Demokratischer Staat und religiöses Bekenntnis

Ulrich Wacker mit der Delegation vor dem Potsdamer Truman-Haus Mit großen inneren Sorgen wegen der politischen Lage in der Heimat und nicht minder großer Hoffnung auf Rat und neue Ideen kam eine 7köpfige palästinensische Delegation auf Einladung der FNSt dieser Tage nach Berlin, Potsdam und Brüssel. Die aus Parlamentariern der Fatah, Journalisten und Vertretern stiftungsnaher Organisationen der Zivilgesellschaft bestehende Gruppe wollte vor allem erfahren, wie das Verhältnis zwischen demokratischem Staat und den wesentlichen Religionsgemeinschaften in Deutschland und auf europäischer Ebene geregelt ist. Rasch wurden dabei die erheblichen Erfahrungsunterschiede deutlich.
In den christlich-abendländischen Zentralregionen Europas ist in unseren Tagen viel von einer fortschreitenden Säkularisierung der Gesellschaft, ja sogar von „Entchristlichung“ die Rede. Ganz anders sieht es aus in jenen Regionen der Welt, in denen die andere große Offenbarungsreligion, der Islam, dominiert. Dort sind – wenn auch von Land zu Land unterschiedlich ausgeprägt – seit Jahren radikal-islamistische und fundamentalistische Gruppierungen auf dem Vormarsch. In vielen Staaten der islamischen Welt sind so breite soziale Bewegungen auf religiöser Grundlage entstanden. Sie tendieren in ihrer Mehrzahl dazu, allen Bürgern des Landes ihr spezifisches Verständnis von Religion, Tradition und Gesellschaft aufzuoktroyieren. Wo einst religiöses Bekenntnis und säkular orientierter Staat in einem Koexistenzverhältnis standen, geht es heutzutage in Anbetracht des Vormarsches religiöser, häufig intoleranter Kräfte um die Bewahrung oder Wiederherstellung bürgerlicher Freiheitsrechte.
Dies ist der Erfahrungshorizont, den die Gäste der Stiftung für die Freiheit nach Europa mitbrachten. Umso überraschter waren sie zu sehen, in welch friedlicher und weitgehend problemloser Weise sich die Religionsgemeinschaften in den säkularen, religiös neutralen und pluralistischen Staat der Bundesrepublik Deutschland eingegliedert haben. Wenig Verständnis, geschweige denn Zustimmung bei den Gästen fanden deutsche Spezifika der Beziehung Staat-Kirche, wie der staatliche Einzug der Kirchensteuer oder das grundgesetzlich verankerte Recht auf schulischen Religionsunterricht. Mit großem Interesse erfuhren die Gäste im brandenburgischen Bildungsministerium vom Konzept des Schulfaches „Lebensgestaltung – Ethik – Religionskunde“(LER), das in Deutschland weiland viel Widerspruch erfahren hatte.
Die Gäste, die sich stündlich über die sich überschlagenden Ereignisse in ihrer palästinensischen Heimat unterrichten ließen, nahmen ein für sie schwer einzuordnendes Bild mit nach Hause. Im Europa des 21. Jahrhunderts scheinen sich die Kämpfe, die liberalen Vertretern eines säkular orientierten Staates in der arabisch-islamischen Welt noch bevorstehen, schon längst in – mehr oder minder – allgemeines Wohlgefallen aufgelöst zu haben. Bei ihnen zuhause dagegen reckt der Drache der religiösen und gesellschaftlichen Intoleranz sein Haupt mit einer seit Jahrhunderten nicht gekannten Chuzpe. In dieser Lage von den palästinensischen Gästen als existentiell empfundenen Krise verdienen die Liberalen des Orients die besondere Aufmerksamkeit und Unterstützung der Liberalen des Okzidents.
Hans-G. Fleck





