Brennpunkt Hauptschule

Prof. Dr. Christian Pfeiffer, Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen Wie kam es zur Ballung sozialer Probleme und Gewalt an Hauptschulen, warum haben Hauptschüler mit Migrationshintergrund aus den Ghettos der Großstädte praktisch keine Chance mehr auf einen Ausbildungsplatz? Hat die Gewalt an den Schulen wirklich zugenommen? Wie kann der Ausgrenzung und Demotivation von Hauptschülern effektiv begegnet werden? Steht die Hauptschule vor dem Aus?
Professor Pfeiffer erläutert erste Ergebnisse einer neuen Studie Professor Dr. Christian Pfeiffer, Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN), referierte vor 180 Teilnehmern erste Ergebnisse einer bisher unveröffentlichten Studie des KFN, bei der im vergangenen Jahr bundesweit 23.000 Viert- und Neuntklässler zu ihrer Familiensituation, Gewalterfahrungen und Medienkonsum befragt wurden. Seine wichtigste Forderung an die Politik vorweg: Alle Schulen in Deutschland zu Ganztagsschulen umgestalten, die vormittags Unterricht anbieten und nachmittags durch Sport-, Theater- und Musikangebote, Kooperationen mit Unternehmen oder gemeinnützige Arbeit "Lust auf Leben" wecken und aufs Leben vorbereiten!
Gleich zu Anfang widersprach Pfeiffer dezidiert dem oft in Medien und von Politikern wiedergegebenen Bild, Jugendgewalt sei in den letzten zehn Jahren gegenüber früher angestiegen. Entgegen öffentlicher Wahrnehmung gehe seit 1997 die Gewalt an Schulen zurück, wie Zahlen des Bundesverbands der Unfallkassen zeigen. Gestiegen sei vielmehr die Anzeigebereitschaft. Die Tüchtigkeit der Polizei habe stark zugenommen, folglich würden jugendliche Delinquenten heute eher gefasst als früher.
Die Studie zeigt: Intensiver Medienkonsum beeinflusst Schulleistungen negativ. So verbringen Jungen mit Hauptschulempfehlung täglich mehr als doppelt soviel Zeit vor dem Fernseher (132 Min.) und mit Computerspielen (44 Min.) als Jungen mit Gymnasialempfehlung (TV: 60 Min., PC: 20 Min.). Fast dreimal höher ist der Konsum brutaler, dadurch lernstoffverdrängender und altersgefährdender Gewaltinhalte bei Jungen mit Hauptschulempfehlung. Laut KFN-Schülerbefragung bestimmen heute Geschlecht und ethnische Herkunft die schulische Laufbahn. Deutlich mehr Mädchen als Jungen qualifizieren sich nach Meinung der Lehrer fürs Gymnasium. 11,4% der Migrantenkinder erhielten eine Gymnasial-, 37,4% die Hauptschulempfehlung. In den untersuchten Orten haben 56% der Hauptschüler Migrationshintergrund (jeder fünfte davon Türke) gegenüber knapp 26% an Gymnasien. An Hauptschulen lebt man gefährlicher: Die Gesamtopferrate (25%) ist hier doppelt so hoch wie an Gymnasien. 26% der Hauptschüler (9,7% Gymnasiasten) haben schon selber Gewalt ausgeübt, 7,4% sind Mehrfachtäter (1,9% Gymnasiasten).
Was sind die Ursachen? Soziale Chancen werden durch das Elternhaus geprägt: Mehr als ein Fünftel der Hauptschüler (nur 4,9% Gymnasiasten) kommt aus Familien, deren Eltern arbeitslos sind (hoher Anteil Migrantenfamilien) und ein niedriges Bildungsniveau haben. Je häufiger Hauptschüler im Elternhaus Gewalt erlebt haben, umso gewalttätiger verhalten sie sich: Fast jeder Fünfte hat elterliche Partnergewalt beobachtet, Mehrfachtäter sind als Kinder auffällig häufig misshandelt worden, türkische und arabische Kinder erleben elterliche Züchtigung dreimal häufiger als deutsche. Bei Hauptschülern zeigt die Studie die größte Zustimmung zu gewaltlegitimierenden Männlichkeitsnormen ("Machogehabe") mit türkischen, jugoslawisch/albanischen und arabischen Jungen an der Spitze.
Lösungswege aus dem Dilemma: Die bedenkliche Entwicklung an Hauptschulen könne langfristig, so Prof. Pfeiffer, nur durch eine Zusammenlegung von Haupt- und Realschulen bekämpft werden, wie sie Thüringen mit Einführung der Regelschule bereits erfolgreich praktiziere. Bei einem flächendeckenden Angebot an Ganztagsschulen müssten Lehrpläne so entrümpelt werden, dass nur vormittags unterrichtet werde und nachmittags Zeit für Kultur, Sport und soziales Engagement bleibe. "Zukunftsinvestition Jugend muss der wichtigste Grundsatz in der Politik werden" – so die Schlussworte von Prof. Pfeiffer.
Mieke Senftleben und Tissy Bruns (von links) Auf dem Podium, moderiert von Tissy Bruns, Leiterin des Parlamentsbüros des Tagesspiegels, fand die Forderung nach Auflösung der Hauptschule wenig Unterstützer. Mieke Senftleben MdA, bildungspolitische Sprecherin der FDP im Abgeordnetenhaus Berlin, bejahte die Einrichtung von mehr Ganztagsschulen uneingeschränkt, problematisierte aber die Auflösung der Hauptschule. Hier seien Fehler gemacht worden. Kinder würden eingeschult, ohne genügend Deutsch zu sprechen. Statt eines kostenlosen Kita-Jahres sollte eine verpflichtende Vorklasse eingeführt werden, in der Kinder deutsch lernen, um ihnen eine erfolgreichere Schullaufbahn zu ermöglichen. Vielmehr müsse die Berliner Bildungsverwaltung entbürokratisiert werden, um mehr Eigeninitiativen der Schulen und Lehrer zu ermöglichen.
Heinz Buschkowsky, Bezirkbürgermeister Neukölln, unterstützte die Forderung nach einer verpflichtenden Vorschulerziehung. Auch müsse der Elternbeitrag im letzten Kindergartenjahr abgeschafft werden. Aber, so seine Erfahrung, alles was Geld koste, werde nur schleppend oder gar nicht umgesetzt. Das Recht von Kindern auf Bildung und Erziehung müsse man notfalls auch gegen die gegenüber Bildung indifferenten Eltern durchsetzten. Die Situation in Neukölln beschrieb er schlaglichtartig: "Wenn man sozialintegrative Maßnahmen wie Einladungen zu Geburtstagsfeiern zwischen deutschen und Migrantenfamilien fördern will, muss man Max und Moritz in Neukölln einfliegen, Igor und Mehmet sind längst unter sich!"
Tülay Usta, Vorstandsmitglied im Türkischen Elternverein Berlin-Brandenburg, betonte, wie wichtig es den in ihrem Verein organisierten türkischen Eltern sei, dass ihre Kinder Deutsch lernen. Oftmals wüssten sie aber nicht, wie sie den Spracherwerb fördern könnten. Hier forderte sie von den Deutschen mehr Integrationsbereitschaft.

