Die Liberalen und die erste Große Koalition
Neue Publikation des Archivs des Liberalismus
Zum zweiten Mal in seiner Geschichte sieht sich der bundesdeutsche Liberalismus mit einer großen Koalition konfrontiert. Deshalb hat ein Rückblick auf die erste diesbezügliche Erfahrung nicht nur den Wert einer historischen Reminiszenz, sondern kann Aufschluss darüber geben, mit welchen Mitteln, Möglichkeiten und Folgen sich damals zwischen 1966 und 1969 die FDP politisch zu behaupten suchte gegen eine schier übermächtige Phalanx von Christ- und Sozialdemokraten. Eine wichtige Quelle dafür sind die Aufzeichnungen des liberalen Vordenkers der neuen Deutschland- und Ostpolitik Wolfgang Schollwer. Er war in dieser Zeit Pressereferent in der FDP-Bundesgeschäftsstelle, aber sein Einfluss ging weit über den eines mittleren Parteiangestellten hinaus. 1969 widmete ihm eine bekannte Wochen-Zeitung ein Porträt unter dem Titel „Namen, die man sich merken muss“. Schollwer hielt vom Ende des Kabinetts Erhards im Oktober 1966 bis zur Konsolidierung der neuen sozial-liberalen Koalition unter Willy Brandt und Walter Scheel im Sommer 1970 vor allem seine innenpolitischen Eindrücke, Überlegungen und Schlussfolgerungen fest, die er im Zentrum der Parteipolitik gewann.
Aber auch die außenpolitischen Entwicklungen werden vom ihm kommentiert. Die Tagebuchaufzeichnungen sind durchaus subjektiv gefärbt und gehen mit inner- und außerparteilichen Gegnern seiner Überzeugungen zum Teil recht hart ins Gericht; sie zeigen aber auch, wie sich eine neue „linksliberale“ Strömung in der FDP etabliert und allmählich an Gewicht bekommt. So steht diese Quellenedition für den programmatischen und personellen Wandel, den die FDP in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre durchmachte und der sie – unter neuen Vorzeichen - wieder zu einer wichtigen Regierungspartei werden ließ.
Wolfgang Schollwer: „Da gibt es in der FDP noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten …“. Aufzeichnungen aus der FDP-Bundesgeschäftsstelle 1966-1970. Hrsg. v. Jürgen Frölich, Bremen: Edition Temmen 2007, 332 S., 19,90 €, ISBN: 978-3-86108-887-5
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