"Ein europäisches Deutschland, kein deutsches Europa"
Hans-Dietrich Genscher: 20 Jahre Mauerfall - 5 Jahre EU-Osterweiterung
2009 ist das Jahr der großen Jubiläen. Aus deutscher und europäischer Sicht sticht jedoch ein Ereignis heraus: Vor 20 Jahren begann mit dem Fall der Mauer das Ende der Teilung einer Nation, die zuvor 40 Jahre durch Stacheldraht, Selbstschussanlagen und Todesstreifen getrennt gewesen war. Und es war nicht nur das Ende der Teilung einer Nation, sondern das Ende der Teilung eines ganzen Kontinents. Dass sich 2009 auch die Aufnahme acht süd- und osteuropäischer Staaten in die Europäische Union jährt, zeigt das Nachwirken des Jahres 1989 bis heute.Aus diesem Anlass luden die Landesvertretung Hessen, die Konrad-Adenauer-Stiftung, die hessische Partnerregion in Polen Wielkopolska und die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit zu einem Symposium nach Brüssel.
Tageschausprecherin Susanne Daubner befragte Gegner und Leittragende des DDR-Regimes, unter ihnen Jutta Fleck, die "Frau vom Checkpoint Charlie", die Bürgerrechtlerin Vera Lengsfeld, und ließ das Publikum auf diese Weise an den ganz persönlichen Erinnerungen und Erlebnissen von Zeitzeugen teilhaben. Hessens Ministerpräsident Roland Koch (CDU) und der hessische Justizminister Jörg-Uwe Hahn (FDP) sowie Peter R. Weilemann, Leiter der Konrad-Adenauer-Stiftung in Brüssel gaben sich die Ehre. Den Höhepunkt der Veranstaltung stellte der Vortrag von Bundesminister a. D. Hans-Dietrich Genscher dar. Auch das große Interesse des Brüsseler Publikums zeigte: Die Tragweite dieses Jubiläums überstieg das Gewöhnliche. Dieses Ereignis war etwas Besonderes. Trotz simultaner Videoübertragung im Nebenraum, drängten sich über 400 Teilnehmer im Hauptsaal des Palais des Académies im Herzen Brüssels. Botschafter neben Stagiaires, Parlamentarier neben Lobbyisten, Banker neben Menschenrechtlern.
"Das hätten wir euch Deutschen gar nicht zugetraut"
Hans-Dietrich Genscher brachte die Bedeutung des Mauerfalls für Deutschland und Europa auf den Punkt: "Am 9. November 1989 war ich stolz auf meine Landsleute." Für jemanden seiner Generation, der noch die Konsequenzen übersteigerten Nationalstolzes in Erinnerung sind, falle es nicht leicht so etwas zu sagen. Aber ausgerechnet die deutsche Bevölkerung, die die nationalsozialistische Diktatur in weiten Teilen mitgetragen hatte, schaffte es nun, die zweite Diktatur auf deutschem Boden friedlich und aus eigenem Willen und eigener Kraft zu überwinden. Dass selbst die europäischen Nachbarn dies nicht von Deutschland erwartet hätten, illustrierte der Ausspruch des damaligen Kommissionspräsidenten Jacques Delors: "Das hätten wir Euch Deutschen gar nicht zugetraut."
Mit Brüssel habe man den richtigen Ort gewählt, um das Jubiläum des Mauerfalls in Brüssel zu begehen, so Genscher. "Denn die Wiedervereinigung ist nicht nur ein deutsches, sondern auch ein europäisches Ereignis." Besonders im Hinblick auf das Zusammenwachsen Europas durch die EU-Osterweiterung werde dies greifbar. Bronisław Geremek, liberaler Europäer und späterer polnischer Außenminister, erkannte bereits 1989 den europäischen Kontext der Ereignisse, erklärte Genscher. "Wenn Deutschland wiedervereinigt ist, grenzt Polen an die EG und NATO.
