Kolloqium: Der Friedensnobelpreisträger Ludwig Quidde

Ludwig Quidde (1858-1941) „Ludwig Quidde – linksliberaler Demokrat und Pazifist“. Unter diesem Titel fand in der Theodor-Heuss-Akademie, Gummersbach, ein Kolloquium statt. Anlass war einerseits der Geburtstag Quiddes, der sich am 23. März 2008 zum 150. Male jährt, andererseits die Biografie von Professor Dr. Karl Holl über den liberalen Politiker, die 2007 erschienen ist und erstmalig einen vollständigen Überblick über das Leben des Friedensnobelpreisträgers liefert.
In seinem Eingangsreferat gab Professor Holl einen Überblick über das vielschichtige, von mancherlei Brüchen gekennzeichnete Leben Quiddes, der 1858 in Bremen geboren wurde. Er wuchs in einer liberalen Kaufmanns-Familie auf und kam schon während seiner historischen Studien zur Politik. Zunächst aber bildete er sich bei dem Nationalliberalen Hermann Baumgarten und danach bei Julius von Weizsäcker zum Mediävisten aus und erlangte bald hohes Ansehen in seinem Fach. Dies drückte sich sowohl in der Gründung der „Deutschen Zeitschrift für Geschichtswissenschaft“ als auch 1890 in der Berufung zum Leiter des Preußischen Historischen Instituts in Rom aus, die ihm gleichzeitig den Professorentitel eintrug.
Duckmäusertum und Obrigkeitshörigkeit
Bald danach freilich fand seine wissenschaftliche Karriere ein jähes Ende. Grund dafür war die „Caligula“-Schrift von 1894, in der er den Kaiser Wilhelm II. karikierte und dem deutschen Bürgertum Duckmäusertum und Obrigkeitshörigkeit vorwarf. Die historische Zunft stieß ihn deshalb aus ihren Reihen aus, Quidde musste seine akademische Karriere aufgeben.
Zur gleichen Zeit freilich hatte er sich politisch in der bayerischen linksliberalen Deutschen Volkspartei engagiert; wenig später schloß er sich auch der pazifistischen Bewegung an. In den liberalen Parteien Bayerns und des Deutschen Reiches nahm er fortan eine Reihe von Funktionen wahr, nach dem 1. Weltkrieg wurde er in die Verfassunggebende Nationalversammlung für die Weimarer Republik gewählt. Dennoch konnte er sich vor allem seiner pazifistischen Ausrichtung wegen nicht dauerhaft in Führungspositionen behaupten.
Anders verhielt es sich in der pazifistischen Bewegung. Von 1914 bis 1929 war er der Vorsitzende der Deutschen Friedensgesellschaft. 1927 erhielt er vor allem seiner Bemühungen um die Aussöhnung Deutschlands und Frankreichs wegen den Friedensnobelpreis.
Als er 1933 vor den Nazis in die Schweiz fliehen musste, versuchte er von Genf aus seine pazifistischen Bemühungen fortzusetzen. 1941 starb Quidde, ohne dass er seine Frau Margarethe, die in München zurückgeblieben war, wiedersehen konnte und ohne dass seine politischen Ziele sich hätten verwirklichen lassen.
Militarismus und Verklärung der Bismarckschen Machtpolitik
Anne Nagel, Privatdozentin von der Universität Gießen, stellte in ihrem Referat „Nationalismus und Pazifismus im deutschen Kaiserreich“ die Rahmenbedingungen dar, unter denen Quidde arbeiten musste. Sie betonte, dass der Nationalismus zwar keine Massenbewegung im Deutschen Reich war, dennoch aber die Grundierung für Politik und Wissenschaft um die Jahrhundertwende darstellte. Zusammen mit dem preußischen Militarismus und der Verklärung der Bismarckschen Machtpolitik prägte er das Selbstverständnis des deutschen Bürgertums. Pazifismus war demgegenüber allenfalls eine marginale Ergänzung der politischen Szenerie. Insofern gab es für die Bestrebungen Quiddes kein günstiges Umfeld, auch wenn er eher eine Art bürgerlichen Pazifismus vertrat, der in der Weimarer Zeit radikaleren Bestrebungen gegenüber mehr und mehr an Boden verlor.





