlieferung zum Gründungsakt sehr dünn war und ist, sprach also vieles gegen einen liberalen Traditionsort Heppenheim. Dennoch wurde er gewissermaßen im Zuge der Debatte um die Freiburger Thesen wiederentdeckt, als nach historischer Fundierung des deutschen Liberalismus gesucht wurde. Seit 1978 wird der FDP-Gründung regelmäßig in Heppenheim gedacht und zunehmend auch die Verbindung zur ersten Heppenheimer Versammlung von 1847 hergestellt. Heppenheim zeige, so Hein, dass Erinnerungskultur in gewisser Weise „machbar“ sei.

Möller, Pohl
„Liberale Symbolfiguren und deren Nachleben“ lautete die Überschrift des zweiten Panels, dass von Prof. Hans-Heinrich Jansen (Koblenz) geleitet wurde. Hier untersuchte Privatdozent Frank Möller (Greifswald) in einem eher allgemeinen Kontext die Erinnerung an Heinrich von Gagern, den liberalen Präsidenten der Frankfurter Paulskirchen-Versammlung. Diese setzte eigentlich erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts ein und erfuhr im späten Kaiserreich, in der Weimarer Republik und sogar im Nationalsozialismus eine je eigene Ausprägung. Während in der frühen Bundesrepublik ein eher positives Gagern-Bild vorherrschte, wurde dieses durch die u. a. von Bundespräsident Gustav Heinemann angestoßene Aufwertung der (radikal-)demokratischen Kräfte in der deutschen Geschichte verdüstert: Gagern sei demzufolge eher den Fürsten als dem Volk verpflichtet gewesen. Noch 1998 im Jubiläumsjahr der Paulskirche sei das Projekt eines Gagern-Denkmals in Frankfurt gescheitert. Seitdem habe es zu verschiedenen, eher abgelegenen Lebensstationen von Gagern eine ansehnliche lokale Erinnerungskultur um den ersten Präsidenten eines gesamtdeutschen Parlaments gegeben, die aber zu einer Entpolitisierung und Idyllisierung des Gagern-Bildes geführt habe.
Liberale sollten mehr aus der positiven Erinnerung an Stresemann machen
Prof. Karl-Heinrich Pohl (Kiel) zeigte, wie Gustav Stresemann nach 1945 für recht unterschiedliche politische Ziele instrumentalisiert worden sei, allerdings eher von politischen Konkurrenten. Er fragte danach, warum die Liberalen so wenig aus der überaus positiven Erinnerung an den einzigen bisherigen Kanzler aus ihren Reihen, der zudem als Träger des Friedensnobelpreises auch international ungeheure Anerkennung erfahren habe, gemacht hätten, während Konrad Adenauer und Willy Brandt sich Stresemanns durchaus bedient hätten. So gebe es zwar zahlreiche mit dessen Namen verbundene Initiativen und Erinnerungsorte, aber keine genuin liberalen Anknüpfungspunkte.

Kunze
Am Schluss des eigentlichen Kolloquiums sprach unter der Moderation von Jochen Merkle (Stuttgart) Prof. Rolf-Ulrich Kunze (Karlsruhe) über die Grundlagen einer liberalen Erinnerungskultur bei den niederländischen Nachbarn. Diese ließen sich kaum an Ereignissen oder Personen festmachen als vielmehr an allgemeinen Tendenzen und Phänomenen der jüngeren niederländischen Geschichte. Dazu zählte Kunze die calvinistische Prägung des Landes, ihre umfassende Verstädterung seit dem „Goldenen Zeitalter“, die soziale Partizipation als zentraler Bestandteil der politischen Kultur in den Niederlanden und schließlich die Widerstands-Tradition der Niederländer, die sich als vergleichsweise kleines Volk Jahrhunderte lang gegen mächtigere Nachbarn behaupten mussten. Angesichts dieses Hintergrunds würde man bei der Suche nach einer genuin liberalen Erinnerungskultur im Nachbarland kaum fündig; vielmehr sei die gesamte politische Kultur von starken liberalen Traditionselemente bestimmt, nicht ungefähr gelte Amsterdam seit jeher als ein „El Dorado für Nonkonformisten“.