Heinz Buschkowsky, Eva Schmoll und Volker Grünwold (von links) Für den Neuköllner Besitzer der Firma Aktiv-Kabel, Volker Grünwold, ist es unternehmerische Pflicht, jungen Menschen die Chance zum Berufseinstieg zu geben. Dies sei zugleich ein wichtiger Baustein zur Existenzsicherung klein- und mittelständischer Betriebe. Er beklagte das defizitäre Wissen von Bewerbern aller Schulformen über Wirtschaftsgeschehnisse und -zusammenhänge. Die Schule bilde neben Mathematik und Deutsch nicht für das Leben aus. Ständig sinkende Schulqualifikation führe dazu, dass sogar Gymnasialbewerber beispielsweise nicht den gültigen Mehrwertsteuersatz kennen. Jugendliche, insbesondere junge Frauen, müsse man durch Schulkooperationen für Schulpraktika begeistern und so dem Mittelstand öffnen.
Die Lehrerin und Elterntrainerin Eva Schmoll, wies darauf hin, dass heute viele Eltern verunsichert seien, wie man Kinder richtig erziehe. Der Besuch eines Schwangerschaftskurses werde vom Umfeld junger Eltern positiv gesehen. Die Teilnahme an einem Elterntraining gelte in der Gesellschaft aber als Eingeständnis eines elterlichen Versagens. Drei Jahre Erfahrung mit den auf Eigeninitiative ihrer Schule eingeführten verpflichtenden Trainingskursen zeige die hohe Akzeptanz und Zufriedenheit auf Seiten der Eltern und die danach gestiegene Unterstützung der Elternschaft für schulische Belange ihrer Kinder.
Siegfried Arnz, Leiter Schulaufsicht Hauptschule beim Senat für Bildung, sprach sich nicht für eine Auflösung der Hauptschule aus, kritisierte aber die heute faktische Selektion aller "mühselig Beladenen" in einer Schulform. Seiner Ansicht nach müsse eine Schulkultur geschaffen werden, bei der sich Jugendliche wirklich einbringen könnten, Lernen müsse anders organisiert werden. Ein Verantwortungsnetz im jeweiligen Stadtviertel müsse sich bilden, das den Jugendlichen durch Ausbildungsplätze Zukunftschancen eröffne und last but not least müssten genügend Ressourcen erschlossen und bereitgestellt werden, um Projekte zur Förderung Jugendlicher dauerhaft zu fördern.

Podium, moderiert von Tissy Bruns, Tagesspiegel In der lebendigen Diskussion mit dem Publikum wurde auf Mentorenhilfsprojekte für Migranten in Kanada, Neuseeland und USA verwiesen. Solche vereinzelten Aktivitäten, die bereits in Deutschland bestehen, sollten - darüber waren sich alle Diskutanten einig - verstärkt als kostenlose Dienstleistungen angeboten werden, getragen von Bürgerengagement. Der Zwang zum Spracherwerb müsse verstärkt werden, ebenso die Lernbereitschaft von Migranteneltern, Elterntraining bereits für Kita-Eltern, konsequent geförderte Durchmischung von Kindergärten mit Deutschen und Migrantenkindern. Das Profil der Hauptschule müsse von unten geändert werden und nur konsequentes Aufeinanderzugehen werde dabei zum Erfolg führen.
Die Veranstaltung fand im Rahmen der Initiative pro Kopf der Friedrich-Naumann-Stiftung statt und wurde gefördert aus Mitteln der Deutschen Klassenlotterie Berlin.
Monica Wolsky
Büro Berlin-Brandenburg





