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Die Zukunftsgesellschaft

Susanne Liermann, Leiterin des Regionalbüros Hannover, Matthias Horx
Susanne Liermann, Leiterin des Regionalbüros Hannover, Matthias Horx
Arbeit, Bildung, Menschenbild in der kommenden Wissens-Ökonomie: der Trend- und Zukunftsforscher Matthias Horx referierte in Hannover.

Mit „Futurophobie“, d. h. zu Düsternis geronnener Zukunftsangst, sei die deutsche Seelen- und Nachrichtenlage adäquat beschrieben. Klagen, Jammern und Beweinen als Staatsbürgerkunde. So leitete der Trend- und Zukunftsforscher Matthias Horx seinen Vortrag im Festsaal des Alten Rathauses in Hannover ein, nachdem er vom Vorstandsvorsitzenden der Rudolf-von-Bennigsen-Stiftung, Peter-Jürgen Rau, begrüßt worden war. Der studierte Soziologe, Leiter eines Zukunftsinstituts bei Frankfurt am Main und Autor von über 15 Büchern machte seinem Ruf als „Europas Trendguru Nr. 1“ auch an diesem Abend vor über 100 Zuhörern alle Ehre.

Wie ist es möglich, dass in einer jüngeren Umfrage nur 15% der Deutschen glauben, die Zukunft könne besser werden als die Vergangenheit? Zu den Elementen, die dieses spezifische Angstsyndrom begründeten, zählte Horx zum einen den großen Einfluss der kulturpessimistischen Eliten in Deutschland. Aber auch die Medien, die in ständiger Überkonkurrenz auf dem Aufmerksamkeitsmarkt in wahren „Fearshows“ ums Überleben kämpften sowie nicht zuletzt die „tiefen Traumata der deutschen Geschichte.“ Die Deutschen hätten keine Tradition im Verändern, umso mehr aber eine dunkle Geschichte des gewaltsamen Verändert-Werdens. Und es mangele an dem, „was Menschen brauchen, um sich zu bewegen und wandeln zu können. Einem kohärenten stimmigen Zukunftsbild.“

Um den „Konsens der Verzagtheit“ aufzubrechen, skizzierte Horx im Anschluss an diese Beschreibung einige - seiner Auffassung nach wesentliche - Elemente eines notwendigen Wandlungsprozesses.
Beispiel „Hochbildungsgesellschaft“:
Wie müsse eine Gesellschaft, in deren Ökonomie Wissen die entscheidende Produktivkraft bilde, mit Bildung umgehen? Nach wie vor liege das wichtigste Handicap auf dem Weg zu einem tieferen Verständnis der Wissensgesellschaft in unserem alten Bildungsbegriff, dessen innere Prägung aus dem alten Ständestaat stamme. Höhere Bildung nenne sich in unserem Kulturkreis nicht zufällig „akademisch“. Sie weise seinem Träger ein Schichtenprivileg zu. Bildung der Zukunft aber sei kein Titel mehr, sondern die „Befähigung zum Weiterlernen.“
Noch immer werde in unseren Schulen industrielles Fertigungs-Lernen praktiziert: Ein Lehrer, ein Stoff, dreißig Schüler, eine frontale Lernsituation mit wachsenden Motorik- und Disziplinschwierigkeiten. In der Wissensökonomie komme es aber zunehmend auf andere Tugenden und Kompetenzen an: Selbstständigkeit, Flexibilität, Kritikkompetenz, Kreativität.

Beispiel „posttraditionale Politik“:
Die Wissensgesellschaft von morgen verlange auch eine Abkehr von alten lieb gewonnenen Mustern politischen Denkens. So habe der alte Sozialstaat seinen „Kunden“ ein einfaches Angebot unterbreitet: „Wenn es dir schlecht geht, geben wir dir Geld. Du musst dann gar nichts tun. Nur abwarten. Du kannst dich vor den Fernseher setzen und beruhigt abwarten, bis die Konjunktur wieder anspringt und wieder ein ‚Arbeitsplatz’ zur Verfügung steht.“ Dieses Konzept tauge nicht für die Zukunft. Die Gesellschaft der Zukunft sei eine „Risikogesellschaft“, weil Globalisierung und neue Technologien die Risiken für das Individuum zwangsläufig erhöhten. „Ob wir morgen noch denselben Job haben, können wir nicht wissen. Die Konkurrenz befindet sich jetzt nicht nur in unserer Nachbarschaft, sondern auch in Kuala Lumpur.“ Unsere Jobs seien durch vielerlei technische Verbesserungen gefährdet. Aber dieselben technischen Verbesserungen brächten auch ständig Chancen, unseren Job und unser Einkommen zu verbessern.
„Die Wissensökonomie ist also auch eine Chancengesellschaft, weil sie dem einzelnen eine Vielzahl von Möglichkeiten bietet, jenseits eingefahrener Bahnen zum Erfolg zu kommen.“
Der Staat der Zukunft müsse auch weiterhin mithelfen, dass die Aufstiege häufiger blieben als die Abstürze. Aber er brauche dazu andere - neue - Instrumente. Statt „Fallnetze“ benötige er „Trampoline“. Diese Überlegungen mündeten in nichts anderes als das Konzept der „Aktivierenden Sozialpolitik“ wie es in vielen Ländern bereits eingeführt worden sei.
Horx wendete sich in diesem Zusammenhang auch eindringlich gegen die „Pauschalmoralisten von Attac und Co.“ mit ihrer Kritik am neotechnokratischen „kalten“ Staat. Das Aktivierungsprinzip sei vielmehr das entscheidende Kernprinzip des neuen Sozialstaats. Er erzeuge eine neue Moral und eine simple ethische Grundregel:
„Wer Leuten das abnimmt, was sie selbst (noch) können, handelt unsozial!“

Der gesamte Vortrag war ein imposantes und eindringliches Plädoyer für mehr Zutrauen in die Fähigkeiten der Menschen und für den Abschied vom Verliebtsein ins Misslingen.

Michael Roick
Leiter Regionalprogramm
letzte Änderung: 12.09.2008


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