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Angstrepublik Deutschland – WiWo-Chefreporter in Siegburg

Schnaas
Schnaas
Vor dem Hintergrund der mit den Stichworten Fukushima, Bengasi oder EHEC versehenen „Affekt“-Bebens in Deutschland lud das liberale Forum Siegburg (bei Bonn) zu einer kritischen Reflektion der politischen Kultur unseres Landes ein. Wirtschaftswoche-Chefreporter Dieter Schnaas, der Ende März einen WiWo-Brennpunkt-Artikel zu dieser Thematik verfasst hatte, war der Gast des Abends.

Wie in kaum einem anderen europäischen Land haben in Deutschland die Katastrophenbilder aus Japan zu einem abrupten Kurswechsel in der Politik geführt. Schnaas: „Die ikonographische Wucht der Bilder legt die Vernunftversorgung im Kanzleramt lahm“. Die Ursachen für den „argumentationsblinden Konvertiteneifer“, der – übrigens auch in der Euro- und Libyen-Debatte – das Vertrauen in die Funktionsfähigkeit der Regierungspolitik erschüttert, liegen tiefer.

Politik vollzieht sich wie eine Bundesliga-Schaltkonferenz

Da ist zum einen die Beschleunigung von Nachrichten und Informationen, insbesondere in effekthascherischer Manier: Wir sind gleichzeitig „overnewsed“ und „underinformed“. Soziologen sprechen in diesem Zusammenhang auch vom Phänomen des „Simultanten“, der zumal mittels modernster Technologie überall und gleichzeitig kommuniziert. Diese kollektiv gewendet: labile Bewusstseinslage – ein durch und durch postmodernes Phänomen – trifft nun im Katastrophenfall auf eine politische Klasse, die im Kern auch nicht über die Gegenwart hinaus denkt, aber Handlungsfähigkeit und Krisenbeherrschung zu demonstrieren trachtet.

Politik vollzieht sich gegenwärtig, so Schnaas, wie eine Bundesliga-Schaltkonferenz, bei der man nicht von Tor zu Tor, sondern von Krise zu Krise schaltet. Das Fatale sei nur, dass vielfach Lösungskompetenz vorgegeben und wesentliche Herausforderungen verschleiert würden. Nicht sorgfältige Risikoanalyse stünde im Vordergrund, sondern das Bearbeiten eines Schadensfalles, was angesichts allgegenwärtiger medialer Aktualitätszwangsmaschinen im polit-kommunikativen Umfeld nicht überrasche.

„German Angst“ ist mittlerweile legendär

Betrachte man den philosophischen und sozialpsychologischen Zusammenhang von Angst, Sicherheit, Gefahr und Risiko noch präziser, dann müsse am Anfang die Einsicht stehen, dass Risiken prinzipiell nicht beherrschbar sind und dass man gesellschaftlich klären müsse, zu welchem Preis man sie zu tragen bereit ist. Der Soziologe Ulrich Beck hat vor etwa 25 Jahren den Nucleus der Risikogesellschaft auf den Punkt gebracht: „In der fortgeschrittenen Moderne geht die gesellschaftliche Produktion von Reichtum systematisch einher mit der gesellschaftlichen Produktion von Risiken“. Und sein Kollege Niklas Luhmann hat daraus gefolgert, dass die Unterscheidung zwischen Risiko und Sicherheit eine politische Konstruktion sei. Man kann Risiken nicht ausschließen, sollte aber zwecks begrifflicher Trennschärfe auch zwischen Gefahren und Risken zu unterscheiden wissen. Noch einmal Luhmann mit einem plastischen Beispiel: für einen Nichtraucher stellt Lungenkrebs eine Gefahr dar, für einen Raucher ein Risiko (an Lungenkrebs zu erkranken). Bei der Gelegenheit empfiehlt es sich, auch zwischen Angst (objekt-unbestimmt) und Furcht (rational, objektbestimmt = Real-Angst) zu unterscheiden. Gerade die „German Angst“ ist ja mittlerweile legendär. Man denke nur an Waldsterben, Rinderwahn, Vogelgrippe und jüngst EHEC.
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letzte Änderung: 13.07.2011


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