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BuchAktuell: Lesung mit Wolfram Weimer

Wolfram Weimer liest und diskutiert...
Wolfram Weimer liest und diskutiert...
Die Gesellschaft befindet sich in Wandel, im Umbruch. Viele Probleme stehen zur Lösung an. Für viele ist klar, dass sich etwas verändern muss. In welche Richtung allerdings, dazu gibt es unterschiedliche Lösungsansätze und Konzepte. Eine Frage jedoch beschäftigt angesichts der augenblicklichen Wirtschafts- und Finanzkrise besonders die Gemüter: In was für einer Gesellschaft wollen wir in Zukunft leben?

Weimer: "Die Krise macht uns konservativ"

Wolfram Weimer, Herausgeber und Chefredakteur der Zeitschrift Cicero hat seine Antworten auf diese essentielle Frage in Potsdam dem Publikum in der Reihe BuchAktuell vorgestellt: In seinem neuen Buch „Freiheit, Gleichheit, Bürgerlichkeit“ erklärt er, worum die gegenwärtige Krise uns konservativ mache. Dabei will er seine Einschätzungen nicht politisch definiert verstehen oder gar an Parteien-Ausrichtungen gebunden wissen - „die bisher klassischen Dimensionen von links und rechts funktionieren nicht mehr.“ Vielmehr, so der 44-jährige, gehe es um eine kulturell-soziologische Entwicklung, die bürgerliche Restauration.

...in Potsdam.
...in Potsdam.
Dabei entwirft der Historiker Weimer ein zyklisches Geschichtsbild, das er in Wellen beschreibt, die sich oftmals überlagern und gegenseitig ablösen und historische Zäsuren darstellen: Die erste war die Abendlandwelle, die vor allem identitätsstiftend war. Darauf folgte, mit der Aufklärung, die Neuzeitwelle, die die Rationalität und Philosophie in den Vordergrund brachte. Im Anschluss daran sieht Weimer die postmoderne Welle, eine Zeit der so genannten 89er Generation, eine Zeit, die sich nach den Umbrüchen in Europa Ende der 80er/Anfang der 90er Jahre, gegen Ideologien richtete und für eine Freiheit ohne Grenzen (in jeglichem Sinne) sowie einer persönlichen wie beruflichen Selbstverwirklichung stand: „...alle waren Teil eines gutgelaunten Globalisierungs-Get-Togethers.“

Spaßgesellschaft wird abgelöst

Diese geburtenstarke Generation, zu der sich auch der Autor selbst zählt, gewann - ähnlich wie die 68er zu ihrer Zeit - „die kulturelle Hegemonie, die politische Deutungsmacht“, so Weimer. Diese Zeit, die oftmals mit dem Begriff Spaßgesellschaft umschrieben wird, sei nun vorbei und werde durch eine neue abgelöst. Zwar brachte das Streben nach unbedingter Freiheit viele Vorteile mit sich: die Zahl der Ärmsten der Armen halbierte sich, in Osteuropa und Asien entwickelten sich neue Wohlstandsregionen, durch das Internet rückt die Welt mehr und mehr zusammen. Zugleich gab es zwei einschneidende Erschütterungen für die „liberale Ära“.

Die erste war wesentlich mit den Ereignissen vom 11. September 2001 verbunden: „Schlagartig musste unsere 89er-Generation erkennen, dass es vielen Menschen in der Welt noch um etwas ganz anderes ging als Spaß, Selbstverwirklichung und Freiheit.“ Und Weimer führt weiter aus: „Es war eine militante Provokation für unsere Variante, Freiheit zu leben“.

Mit der Finanzkrise 2008 kam die zweite Erschütterung, eine funktionale Krise. „Nun aber drohte nicht nur dem Wohlstand Gefahr, sondern auch der Demokratie.“ Denn besonders China und Russland zeigten, „wirtschaftlichen Fortschritt mit autoritärer Politik zu verbinden und damit eine innere Legitimation zu schaffen, die sich vom labilen Westen eben durch Stabilität unterscheidet“, so Weimer.

Wunsch nach "Verlangsamung"

Aus diesem Grunde seien vor allem die westlichen Staaten gezwungen, ihre Werte immer wieder zu hinterfragen und zu erneuern. Moralvorstellungen und Identitäten würden sich verändern, so auch in dieser Umbruchzeit. Laut Weimer kehrt eine gewisse Ernsthaftigkeit ins politische und gesellschaftliche Leben zurück, Tugenden wie Familie, Religion und Kultur würden wieder entdeckt und gepflegt. Denn die Menschen hätten die Sehnsucht nach „Verlangsamung“, quasi nach einem Inne-Halten auf der Suche nach der eigenen Identität. „Je rascher sich die Welt dreht, desto mehr müssen wir sicher sein, wo wir herkommen.“ In diesem kollektiven mentalen Umschwung sieht Weimer den neuen Konservatismus.

Der Autor beim Signieren
Der Autor beim Signieren
Der Verlag beschreibt das Buch als eine „Streitschrift“. Und so nahmen die zahlreichen Gäste in der Stadt- und Landesbibliothek die Gelegenheit wahr, mit dem Autor seine Thesen zu diskutieren und zu hinterfragen. Dabei wurde eines deutlich: bei vielen ist das Gefühl verbreitet, dass in der heutigen Zeit ein Umbruch stattfindet. Was dieser uns bringt, wird die Zukunft zeigen. Eines ist für Weimer jedoch klar und dabei zitiert er Erich Fried: "Wer nur will, dass die Welt so bleibt, wie sie ist, der will nicht, dass sie bleibt."

Die Reihe BuchAktuell, findet in Kooperation der Friedrich-Naumann Stiftung für die Freiheit mit der Stadt- und Landesbibliothek Potsdam statt. Nächste Veranstaltung: 07. Juli.2009, „Und wir sind dabei gewesen. Die Revolution, die aus der Kirche kam“, Lesung mit Pfarrer Christian Führer, Leipzig.


René Granzow
letzte Änderung: 30.04.2009


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