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Film-Regisseur Ali Samadi bei Iran-Tagung in Bonn

Iran
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Das aserbaidschanische Restaurant „Baku“ in Bonn lieferte Kulisse und Bühne zugleich für eine Iran-Tagung des Regionalprogramms NRW, an der auch der Regisseur Ali Samadi mitwirkte, dessen Erfolgskomödie „Salami-Aleikum“ wenige Tage danach zur Primetime im ZDF ausgestrahlt wurde.

Etwa 70 Mitwirkende, zumeist mit iranischem biographischen Hintergrund, aber auch ein Attaché der russischen Botschaft, der Mitbegründer der IHK-Teheran 1975 oder der frühere Leiter der Mittel-Ost Redaktion der Deutschen Welle fanden sich am orientalisch anmutenden Veranstaltungsort ein, um sich den „Demokratie-Potenzialen im Iran“ anzunähern.

Regionalbüroleiter Klaus Füßmann, der von 2000 bis 2008 vier größere Iran-Wochenend-Tagungen in der Theodor-Heuss-Akademie durchgeführt hatte, legte zu Beginn dar, was Demokratie-Potenziale im Iran (im Unterschied zu den Chancen) kategorial ausmacht. Nicht die Machtkonstellation aus Präsident, religiöser Führung, Pasdaran-Ökonomie, Militär, Basaris und Parlament stand im Vordergrund, auch nicht absehbare Wahl-Herausforderungen.

Vielmehr sollten tiefer liegende, im Iran höchst lebendige oder aktivierbare Gewohnheiten, Fähigkeiten, Bildungs-Bestände und andere (eher) kulturelle Vorzüge mit Demokratie befördernder Kraft im Kleinen angesprochen werden. Dergleichen gilt für geopolitische Strukturen im Großen, die ebenfalls Demokratie-relevant sind, weil sie in der Regel unausweichlich sind.

Komponenten zur Erhöhung der Zahl regimetreuer Studenten

Diskussionsrunde mit Ali Samadi, Eva Orthmann, Maryam Ansary und Arno Tappe
Diskussionsrunde mit Ali Samadi, Eva Orthmann, Maryam Ansary und Arno Tappe
Den Anfang machte Prof. Eva Orthmann, Islam- und Iran-Wissenschaftlerin an der Universität Bonn. Sie sprach über Bildungs-Chancen im Iran. Das Mullah-Regime habe nach der revolutionären Anfangsphase seit Mitte der 80er Jahre massiv Einfluss genommen auf die Universitäten und im Rahmen der Neuorganisation des Concours (dem Aufnahmeverfahren zur staatlichen Hochschule) neben akademischen auch geographische, soziale und vor allem politische Komponenten zur Erhöhung der Zahl regimetreuer Studenten eingeführt. Heute seien mehr als 50 Prozent der Studienanfänger weiblichen Geschlechts; die Bildungsrate sei auch anderweitig gestiegen. Gab es am Ende des Schah-Regimes eine Analphabeten-Rate von 50 bis 60 Prozent, so habe man den Analphabetismus mittlerweile ebenso in den Griff bekommen wie die Bevölkerungsexplosion. Beides seien mittelbar Demokratie fördernde Elemente, könne man doch prinzipiell von der Gleichung „mehr Bildung = Verbesserung der ökonomischen Bedingungen= mehr Demokratiechancen“ ausgehen. Demgegenüber stehe allerdings der permanente politische Druck auf die Studenten, die Verdächtigung von Geisteswissenschaften als subversive „westliche“ Fächer sowie Korruption und Misswirtschaft allgemein.

