Friedrich Naumann - Geleitwort von Wolfgang Gerhardt
Geleitwort zur Broschüre „Daß wir selber frei zu werden suchen, soviel uns immer möglich ist.“ von Dr. Wolfgang Gerhardt, Vorsitzender des Vorstandes der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit:

Dr. Wolfgang Gerhardt
Friedrich Naumann scheint uns weit weg: Seine Geburt liegt rund anderthalb Jahrhunderte zurück, der Tod ereilte ihn vor neun Jahrzehnten. Viele der sozialen und politischen Rahmenbedingungen, die sein Leben und Wirken prägten, sind verschwunden: das deutsche Kaiserreich, das preußische Junkertum, Europas weltpolitischer Führungsanspruch, deutsche Kolonien in Übersee, das System der europäischen Großmächte etc. Persönliche Erinnerung an ihn gibt es, anders als vor 50 Jahren bei der Gründung unserer Stiftung, auch nicht mehr. Ist es da noch sinnvoll, wenn sich die Arbeit einer politischen Stiftung des 21. Jahrhunderts auf einen Protagonisten der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert beruft?

Friedrich Naumann (1860-1919)
Auf den ersten Blick nicht. Denn manches oder gar vieles von dem, was Naumann politisch-strategisch propagierte, ist nicht mehr aktuell bzw. längst überholt: Es gibt kein ungleiches Wahlrecht mehr wie in Preußen, das deutsche Parlament ist eindeutig das von der Verfassung eingesetzte politische Entscheidungszentrum, die Zersplitterung des deutschen Liberalismus ist seit Gründung der FDP vor 60 Jahren und spätestens seit der Fusion mit den ostdeutschen Liberalen überwunden, die betriebliche Mitbestimmung ist seit Langem gesichert. Was bleibt da heute noch von der politischen und gesellschaftlichen Gedankenwelt des sächsischen Pfarrersohns?
Ich behaupte, in anderer Weise ist Friedrich Naumann immer noch sehr modern. Ich meine damit nicht in erster Linie seine optimistische Weltsicht, seinen Glauben an die stetige Weiterentwicklung der Gattung Mensch und seine Überzeugung von der schöpferischen Kraft der Freiheit. Dies sollte Gemeingut aller Liberalgesinnten sein.

Naumann-Büste am Stiftungssitz in Potsdam
Die Modernität und Aktualität von Friedrich Naumann liegt für mich vor allem darin, wie er die Problemlagen seiner Zeit analysiert hat und wie er damit umgegangen ist. So erkannte Naumann sehr früh, dass man damals wie heute in einem Zeitalter der Globalisierung lebte, deren Auswirkungen sich auf nationaler Ebene wenig oder gar nicht einschränken ließen. Naumann wollte dies auch gar nicht: „Wir haben nur die Wahl, ein kleines Volk am Rande der Weltgeschichte zu sein oder zum Freihandel überzugehen.“ Als Naumann dies 1906 schrieb, war für ihn klar, wie die Wahl ausfallen müsste, denn im Freihandel sah er die „denkbar größte Garantie der menschlichen Wohlfahrt“ und deshalb rief er in seiner „Neudeutschen Wirtschaftspolitik“ dazu auf: „Macht Luft, macht alle Häfen frei, lasst uns ein Werkhaus der Völker werden und ein Stapelplatz der Erzeugnisse aller Zonen.“ Wir sollten uns vom damaligen Optimismus Friedrich Naumanns anstecken lassen und die zweite Welle der Globalisierung ebenfalls vor allem als Chance ansehen.





