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Ein konsequenter Liberaler

Eugen Richter (1838-1906)
Eugen Richter (1838-1906)
Er gehörte zu den wortmächtigsten Kritikern Bismarcks. Der Fortschrittsliberale Eugen Richter (1838-1906) geißelte Flottenaufrüstung und staatliche Sozialpolitik. Er prangerte den aufkommenden Antisemitismus an und er erkannte die Gefahr, die vom Sozialismus ausging. Heute vor 100 Jahren starb er.

Der Oppositionelle

Zeitgenossen war er als der wohl wichtigste Oppositionsführer gegen Bismarck und den darauf folgenden Wilhelminismus bekannt. Heinrich Mann setzte ihm und seinem Liberalismusverständnis in seinem Roman „Der Untertan“ ein literarisches Denkmal – ihm, der stets konsequent dem nationalistischen Machtstaatsglauben die Absage erteilt hatte.

Eugen Richter (1838-1906), dessen Todestag sich am 10. März zum 100. Male jährt, war ein Liberaler der alten, klassischen Schule. Seine Wahl zum Bürgermeister von Neuwied erhielt daher 1864 von den preußischen Behörden nicht die erforderliche Bestätigung. Sowohl als Aktivist im Genossenschaftswesen, bei seinem Engagement für Freihandel beim „Kongress deutscher Volkswirte“ als auch bei seiner (oft von der Zensur beanstandeten) publizistischen Tätigkeit eckte Richter schon früh bei der Obrigkeit an. Er wurde observiert und seine Wohnung von der Polizei durchsucht.

Der Parlamentarier

1867 wurde Richter in das Parlament des Norddeutschen Bundes gewählt, nachdem er zu den maßgeblichen Organisatoren des liberalen Wahlkampfes gehört hatte. Es war das letzte Mal, das die Liberalen ein gemeinsames Wahlzentralkomitee bildeten. Seit dem preußischen Verfassungsstreit hatten sich die Nationalliberalen von den Fortschrittsliberalen getrennt, um sich politisch mit Bismarck zu einigen. Solche Kompromisse hielt Richter – wohl nicht ohne guten Grund – stets für schädlich, und verblieb bei den Fortschrittlichen. Mit Bismarck sollte Richter, der in einem Maße prinzipientreu war, dass ihm bisweilen der Ruf des Dogmatismus anhaftete, eine lange Gegnerschaft verbinden.

1869 folgte die Wahl in den preußischen Landtag, nach der Reichseinigung 1871 die Wahl in den Reichstag, dem er bis zu seinem Tode (meist für den Wahlkreis Hagen) als Parteiführer angehörte. Dort erwies er sich als einer der besten (und am meisten gefürchteten) Kenner der Haushaltspolitik des Parlaments, der mit unglaublicher Detailkritik der Regierung zu schaffen machte. Er gehörte zu den vehementesten Gegnern der Bismarckschen Abkehr von Freihandel (1878) und der Sozialgesetzgebung (1881ff). Die Popularität, die er damit erreichte, nutzte ihm und seiner Partei zunächst, da er Zulauf von enttäuschten Mitgliedern des linken Flügels der Nationalliberalen bekam. Diese liberale Erstarkung fand 1893 ihr Ende, als er zahlreiche Mitglieder der Fraktion ausschließen ließ, weil sie der Aufrüstungspolitik der Regierung zugestimmt hatten. Dies war politisch konsequent und sachlich richtig, leitete aber in fataler Weise die Spaltung und den Niedergang des Linksliberalismus ein.

Der Kampf gegen Aufrüstung und Militarismus war jedoch ein Eckpfeiler der Richterschen Überzeugungen, die für ihn unverhandelbar waren. Das Flottenprogramm und der Kolonialismus fanden in ihm einen gnadenlosen Kritiker. Das gleiche galt für die Einschränkung von Verfassungsrechten, ganz gleich ob sie im „Kulturkampf“ die Katholiken oder durch die „Sozialistengesetze“ die Sozialdemokratie betrafen. Letzteres darf nicht als Sympathie für die Sozialdemokraten missverstanden werden, denn im Sozialismus sah Richter fast die gleiche Gefahr wie im reaktionären preußischen Obrigkeitsstaat.