Ali Samadi Ahadi
Ali Samadi Ahadi
Als zweiter Vortragender ging der der Kölner Regisseur und Kulturschaffende Ali Samadi Ahadi, geboren in Täbriz, ans Mikrophon. Er skizzierte Strukturen und Reichweite der iranischen Zivilgesellschaft. Bis zur Präsidentschaft des reformorientierten, letzthin aber gescheiterten Präsidenten Chatami habe es im wesentlichen traditionell religiöse oder professionell auf die Basar-Händler ausgerichtete zivilgesellschaftliche Organisationen gegeben. Diese hätten kein Bewusstsein von (durch ihr Wirken mittelbar praktizierter) Demokratie und Menschenrechten gehabt. Im Rahmen der vorsichtigen Öffnung seien dann bis 2004 unendlich viele zivilgesellschaftliche Einrichtungen entstanden, deren Zielsetzung von Wohlfahrts-Pflege (Kinderschutz, Drogenkrankenbetreuung) über studentisch-wissenschaftliche Anliegen bis zu Frauen-Bildung/Rechten reiche.

Demokratisches Potenzial wird gezielt politisch überwacht

Im Restaurant Baku
Im Restaurant Baku
Gerade die Information und Aktivierung von Frauen – als Beispiel wurde die mutige Eine-Million-Unterschriften–Initiative zur Frauen-Gleichberechtigung genannt – habe in dieser Phase einen erfreulichen Aufschwung erlebt. Mit der Busfahrer-Organisation sei auch eine gewerkschaftsähnliche Arbeitnehmervertretung in Erscheinung getreten. Diese im Kern gesellschaftlich ausgerichteten, mehr und mehr auch politischen, in der überregionalen Vernetzung allerdings schwach entwickelten Kleinorganisationen seien dann in der Präsidentschaftszeit Ahmadinedschads und vor allem nach den Aufständen gegen das Wiederwahlergebnis 2008 häufig unter Oppositionsverdacht geraten. Das unzweifelhaft demokratische Potenzial werde seitdem gezielt politisch überwacht bzw. verfolgt, sei also derzeit geschwächt, aber als Erfahrungswert untilgbar.

Arno Tappe
Arno Tappe
Als „Hoffnungsbrecher“ führte sich der dritte Vortragende ein: Arno Tappe, christlicher Orientalist und ethnologisch-landeskundlicher Berater im Zentrum für operative Information der Bundeswehr in Mayen, der auf jahrelange Beratungs-Tätigkeiten im Kosovo und in Afghanistan zurückblicken kann. Sein Thema „Die Rolle des Iran im regionalen Machtkontext – Handlungsoptionen und Begrenzungen“ führte er mit der Bemerkung ein, dass es vier geo- und machtpolitische Eckpunkte gibt, die unabhängig von der inneren politischen Verfassung im Iran gelten: die Sicherheit der (Öl-) Transportwege am Golf, die existenzielle Sicherheit Israels, die Nichtverbreitung von Atomwaffen und die Nicht-Unterstützung des Terrorismus. Arno Tappe konnte auch positive Signale für die Anwesenden setzen. Iran werde für die Stabilität der Region generell dringend gebraucht und habe direkt nach den unverdächtigen Beileidsbekundungen nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 gegenüber den USA ein „window of opportunity“ geöffnet, das in Washington nicht gebührend Berücksichtigung gefunden habe. Bei aller Vorsicht gegenüber Irans Engagement in der schiitischen Einflusszone (vom Libanon bis Bahrein) empfahl Tappe, das orientalische Land nicht auszuklammern von einer grundlegenden Regelung in Afghanistan, zumal die amerikanische militärische Intervention im Mittleren Osten insgesamt die geopolitische Position Irans gestärkt habe.

Die anschließende, von der Journalistin Maryam Ansary moderierte Diskussion mit den Vortragenden und dann auch mit dem Publikum befasste sich mit dem Verhältnis von Wirtschaftsinteressen und Menschenrechtspolitik, der Bedeutung der Aufarbeitung der Revolution von 1979, der außenpolitischen Situation des Irans und insbesondere mit den Sichtweisen der Exil-Perser auf ihr Heimatland. Zum Abschluss griff Füßmann Arno Tappes Vorschlag auf, eine Vision von „unserem“ zukünftigen Iran zu entwickeln und diese dann in die vielfältigen, realpolitisch wirksamen Gegebenheiten einzubetten. Die Vorträge der Veranstaltung werden für eine Publikation vorbereitet.


Klaus Füßmann
Leiter Regionalprogramm NRW
letzte Änderung: 04.08.2011


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