Festveranstaltung: 150 Jahre Deutsche Fortschrittspartei

Vertreter der Deutschen Fortschrittspartei 1862
Mehrfach griff es dem Mantel der Geschichte an den Saum, das Jahr 1861. In Amerika begann der Bürgerkrieg, in Turin wurde das Königreich Italien ausgerufen, in Basel riss man das Aeschentor ab. Und in Deutschland? Da hob man eine neue Partei aus der Taufe, im Juni, mitten in Berlin, die Deutsche Fortschrittspartei, ein Novum. Mit ihrer Gründung nämlich begann hierzulande nicht nur die Geschichte des parteilich organisierten Liberalismus, 1861 begann die Geschichte der Parteien klassischen Zuschnitts.

Wolfgang Gerhardt
150 Jahre danach lud die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit zur Jubiläumsfeier ein, ebenfalls im Juni und wieder mitten in Berlin, in der Kaiserin-Friedrich-Stiftung am Neuen Tor. Gut hundert Gäste waren gekommen.
Das Grußwort sprach Wolfgang Gerhardt, Vorsitzender des Stiftungsvorstands. Die Liberalen stünden, so hob auch er hervor, in der Ahnenreihe der politischen Parteien in Deutschland am Anfang, das Jahr 1861 markiere den Geburtstag der Parteien im heutigen Sinne. Die Deutsche Fortschrittspartei ist damit, anders als gerne kolportiert, sogar älter als die parteipolitische Formierung der Arbeiterbewegung, die SPD.
Die meisten Gründungsmitglieder waren Achtundvierziger
Den Festvortrag hielt der Historiker Christian Jansen, Gastprofessor an der Technischen Universität Berlin. Er spannte einen weiten Bogen von der gescheiterten Revolution von 1848 bis zur Spaltung der Fortschrittspartei und zur Gründung der Nationalliberalen knapp zwei Jahrzehnte später.

Prof. Christian Jansen
Die meisten Gründungsmitglieder der Fortschrittspartei waren Achtundvierziger. Die „Niederlage des Fortschritts gegen die Kräfte der Beharrung oder Reaktion“ habe an ihrem Selbstbewusstsein genagt, sie „war ein wesentlicher Antrieb für ihr andauerndes politisches Engagement.“ Unter den Gründern fanden sich zumeist beruflich erfolgreiche Bürger wie der Unternehmer Werner Siemens oder die Professoren Rudolf Virchow und Theodor Mommsen, alle Politiker aus Leidenschaft.
Die Männer, die die Partei 1861 aus der Taufe hoben, wollten, so Jansen weiter, mit ihr den alten Gegensatz zwischen Liberalen und Demokraten überwinden und die gesamte Opposition zusammenfassen. Die heroische Zeit der Partei seien die Jahre zwischen 1861 und 1866 gewesen, damals wurde sie zum wichtigsten parlamentarischen Gegenspieler Bismarcks.
Presse war liberalen Ideen gegenüber deutlich aufgeschlossener

Musikalischer Rahmen: Trio Dan
Diese Einheit währte allerdings lediglich fünf Jahre. Die Abspaltung der Bismarck-freundlichen Nationalliberalen 1866 bedeutete „personell und programmatisch eine tiefe Zäsur in der Geschichte des deutschen Liberalismus.“ Zwar konnten die Nationalliberalen bei der rechtlichen und wirtschaftspolitischen Ausrichtung des Deutschen Reichs „manche liberale Grundsätze durchsetzen.“ Allerdings hätten beide Parteien auf die moderne Organisationsform der Mitgliederpartei verzichtet – ein Fehler, durch den der Liberalismus der politischen Konkurrenz langfristig unterlegen gewesen sei.
Soviel zur Geschichte. An Christoph Meyer, dem Vorsitzenden des Berliner Landesverbands der Freien Demokraten und Chef der liberalen Fraktion im Abgeordnetenhaus, war es, den Blick abschließend noch nach vorne zur richten. Verpflichtungen enthält das historische Erbe der Fortschrittspartei zur Genüge. Meyer erinnerte daran, dass das Berlin der 1860er Jahre ein Zentrum liberalen Denkens gewesen sei, seine Beamten- genauso wie die Studentenschaft. Auch war die hiesige Presse liberalen Ideen gegenüber deutlich aufgeschlossener als im Jahr 2011.

Christoph Meyer
Eine Herausforderung sieht Meyer heute vor allem in der enormen wirtschaftlichen Unfreiheit im Stadtstaat Berlin. Die Liberalen müssten klarmachen, dass sie die einzige Wachstum und Fortschritt bejahende Partei der Hauptstadt sind. Ziel sei es, dass die Stadt wieder, wie 1861, ein „Fortschrittsring“ umschließt, ein Zustand, der seinerzeit schon Bismarck zur Verzweiflung getrieben hat.
Für den musikalischen Rahmen der Veranstaltung sorgte das „Trio Dan“, mit Stücken, die der Freiheitsgeschichte der 1860er Jahre ihren Soundtrack geliefert haben.
Lars-André Richter