" Geremek wusste um den friedlichen und demokratischen Charakter der vergrößerten Bundesrepublik und sah die Chancen für Osteuropa. Zur Bestätigung, dass weder Polen noch Frankreich, weder England noch Tschechien ein erneutes Hegemonialstreben zu fürchten hatten, zitierte der Bundesaußenminister a. D. damals wie heute Thomas Mann: "Wir wollen ein europäisches Deutschland, kein deutsches Europa." Dies wurde mit großem Applaus vom Publikum bestätigt.Sechs Jahre Mahnwachen, Petitionen und Hungerstreiks
Dass der Jahrestag des Mauerfalls jedoch auch ein Moment des Gedenkens für die ist, die unter dem SED-Regime litten oder gar starben, rief eine von Susanne Daubner moderierte Gesprächsrunde ins Gedächtnis. Jutta Fleck, bekannt geworden als die "Frau vom Checkpoint Charlie", schilderte bewegend den Kampf um ihre beiden Töchter, die nach einem misslungenen Fluchtversuch staatlicher anstelle mütterlicher Fürsorge unterstellt wurden. Für den Versuch ihre Kinder in Freiheit großzuziehen, verlor Jutta Fleck nicht nur für lange Zeit ihre Töchter. Sie verbrachte auch 22 Monate in Haft. Eine Großraumzelle mit 20 Mithäftlingen, eine Toilette und Trinkrinnen für Vieh zum Zähneputzen und Waschen. "Ordinären Kriminellen erging es wesentlich besser als uns, den politischen Gefangenen." Nach dem Freikauf durch die Bundesrepublik folgten Jahre des aufopferungsvollen Einsatzes. Fleck trat in den Hungerstreik, besuchte Papst Johannes Paul II., kettete sich während der KSZE-Konferenz in Helsinki an, appellierte 1986 bei einer offiziellen Gedenkveranstaltung im Reichstag unaufgefordert an Helmut Kohl und Willy Brandt. Erst nach sechs Jahren der erzwungenen Trennung durch das SED-Regime konnten Mutter und Töchter sich wieder in die Arme schließen. Nicht zuletzt wegen der öffentlichen Unterstützung bei ihrem Kampf David gegen Goliath durch Menschrechtsorganisationen und couragierte Politiker. "Herr Genscher, ich möchte Ihnen noch einmal für Ihr persönliches Engagement danken", sagte die heute in Hessen lebende Dresdnerin.
Auch Vera Lengsfeld musste als Bürgerrechtlerin in der DDR mit Repressalien leben – trotz systemtreuer Familie. Ihr Vater war Major der NVA. Auf einer offiziellen Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg Demonstration, an der sie mit eigenem Plakat teilnahm, wurde sie festgenommen. Es

Berliner Mauer folgte ein Monat Gefängnis. Das Plakat trug die Aufschrift "Die Persönlichkeit und Freiheit jedes Bürgers sind unantastbar" – es war der 30. Artikel der Verfassung der DDR. Die Erfahrungen der heutigen Trägerin des Bundesverdienstkreuzes mit dem scheinheiligen Umgang der SED-Diktatur mit Begriffen wie 'Gleichheit' oder 'Gerechtigkeit' spiegelt sich in ihrem Lebensmotto wieder: "Freiheit und Fairness statt Gleichheit und Gerechtigkeit." Es scheint daher wie ein Wink des Schicksals, dass es Vera Lengsfeld – damals bereits aus der DDR ausgewiesen – möglich war, den Fall der Mauer auf ganz besondere Art und Weise zu erleben: In Ostberlin. Durch einen Zufall kehrte sie am morgen des 9. November 1989 über eine U-Bahnstation in die DDR zurück. Grenzbeamten wollten sie erst gar nicht einreisen lassen. Am Abend konnte sie an der Bornholmer Straße nach Westen spazieren.
"Ich hätte uns verraten"
Wie perfide und persuasiv zugleich Propaganda in der DDR eingesetzt wurde, beschrieb David Altheide. Als Zehnjähriger saß er mit seinen Eltern im Eisenbahnwaggon nach Prag. Die Altheides erhofften sich wie viele andere DDR Bürger auch, über die westdeutsche Botschaft ausreisen zu können. "Hätte ich gewusst, was meine Eltern vor hatten, ich hätte uns wahrscheinlich verraten", gestand der heute 30-jährige. "Ich war überzeugter Jungpionier. Heimatkunde Note eins. Uns wurde erzählt, dass Brot in Westdeutschland fünf Markt kostet und Kinder vor Durst Benzin trinken. Da wollte ich nicht hin." David Altheide erlebte mit, wie Bundesaußenminister Genscher den historischen Satz "Liebe Landsleute, wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise…" auf Grund tausendfachem Aufschrei und Jubel nicht zu Ende sprechen konnte. Heute engagiert er sich für Point Alpha, einer Gedenkstätte der Blockkonfrontation an der hessisch-thüringischen Grenze.
Volker Meyer berichtete über ein bis heute tabuisiertes Thema. DDR-Grenzsoldaten: Täter oder Opfer? Es habe niemals einen offiziellen Schießbefehl gegeben, sagte er, und sprach von innerer Zerrissenheit und emotionaler Überforderung seiner Truppe.
20 Jahre nach dem Fall der Mauer sind noch nicht alle Wunden verheilt, die 40 Jahre deutsch-deutsche Teilung verursacht haben. Manche Narben werden vielleicht noch lange sichtbar bleiben. Der friedliche Zusammenschluss der ehemaligen deutschen Staaten war nur möglich, weil die damaligen Staaten der Europäischen Union und – ganz wichtig – die Vereinigten Staaten von Amerika – in diesem Prozess eine besondere Vorraussetzung für das Entstehen eines ganzen Europas gesehen haben und dafür eingestanden sind.
Timo Rang
Regionalbüro Europäische Institutionen und Nordamerika
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