Bildung als Grundlage einer freien Gesellschaft
Festveranstaltung anlässlich der Eröffnung des Büros Hamburg der Friedrich-Naumann-Stiftung
Prof. Dr. Thomas Straubhaar „Die Zukunft des Bildungssystems ist eines der brennendsten Probleme der deutschen Politik, das in der nächsten Zeit auch im Mittelpunkt der Arbeit der Friedrich-Naumann-Stiftung stehen wird.“
In seinem Grußwort würdigte Wolf Dieter Zumpfort, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Friedrich-Naumann-Stiftung, die bisherige Arbeit des Büros Hamburg, das binnen kürzester Zeit zu einem bedeutenden Bestandteil liberaler Bildungsarbeit geworden sei.
Etwa 140 Besucher waren - trotz hochsommerlicher Temperaturen - der Einladung der Stiftung ins Hamburger SIDE-Hotel gefolgt, um der Diskussion über „Bildung als Grundlage einer freien Gesellschaft“ beizuwohnen. Musikalisch umrahmt wurde der Abend durch Beiträge der Künstlerin Elizaveta Gaponenko, die auf einem historischen Cello aus dem Jahre 1692 spielte.
Dr. Zumpfort dankte den Verantwortlichen - Heiko Vosgerau (Regionalbüroleiter Lübeck) und Jöran Muuß-Merholz (Leiter Hamburg) - für das attraktive und nicht zuletzt deshalb so erfolgreiche Programm in ihrer Region. Anschließend skizzierte er zentrale liberale Lösungsansätze, die die Friedrich-Naumann-Stiftung im Rahmen ihrer jüngst angelaufenen Bildungsinitiative „Pro Kopf“ in den nächsten anderthalb Jahren intensiv behandeln wird:
Dr. Wolf-Dieter Zumpfort Das deutsche Bildungssystem kranke an einem Mangel an Autonomie, Verantwortung und Wettbewerb. Die Missachtung dieser liberalen Prinzipien hätten – weit über den Bildungsbereich hinaus - dazu geführt, dass unser Land nur noch Mittelmaß sei: „Wir brauchen für unsere Schulen mehr Wahlfreiheit und Einfluss der Eltern, mehr Autonomie der einzelnen Schulen, weniger bürokratische Gängelung und die Beschränkung des Staates darauf, einen klaren Ordnungsrahmen für den Wettbewerb zwischen den Schulen zu setzen.“ Mehr Autonomie und Entscheidungskompetenzen seien auch für die Hochschulen angesagt.
Im Anschluss bedankte sich Dr. Sabine Bamberger-Stemmann, die Leiterin der Landeszentrale für politische Bildung in Hamburg, bei den anwesenden Trägern politischer Bildungsarbeit für ihre vielfältige und qualitativ hochwertige Arbeit. Gerade in Zeiten knapper Kassen – „allein das Wort ‚Geld’ klingt wie die Vertreibung aus der Bildungs- und Wissensgesellschaft“ - werde gerne vergessen, dass Demokratie politische Bildung brauche. Die Befähigung zur gesellschaftlichen Mitverantwortung müsse immer wieder neu vermittelt werden.
Leif Schrader wies in seinem Grußwort als „Vorsitzender der stiftungsnahen Partei“ in Hamburg u.a. auf eine zentrale Funktion der Stiftung hin: Sie habe in der Vergangenheit immer wieder als Impulsgeberin für den organisierten Liberalismus gewirkt. So etwa bei der Entwicklung der Konzeption des „Bürgergeldes“, das zwischenzeitlich längst Bestandteil liberaler Parteiprogrammatik geworden sei.
„Bildung als Grundlage einer freien Gesellschaft – zwischen Persönlichkeitsentwicklung und ökonomischem Nutzen“ lautete dann der Hauptteil des Abends. Peter-Ulrich Meyer vom Hamburger Abendblatt moderierte eine interessante – zwischen grundsätzlichen Positionen und tagespolitischen Erfordernissen sich hin und her bewegende - Diskussion auf dem Podium zwischen Wolf-Dieter Hasenclever, dem bildungspolitischen Sprecher des Bürgerkonvents und Prof. Dr. Thomas Straubhaar, dem Leiter des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts (HWWI).
In einführenden Statements legten die beiden Diskutanten zunächst ihre Positionen dar.

Prof. Dr. Thomas Straubhaar, Peter-Ulrich Meyer, Wolf-Dieter Hasenclever (v.l.) Das heutige Bildungssystem, so Straubhaar erfülle seine eigenen Ziele nicht. Es sei ineffizient, da es hunderttausende arbeitsloser Akademiker produziere; es sei ungerecht, da es durch eine Umverteilung von unten nach oben finanziert werde, und es sei nicht genügend leistungsfähig, wie internationale vergleichende Studien zeigten. Protestierenden Studenten, so Straubhaar, die darauf hinwiesen, dass Bildung doch keine Ware sei, stimme er ausdrücklich zu: „ Ja, Bildung ist keine Ware. Bildung ist eine Investition. Deshalb ist es so wichtig wie richtig, dass jene bezahlen, die profitieren.“ Aus einer für manche Zuhörer sicher ungewohnten ökonomischen Betrachtungsweise stellte er weiter fest, dass Hochschulbildung auch eine Investition mit hohen individuellen Renditen sei. Wer studiert habe, verdiene später im Berufsleben besser und ist weniger oft und weniger lange arbeitslos. Nach Berechnungen des Sachverständigenrates betrage die Nettoertragsrate eines Hochschulabschlusses für Frauen rund 7% und für Männer sogar etwa 8%. Von daher spreche nichts dagegen, Studierende die Investitionskosten selber tragen zulassen. Studiengebühren verhinderten, dass Kosten sozialisiert, die Erträge aber privatisiert würden. Allerdings müsse der Staat sicherstellen, dass alle, die von ihren intellektuellen Fähigkeiten her in der Lage seien zu studieren, nicht auf Grund mangelnder eigener Finanzkraft vom Studium ausgeschlossen würden.
