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„Bad news are good news – oder: Wie funktioniert die Krisenlogik im Nachrichten – und Informations- journalismus?

Veranstaltung in der Reihe „Medienpolitische Diskurse“ am 13. Oktober 2004 in München

Gisela Bock und Andreas Bönte, stellv. Chefredakteur des Bayerischen Fernsehens
Gisela Bock und Andreas Bönte, stellv. Chefredakteur des Bayerischen Fernsehens
Krisen, Konflikte, Kriege und Katastrophen dominieren in weiten Teilen das Bild der Welt im Nachrichten- und Informationsjournalismus. Sehr häufig bleibt es dort bei der phänomenalen Beschreibung solcher Ereignisse, selten folgen differenzierte Darstellungen von politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Hintergründen. Sind „schlechte Nachrichten“ wirklich „gute Nachrichten“? Was wissen wir über die Präferenzen der Mediennutzer? Welche Nachrichten- bzw. Informationstiefe können Journalisten in verschiedenen Medien vermitteln?

Auf der Veranstaltung des Regionalbüros München in der Akademie der bayerischen Presse war nun die Gelegenheit, genauer nachzufragen. Die Voraussetzungen waren ideal, da die Diskussionsrunde mit Journalisten besetzt war, die alle ihr Handwerk glänzend beherrschen: Neben dem stellvertretenden Chefredakteur des Bayerischen Fernsehens, Andreas Bönte nahmen noch Cathrin Kahlweit (Süddeutsche Zeitung) sowie der stellvertretende Chefredakteur der tz München, Gerald Selch, Platz. Souverän und kenntnisreich moderiert wurde diese Runde von dem Kölner Publizisten Wout Nierhoff, der es immer wieder verstand, die unterschiedlichen Herangehens- und Sichtweisen – vom Boulevardjournalismus bis zum Politmagazin – herauszuarbeiten und in der Diskussion mit dem Publikum verständlich zu machen.

Nach den Lehrbüchern des Journalismus ist eine Nachricht eine faire und verständliche Information über Tatsachen, die für Leser, Hörer oder Zuschauer erstens neu sind (news) und zweitens eines von beiden: wichtig (und das heißt oft auch : interessant, doch durchaus nicht immer) oder interessant, selbst wenn das Ereignis den Rezipienten nicht unmittelbar betrifft, zum Beispiel ein Taifun in Japan.
Neu – wichtig – interessant sind also die drei Eckpfeiler einer Nachricht. In Boulevardzeitungen und auf der bunten oder vermischten Seite der Abonnementzeitungen regiert das Interessante, auch wenn es unwichtig ist.

Dass „bad news“ aber immer „good news“ sind, wollte in dieser Zuspitzung nur Gerald Selch von der tz gelten lassen („stimmt grundsätzlich“). Aber die Zeiten hätten sich auch im Boulevardjournalismus gewandelt. Eine Zeitung, die dauerhaft nur schlechte, negative Nachrichten verbreite, könne Leser nur verlieren, da niemand glaube, dass die Welt nur schlecht sei.

Dies bestätigten im Großen und Ganzen auch Bönte und Kahlweit für ihre Medien. Die dauernde Berichterstattung etwa über Bombenanschläge im Irak oder Israel – so bedauerlich das sei - interessiere kaum jemanden. Ausdrücklich widersprach Frau Kahlweit aber dem Vorwurf, dass die Medien die Welt schlechter machten, als sie sei, nur um sie aufregender erscheinen zu lassen.
Andreas Bönte meinte, dass weniger die schlechte als die „unnormale“ Nachricht auch die interessante Nachricht sei. Wenn die Krankenkassenbeiträge plötzlich und unerwartet gesenkt würden, wäre dies eine gute Nachricht, die sich auch gut verkaufen ließe.

Deutlich wurde in der weiteren Diskussion, dass sich auch im enthüllenden, investigativen Journalismus ein Wandel ergeben habe. Nicht dass er heute weniger Gewicht hätte – im Gegenteil - worauf insbesondere die Redakteurin der Süddeutschen Zeitung aufmerksam machte. Hier habe es in den vergangenen Jahren enorme Investitionen gegeben. Aber frühere Attitüden und Verhaltensweisen („Wer feiert seinen ersten Rücktritt?“), wo der Chef gar noch zur „ersten Leiche“ (Bönte) gratulierte, seien heute kaum noch denkbar.
Der Wettbewerb sei aber zweifellos härter geworden. Ob dies auch Auswirkungen auf die saubere politische Recherche und die wahrheitsgemäße Berichterstattung habe, blieb am Ende offen. Nach wie vor seien aber für Auswahl, Inhalt und Intensität der Berichterstattung vor allem die jeweiligen Zielgruppen entscheidend. Hier gäbe es klare Erwartungshaltungen: So könne die Süddeutsche Zeitung bspw. in ihrem Wirtschaftsteil nicht Volkshochschule spielen etwa in der Erläuterung von Wirtschaftsnachrichten. Hier konkurriere die SZ mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und von daher erwarte man erstklassige Firmeninformationen und Berichte aus den jeweiligen Vorstandsetagen.

Als eine bedenkliche Entwicklung muß das Verhalten von Politikern gewertet werden, die nach Beobachtungen von Bönte immer weniger geneigt sind, in politischen Magazinen aufzutreten und hier Rede und Antwort zu stehen. Hier werde „hinter vorgehaltener Hand“ gesagt, man gehe lieber zu Christiansen, da könne man reden, wie einem der Schnabel gewachsen sei.

Diese Veranstaltung war ein gelungener Auftakt aus der Reihe „Medienpolitische Diskurse“ des neuen Regionalbüros in Bayern. Diese Reihe wird im kommenden Jahr fortgesetzt. Sie wendet sich insbesondere an junge Journalisten und solche, die es werden wollen.

Michael Roick
Leiter Regionalprogramm
letzte Änderung: 12.09.2008


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