Auf den Wogen der WM: Patriotismus 2.0?

Deutschland-Fans oder -Patrioten?* Beweist die flaggenträchtige Sympathie für die fantastisch aufspielende deutsche Fußball-Nationalelf bei der WM in Südafrika, dass die Deutschen im zwanzigsten Jahr der Wiedervereinigung einen stabilen, gleichermaßen reflektierten wie weltoffenen Patriotismus entwickeln? Diese Thematik verfolgte jüngst das Regionalprogramm NRW in drei Abendveranstaltungen mit dem Patriotismus-Experten Volker Kronenberg.
Passend zur Vorstellung seines neuen Buches „Patriotismus 2.0. Gemeinwohl und Bürgersinn in der Bundesrepublik Deutschland“ diskutierte der Bonner Politologe kurz vor Beginn der WM bzw. zwischen Achtel- und Viertelfinale in Köln, Mönchengladbach und Aachen seine Thesen vor einem interessierten, über weite Teile erfreulich jugendlichen Publikum.

Privatdozent Volker Kronenberg Um die eingangs gestellte Frage zu beantworten, so reichen Schwarz-Rot-Gold-Motive an Autos, Häusern und Gesichtern – so eindrucksvoll sie sind - nicht ernsthaft aus, um stabile patriotische Gefühle und Identitäten zu bewirken. Kronenberg versteht Patriotismus vielmehr als politische Tugend, die im Kennedyschen Sinne danach fragt, „was Du für Dein Land tun kannst“. Diese zeitgemäße Form der „Vaterlandsliebe“ meint also Einsatz für die Gemeinschaft gleichermaßen durch sympathische Anteilnahme wie tatkräftiges Handeln.
Es ist kein Zufall, dass bei der letzten WM 2006 in Deutschland zum ersten Mal ein unverkrampfter Umgang mit National-Symbolen durch ein überwiegend junges Publikum gepflegt wurde. Mehr als ein Jahrzehnt nach der Wiedervereinigung, angesichts der Erfolgsgeschichte der geglückten Bonner Republik und vor dem Hintergrund der prononcierten (Geschichts-)Politik der Regierung Schröder („deutscher Weg“ im Irak-Krieg, Würdigung des „patriotischen Widerstands“ gegen Hitler) musste folgerichtig ein neues Deutschland-Gefühl entstehen.
Bekenntnis zum Land, in dem man lebt
„Die Welt zu Gast bei Freunden“ – so das Motto der WM - wurde Wirklichkeit als friedliches und ausgelassenes „Fan-Meilen“-Phänomen. Ein Fest der Nationen, bei dem auch Menschen mit Zuwanderungs-Biographie sich gerne hinter deutschen Fahnen vereinten. Patriotismus unterscheidet sich ja gerade dadurch vom Nationalismus, dass er das emotionale und kognitive Bekenntnis zum Land, in dem man lebt, verbindet mit dem Respekt vor den vielen anderen Vaterländern.
Wesensmerkmal eines liberalen Patriotismus ist auch die seinerzeit von dem renommierten Verfassungsrechtler Böckenförde gemachte Feststellung, dass jedes freiheitlich-demokratische Gemeinwesen auf Einstellungen und Verhaltensweisen seiner Bürgerinnen und Bürger beruht, die es selbst nicht garantieren kann. Der neoliberale Ökonom und Philosoph Hayek hat das mit Blick auf die Ordnung der Freiheit sinngemäß mal so formuliert, dass Freiheit ohne tief verwurzelte moralische Überzeugungen nicht gedeihen kann.
Kein Wiederbeleben verstaubter Rituale und Geschichtsbilder
Im Zentrum einer Patriotismus-Diskussion steht also nicht das Wiederbeleben verstaubter Rituale und Geschichtsbilder, sondern das Befördern stabiler Identitätsbezüge zur eigenen Patria und die Ermöglichung von Bürger- und Gemeinsinn durch staatliche Engagement-Politik, aber auch durch gelungene gesellschaftliche Symbolsetzungen. Beispielsweise wäre es viel klüger gewesen, den 9. November (Tag des Mauerfalls 1989, aber auch des Sturzes der Monarchie 1918 und der Judenprogrome 1938) zum Nationalfeiertag der Deutschen zu machen - und nicht den künstlichen 3. Oktober.
Die Diskussionen bei den drei Abendveranstaltungen stellten unter Beweis, wie wichtig den Anwesenden (von jung bis alt) die Thematik persönlich ist und wie sehr in den vergangenen Jahrzehnten – wahlweise durch political correctness-Blockaden, aber auch durch verkürzte Verfassungspatriotismus- Empfehlungen – ein mentales Vakuum entstanden ist. Leider auch durch das Schwinden des Bildungsbürgertums in unserem Lande. Denn die Kenntnis um den Werdegang, die Wesensmerkmale und die Zukunftsperspektiven der eigenen Nation ist immer auch eine Frage des intellektuellen Zugangs. Hier sollten Liberale Initiative ergreifen, aber auch mutiger als bisher sein: die Marktlücke für die Pflege eines weltoffenen Patriotismus ist da.
Klaus Füßmann
Leiter des Regionalbüros Gummersbach
10 Thesen zum liberalen Patriotismus in Deutschland (PDF)
*Foto: SpreePiX