Der Publizist

Richters Bedeutung lag nicht zuletzt in der Einführung moderner Wahlkampfmethoden mit durchorganisierter Agitation und hoher publizistischer Präsenz. Er richtete einen Publikationsfonds für die Partei ein und gründete den Verlag „Fortschritt“. 1885 lancierte er die täglich erscheinende „Freisinnige Zeitung“. Richter als unermüdlicher Autor selbst war in fast allen wichtigen Presseorganen der Zeit zu finden, die er unermüdlich mit Artikeln belieferte. Dank seiner dominierte der Fortschrittsliberalismus in der deutschen Presse. Hinzu kamen noch Buchpublikationen, von denen die von Richter verfassten „ABC-Bücher“, die kurz vor Wahlen herauskamen, die wirkungsvollsten waren. In ihnen erläuterte Richter in alphabetischer Reihenfolge die Themen und Stichworte der Zeit aus freisinniger Perspektive – von „Abgeordnetenhaus“ bis „Zolltarifvorlage“.
Sein wohl berühmtestes Werk – das seither immer wieder aufgelegt wurde – waren dabei zweifellos die 1891 erschienenen „Sozialdemokratischen Zukunftsbilder“, einem kleinen Kurzroman über eine Zeit, in der der Sozialismus zur Macht gelangt war. Richter schilderte darin ein fiktives Familienschicksal in einer (nicht so fernen) Zukunft, in der die Sozialdemokraten die Herrschaft gewonnen haben. Die sich verbreitende Not und Knappheit werden lebensnah geschildert, ebenso der zunehmend autoritär-repressive Charakter des sich ursprünglich radikal demokratisch gebenden politischen Systems. Am Schluss sieht sich das Regime gezwungen, die Grenzen zu schließen und auf fliehende Auswanderer schießen zu lassen. Der „real-existierende“ Sozialismus der „DDR“ wurde so in geradezu seherischer Weise vorweg genommen.

Gegen Ende seines Lebens widmete sich Richter daneben auch dem Kampf gegen den Antisemitismus, der von Bismarck geschickt instrumentalisiert wurde und auch unter Nationalliberalen immer mehr salonfähig wurde. Verbittert äußerte sich Richter 1892: „Die antisemitische Bewegung erscheint bei weitem verwerflicher als die sozialistische Agitation. Sie richtet sich nicht bloß gegen äußere Besitzverhältnisse, sondern gegen die Menschen an sich und ihre Abstammung.“

Würdigung

Obwohl unter Zeitgenossen zu den bekanntesten Oppositionellen gehörend, hat Eugen Richter nie den Nachruhm erlangt wie andere Gegner Bismarcks – etwa der Sozialdemokrat August Bebel. Das mag mit seiner schwierigen Persönlichkeit zu tun haben, die an den Spaltungen des Fortschrittsliberalismus sicher ihren Anteil hatte. Wahrscheinlicher ist, dass das, wofür Richter stand, zu viele unangenehme Wahrheiten enthielt. Seine Kritik an Aufrüstung und Imperialismus, sein Einsatz für Marktwirtschaft und Freihandel, sein Glaube an Selbstorganisation und Genossenschaftswesen als Alternative zum Sozialetatismus, seine Anklagen gegen den Antisemitismus waren schlichtweg hellsichtig. Sie zu befolgen hätte Deutschland und der Welt am Vorabend des Ersten Weltkriegs viel Ärger erspart. Aber sie standen nicht mit dem Zeitgeist im Einklang, der eine andere Richtung eingeschlagen hatte.

Man zog es schon bald vor, ihn als veralteten „Manchesterliberalen“ abzutun. Dieses Bild findet sich bis heute in der Geschichtsschreibung. Dabei war Richter nur ein Liberaler konsequentester Ausprägung, dem es um die Freiheit in allen Lebensbereichen ging – und nicht nur um wirtschaftliche Freiheit. Solch eine Position hatte es in Deutschland immer schon schwer. Doch für ihn war klar, was er im Jahre 1896 auf den Punkt brachte:

„Die wirtschaftliche Freiheit hat keine Sicherheit ohne politische Freiheit, und die politische Freiheit findet ihre Sicherheit nur in der wirtschaftlichen Freiheit.“

Dr. Detmar Doering

Einladung zur Veranstaltung: Gedenken zum 100. Todestag von Eugen Richter
letzte Änderung: 12.09.2008


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