Hasenclever verwies zunächst im Rahmen einiger philosophischer Reminiszenzen auf frühere Auffassungen von Bildung als Voraussetzung der Menschwerdung. Der Bogen spannte sich von Platos bereits 361 vor Christus entwickelter Idee von Bildung als Erziehung zu einem „gottähnlichen Geschöpf“ d. h. zu einem voll entfalteten Menschen bis hin zu Kants Antwort auf die berühmte Frage „Was ist der Mensch?“ , wonach sich die Menschwerdung über die Entwicklung der Vernunft vollzieht: „Ein wahrer Mensch“, so Hasenclever, „ist nach Kant optimal gebildet, kann sich in der Welt bewegen und mit ihr umgehen.“
An diese Vorstellungen sei heute gerade vor dem Hintergrund einer akuten Bildungs- und Erziehungskrise und dem überall sichtbaren Verfall öffentlicher Güter – Schulgebäude, Klassenzimmer, technisches Gerät etc. - intensiv zu erinnern. Über Bildung werde zwar viel geredet, aber sie stehe gleichwohl nicht hoch im Kurs: Knapp 10% der öffentlichen Ausgaben werden in Deutschland für Bildung ausgegeben. Das sei unterhalb des OECD-Durchschnitts. 60 Mrd. EURO erhalten die Rentenversicherungen jährlich als Zuschuss aus dem Bundeshaushalt. Die gesamten Forschungs- und Bildungsausgaben lägen dagegen nur bei neun Mrd. EURO. Hasenclever lobte in diesem Zusammenhang den „Mut“, den die Friedrich-Naumann-Stiftung mit ihrer Bildungsinitiative an den Tag lege, in einer Zeit also, wo vorrangig über Wirtschaft und Arbeit diskutiert werde.
In der weiteren Diskussion plädierte er für mehr Freiheit der Bildungseinrichtungen und völlig neue Modelle der Finanzierung wie „Private Public Partnerships“ . Hier gäbe es bereits sehr erfolgreiche Ansätze mit enormen Qualitätsgewinnen etwa in den Bereichen Sanierung und Service:
„Auch im Bildungsbereich gibt es erhebliche Rationalisierungsreserven.“
Straubhaar stimmte diesem Ansatz ausdrücklich zu und drängte: „Wir dürfen nicht warten, bis der Staat wieder mehr Geld hat für die Bildung. Das Geld muss schneller kommen!“ Die Wirtschaft habe dies erkannt und längst mit eigenen Ausbildungsgängen für ihre Mitarbeiter auf höchstem Niveau begonnen. So genannte „Corporate Universities“ entstünden heute allerorten.
Beide Diskutanten plädierten für mehr Investitionen in die frühkindliche Bildung, und Straubhaar betonte in diesem Zusammenhang, dass alle internationalen Studien eindeutig belegten, dass Investitionen bei den Jüngsten die nachhaltigsten Effekte zeitigten.
Verlief die Debatte bis dahin noch „nicht höchst konfrontativ“ (Meyer), so zeigten sich bei der grundsätzlichen Frage „Wie viel Staat - wie viel Markt?“ doch Unterschiede. Der provozierenden Frage von Straubhaar, ob ein staatliches Schulwesen überhaupt noch notwendig sei, entgegnete Hasenclever mit der Bemerkung, man dürfe hier nicht zu abgehoben argumentieren: Eltern seien vielfach einfach nicht in der Lage, die adäquaten Entscheidungen für ihre Kinder zu treffen. Gleichwohl sei er ein „totaler Fan“ von freien Schulen. Er plädierte daher für eine wachsende Zahl von Modellprojekten.
Ein weiterer Dissens ergab sich bei der Frage nach der Finanzierung von Grundlagenforschung. Während Hasenclever dies für eine „explizit staatliche Aufgabe“ hielt, da es in diesem Bereich zuvörderst um Erkenntnis und weniger um unmittelbaren wirtschaftlichen Nutzen gehe, fragte Straubhaar auch hier kritisch nach:
„Wieso soll der Staat das besser können?“ Diese Frage sei vor allem ökonomisch von höchster Bedeutung. Denn ein staatlich gefördertes Großprojekt bedeute zugleich, dass (viele) andere – und nach welchen Kriterien? - dadurch wegfielen.
Hasenclever zeigte auch hier Entgegenkommen: In der Tat, die Gesellschaft müsse auch in diesem Bereich mehr Beteiligungschancen erhalten.
Jöran Muuß-Merholz, FNSt Hamburg Der Abend machte durch seine thematische Breite insgesamt deutlich, dass Bildung im umfassenden Sinne nicht nur Grundlage für das gelingende Leben des Einzelnen, sondern für den sozialen und wirtschaftlichen Erfolg einer ganzen Gesellschaft unabdingbar ist.
Michael Roick
Leiter Regionalprogramm





