Navigation

Zur Startseite

Inhalt

Ex-Wikileaks-Sprecher kündigt alternative Enthüllungsplattform an

Daniel Domscheit-Berg, Jöran Muuß-Merholz, Karsten Polke-Majewski
Daniel Domscheit-Berg, Jöran Muuß-Merholz, Karsten Polke-Majewski
Nicht erst durch die Veröffentlichung der diplomatischen Depeschen ist Wikileaks zu einem großen Akteur der politischen Öffentlichkeit geworden. Auf einer Veranstaltung der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit in Hamburg kündigte Daniel Domscheit-Berg, bis vor kurzem neben Julian Assange einer der beiden Gesichter von Wikileaks, den Start für eine eigene Enthüllungsplattform an – für die nächsten Wochen.

 

Der ehemalige Sprecher von Wikileaks war zusammen mit Karsten Polke-Majewski, dem stellvertretendem Chefredakteur von ZEIT online, bei einem Hamburger Podiumsgesprächs zum Verhältnis zwischen Wikileaks und Journalismus Gast der Stiftung.

 

Alternative Enthüllungsplattform im Internet geplant

 

Domscheit-Berg bestätigte Gerüchte, dass er an einer Plattform arbeite, die sich als Alternative zu Wikileaks verstehe. Bei Wikileaks lasse sich erkennen, wo Flaschenhälse innerhalb einer solchen Organisation liegen, welche Ressourcen man brauche, wie man Macht, Verantwortung und Entscheidungen aufteilen und transparent machen müsse. Domscheit-Berg begründete seine Trennung von Wikileaks darüber hinaus mit der Veröffentlichungsstrategie von Wikileaks: „Im Moment zählt nur: Wie erregt man die größtmögliche Aufmerksamkeit, wie produziert man einen Weltrekord nach dem anderen. Aber kann man jetzt noch etwas veröffentlichen, was nur regional wichtig ist? Es wird für Wikileaks sehr schwierig, aus dieser Position wieder in einen normalen Betrieb zurückzufinden, in dem man sich ohne Diskriminierung zwischen den Materialien einfach nur mit der Information auseinandersetzt, so wie Wikileaks es eigentlich machen wollte.“ Polke-Majewski ergänzte: „Wikileaks hat ja, als es noch gar nicht so groß und bekannt war, schon bewiesen, dass es durchaus möglich ist, auch aus Diktaturen Materialien zu veröffentlichen, an die sonst keiner gekommen ist.“

 

Neues Projekt geht „innerhalb der nächsten Wochen an die Öffentlichkeit"

 

Domscheit-Berg betonte, dass er einer von mehreren Akteuren sei, die hinter der neuen Plattform stehen. Mehrere Menschen, die bei Wikileaks ausgestiegen sind oder denen die Ausrichtung von Wikileaks nicht zugesagt hat, hätten sich dafür zusammengeschlossen. Das neue Projekt, für das intern noch mehrere Namen verhandelt würden, werde „innerhalb der nächsten Wochen an die Öffentlichkeit gehen. Das soll eine Organisation werden, die nicht so viel Aufmerksamkeit auf sich selber, sondern stärker auf die eigentlichen Inhalte lenkt.“ Domscheit-Berg kündigte an, dass Finanzierung, Verantwortlichkeiten und Entscheidungsprozesse der neuen Plattform öffentlich gemacht werden sollen: „Wir wollen uns an denselben Standards für Transparenz messen lassen, die wir für andere auch fordern.“

 

Domscheit-Berg betonte den großen Zuspruch zu Wikileaks. Es seien dort zwar seit Anfang 2010 nur einzelne, dafür große Veröffentlichungen erfolgt, aber viel mehr Dokumente eingereicht worden. Dies könne nicht eine einzelne Organisation bearbeiten. Für die Zukunft brauche man tausend solcher Plattformen, mit ganz unterschiedlichen Schwerpunkten.

 

Transparenz versus Geheimnisverrat

 

Beide Diskutanten kritisierten die aktuelle Veröffentlichungspolitik von Wikileaks. Domscheit-Berg: „Das primäre Problem ist, dass man fünf Medien vollen Zugang gewährt, und alle anderen Medien außen vor sind. Das ist alles intransparent. Der ursprüngliche Anspruch, dass Bürger anhand der Primärquellen die Medien auch überprüfen und sich selber ein Bild machen können, ist komplett weggefallen.“ Karsten Polke-Majewski relativierte: „Ich halte Transparenz für keinen absoluten Wert. In einer Demokratie ist es wichtig, viele Dinge offenzulegen und mit den Bürgern zu diskutieren. Aber Transparenz muss auf ein Ziel gerichtet sein. Wenn ich als Journalist Wahrheit suche, dann stelle ich auch eine Frage, die ich beantworten will.“

 

Auf der Schwelle zu einer digitalen Gesellschaft sehen beide Referenten große Herausforderungen: „Wir müssen als Gesellschaft heute neu definieren, wie wir unsere Welt wahrnehmen, wie wir Transparenz definieren, wie wir Geheimnisverrat definieren. Das ist die wahre Chance von Wikileaks, dass diese Diskussion um einen kulturellen Umbruch angestoßen wird.“ Polke-Majewski wollte dazu den Schutz der Privatsphäre ergänzt wissen: „Wir müssen auch diskutieren: Gibt es auch eine Privatheit für mehr als den einzelnen Menschen?“

 

„Journalisten werden auch in Zukunft reichlich Arbeit haben“

 

Ein Ende des etablierten Journalismus sehen beide Diskutanten nicht – im Gegenteil: „Journalisten werden auch in Zukunft reichlich Arbeit haben“, ist sich Polke-Majewski sicher. „Journalisten müssen Daten auch kuratieren, also sie erschließbar und verstehbar machen.“ Auch Einschätzungen und Interpretationen blieben wichtige Aufgaben der Medien.

 

Wie geht es mittelfristig weiter mit Whistleblowing-Plattformen wie Wikileaks? Moderator Jöran Muuß-Merholz wagte einen Vergleich: „Wikileaks scheint so eine Art Pubertät für Whistleblowing-Plattformen zu sein: Man probiert aus, legt sich mit Autoritäten an, beschimpft das Etablierte und tut bisweilen Sachen, einfach nur weil man es kann. Aber was kommt nach der Pubertät?“ Vielleicht werden wir in der angekündigten Plattform von Daniel Domscheit-Berg zumindest einen größeren, etwas erwachseneren Bruder von Wikileaks sehen.

 

vorherige Seite | 1 | 2 | nächste Seite
letzte Änderung: 07.12.2010


04.06.2012: Islamdebatte: Wie viel Freiheit erlaubt der Islam?

05.12.2012 bis 07.12.2012: Liberalismus in der internationalen Politik

14.12.2012 bis 16.12.2012: Auf dem Weg in die Europäische Wirtschaftsregierung

Schaufenster Stiftung

Blog des Liberalen Instituts

22.05.2012: Lieber ein Ende mit Schrecken mehr...

22.05.2012: Es gibt Besseres als die Benzinbesteuerung mehr...

21.05.2012: Peak Oil mal wieder verschoben mehr...

Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit