Bildungsfreiheit quo vadis? Symposium in Berlin
„Closed shop im Klassenzimmer“Mieke Senftleben, bildungspolitische Sprecherin der FDP-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, stimmte mit Czerny überein, dass sich im Bildungssystem vieles ändern müsse. Schulen benötigten mehr Freiheit und Eigenverantwortung. Im Sinne des Konzepts der „Bürgerschule“ sollten Schulen ihren Aufbau und ihre Organisation selbst und unabhängig vom Staat bestimmen, forderte Senftleben. Der Staat solle sich um die Sicherstellung der Qualität und das Einhalten von Lernzielen kümmern. Es werde sich bislang zu wenig darum gekümmert, wie einzelne Lehrer ihren Unterricht gestalteten. Auch die Notengebung müsse flexibler gestaltet werden. Über die Form könne nachgedacht werden. Eine objektivierbare Leistung sei jedoch unabdingbar, betonte Senfteleben.
Was ist Bildung, was ist Erziehung? Warum brauchen wir Bildungsfreiheit?
Unter diesen Fragen stand der erste Teil des folgenden Konferenztages. Experten aus Wissenschaft und Wirtschaft versuchten, Antworten zu geben.
Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Ulrich Klemm von der Universität Augsburg
Klemm konstatierte in seinem Vortrag zunächst, dass keine gesellschaftliche Institution so resistent gegenüber Veränderungen sei wie die Schule: Familienformen haben sich verändert, Militärdienst ist freiwillig geworden, in der medizinischen Versorgung herrscht Wahlfreiheit. Aber: jeder ist gezwungen, neun Jahre in die Schule zu gehen. Angesichts erschreckender Zahlen aus dem Bildungswesen unverständlich: 80.000 Jugendliche verlassen jedes Jahr die Schule ohne Schulabschluss, ca. 7 Mio. Menschen sind funktionale Analphabeten, darunter zunehmend Jugendliche. 1 Mrd. Euro werden pro Jahr für Nachhilfe ausgegeben, rund 400000 Kinder besuchen Sonderschulen, 280.000 Kinder und Jugendliche bleiben jedes Jahr sitzen.
Klemms Forderungen: Auflösung der Dreigliedrigkeit des Schulsystems, Abschaffung des bisherigen Notensystems, mehr Freiheit in der Schul- und Bildungswahl, Regionalisierung und Demokratisierung der Schulaufsicht.
Den Vortrag von Prof. Klemm (Folien) finden Sie hier.
Ebenfalls zum Thema "Bildungsfreiheit" referierte Rahim Taghizadegan, Gründer des Instituts für Wertewirtschaft in Wien.
Seine Ausführungen zum Thema Bildungsfreiheit und Argumente gegen des "Bildungszwang" finden Sie hier.
Was brauchen Kinder, um "frei sein zu Lernen?"
Einen Schritt weiter zurück ging Entwicklungspsychologe und Bindungsforscher Prof. Dr. Gordon Neufeld in seinem Referat zu den Voraussetzungen für Kinder, frei lernen zu können.
Grundsätzlich, so Neufeld, hätten alle Kinder ein natürliches Interesse amLernen.
Neufeld Das wichtigste Ziel sei, dieses aufrecht zu erhalten.
Es nütze nichts, Kindern Fragen zu beantworten, die sie nicht gestellt haben, bzw. Dinge zu lehren, die sie nicht interessieren.
Damit Kinder jedoch überhaupt frei sind, zu lernen, müssten einige Grundvoraussetzungen gegeben sein: Kinder müssen frei sein von Hunger und Schmerz, von Arbeit, von Mobbing und Anpassungsdruck sein.
Viele dieser Faktoren können in der Schule nicht oder nur unzureichend erfüllt werden. Daher sei Schule nur bedingt ein Lernort
Der stressfreie Schutzraum der Familie sei dafür sehr viel geeigneter.
Genaueres können Sie im Referat von Prof. Neufeld (Powerpoint-Präsentation) erfahren.
Einen Videomitschnitt des Vortrags von Prof. Neufeld finden Sie hier.




