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Deutsche Befindlichkeiten

Richard Herzinger, Barbie Haller, Henryk M. Broder, Jöran Muuß-Merholz (v.l.)
Richard Herzinger, Barbie Haller, Henryk M. Broder, Jöran Muuß-Merholz (v.l.)
Am 17. Juni, einst Feiertag „Tag der Deutschen Einheit“, trafen sich auf Einladung der Friedrich-Naumann-Stiftung in Hamburg die Publizisten Henryk M. Broder und Richard Herzinger, um über aktuelle „Deutsche Befindlichkeiten“ zu diskutieren ...

Der 17. Juni ist ein historisches Datum: An diesem Tag erklärte sich 1789 in Frankreich der Dritte Stand zur Nationalversammlung. 1885 erreichte die Freiheitsstatue den Hafen von New York. 1837 wurde der erste deutsche Tierschutzverein gegründet; 1901 trat mit dem Duden die erste staatliche Rechtschreibung in Kraft; 1991 wurde der „Vertrag über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit" zwischen Deutschland und Polen geschlossen. Und: Nach dem Volksaufstand in der DDR 1953 wurde der 17. Juni in der Bundesrepublik Deutschland zum „Tag der Deutschen Einheit“, was er bis 1990 als Nationalfeiertag blieb.
Am 17. Juni 2005 lud die Friedrich-Naumann-Stiftung in Hamburg zu einem Podiumsgespräch ein, um die aktuellen deutschen Befindlichkeiten zu debattieren. Mit dabei: die renommierten Publizisten Henryk M. Broder (u.a. Spiegel Online) und Richard Herzinger (Weltwoche).

Zunächst erläuterte Richard Herzinger den Titel der Veranstaltung „Deutsche Befindlichkeiten: Zwischen German Angst und neuem nationalen Selbstbewusstsein“: Mit „German Angst“ hält ein im angelsächsischen Sprachraum geprägter Begriff Einzug in den deutschsprachigen Diskurs. Herzinger definiert „German Angst“ als kollektiv identitäts- und erkenntnisstiftend empfundenes Lebensgefühl, das ausgewählte Entwicklungen als gesellschaftliches Damokles-Schwert anprangert. Dabei stelle sich die Frage, ob Debatten um Leitkultur, Patriotismus, Atomausstieg, Parallelgesellschaften oder Heuschrecken-Kapitalismus nicht Ablenkungsmanöver von substantielleren Gefahren für die Gesellschaft darstellen.

Auch Henryk Broder stellte fest, dass es Konjunkturzyklen für „Angst-Lust“ oder „Lust-Angst“ gebe, die man zur Zeit vor allem an der Globalisierung festmache. In Anschluss an das Eingangsstatement „Ich habe Angst, also bin ich!“ von Richard Herzinger spitzte Broder zu und fragte, ob man sich nicht sogar in Deutschland schon über das Scheitern definiere, also: „Ich habe Misserfolg, also bin ich“ oder in Anlehnung an die Sprache der Werbung: „Lebst Du noch oder bist Du schon gescheitert?“

Im weiteren Verlauf der Diskussion wurden nicht nur die gesellschaftlichen Zustände, sondern auch die konkrete Politik in Deutschland einer kritischen Analyse unterzogen: So diagnostizierte Herzinger der aktuellen deutschen Außenpolitik eine zunehmende Virtualität: „Man will einen Sitz im UN-Sicherheitsrat, will international mitreden, aber man weiß noch gar nicht, was man sagen will.“
Und Broder stellte fest, dass man hierzulande zwar sehr gerne von allen Vorteilen der Globalisierung profitiere, aber die gleichen Umstände verteufele, sobald sie einen Nachteil darstellten.

Henryk M. Broder, Barbie Haller, Richard Herzinger (v.l.)
Henryk M. Broder, Barbie Haller, Richard Herzinger (v.l.)
Barbie Haller, ehemaliges Mitglied im FDP-Bundesvorstand, führte als Moderatorin souverän durch den Abend und steuerte zum Abschluss das Gespräch auf mögliche positive Perspektiven. Beide Referenten betonten, dass in Deutschland nach einer „Erfolgsgeschichte“ eine „vorbildliche Demokratie“ existiere. Nun komme es darauf an, einen geistigen Wandel zu vollziehen: weg vom „Jammern in der zweiten Potenz“ (Herzinger zum Klagen über das verbreitete Klagen), hin zur Betonung der Möglichkeiten von mehr Eigeninitiative, Eigenverantwortung und Gestaltungsmöglichkeiten an Stellen, von denen sich der Staat zurückzieht.

Jöran Muuß-Merholz
Leiter Büro Hamburg
letzte Änderung: 12.09.2008


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