Ist Optimismus eine amerikanische Geisteskrankheit?

Paqué Für deutsche Intellektuelle ist Optimismus so etwas wie eine „amerikanische Geisteskrankheit“, erklärte Miersch in seinem Vortrag. Dass es eine Sehnsucht nach schlechten Nachrichten gibt, hatte er erstmals in den 1990er Jahren als Redakteur der Zeitschrift „Natur“ erfahren. Artikel, die sich um gute Nachrichten aus dem Bereich Natur- und Tierschutz drehen, wurden von der Leserschaft nicht akzeptiert. Man wollte weiterhin lesen, dass die Flüsse immer dreckiger werden, die Wälder sterben und schon wieder eine Tierart gefährdet ist. Die Zahl der Leser ging zurück, Abonnements wurden gekündigt.

Pinzler „Früher wurde der Überbringer schlechter Nachrichten geköpft, heute der einer guten“, fasste Miersch dieses Phänomen zusammen. Es erstaunt ihn, dass ausgerechnet die erste Generation von Deutschen, die (wenn sie in Westdeutschland geboren wurden) ihr ganzes Leben in Frieden, Wohlstand und Freiheit verbrachte, besonders empfänglich für Weltuntergangszenarien sind. Als weiteres Beispiel nannte er die Millennimumsziele der UN, von denen das der Halbierung der absoluten Armut mittlerweile erreicht ist, ohne dass es in den Medien Schlagzeilen machte.
Paqué attestierte Deutschland eine „super Bilanz“ mit hoher Wettbewerbsfähigkeit und der geringsten Arbeitslosigkeit seit 20 Jahren. Dennoch blicken die Deutschen mehrheitlich eher skeptisch in die Zukunft. Paqué macht dafür drei Gründe aus: „Die Wirtschaftskrise, den Klimawandel und die Alterung der Gesellschaft.“ Deutschland sei aber gut aufgestellt, um mit diesen Herausforderungen fertig zu werden, auch weltweit würde es viele Beispiele geben, die Mut machen. Paqué erinnerte daran, dass viele der Länder, die man heute als wirtschaftliche Konkurrenten betrachtet, vor 30 Jahren noch für Hungersnöte standen. Der Fortschritt steigerte in ihnen auf rasante Art die Lebensqualität.

Podiumsdiskussion Pinzler, Journalistin für Die Zeit, übernahm nach eigenen Angaben die Rolle des Advocatus Diaboli in dieser Runde. Sie ist zwar der Meinung, dass wir in „einer der besten Welten leben, die es je gab und in einem der besten Länder dieser Welt“, doch sei Wachstum um jeden Preis keine Lösung. Im Gegenteil habe diese Fixierung auf Wachstum negative Folgen gehabt. In südamerikanischen Ländern wurde diesem Ziel alles andere untergeordnet, worunter auch der Bildungsbereich gelitten hatte. Ein weiteres Problem sei die Endlichkeit der Ressourcen, die durch den Statuskonsum in den Industrienationen zusätzlich ausgeschöpft werden. Womöglich sei es wichtig, Freiheit und Fortschritt neu zu denken und zu fühlen, überlegte Pinzler.
In der anschließenden Diskussion erklärte Miersch, dass er die Debatte über die drohende Ressourcenknappheit nicht nachvollziehen kann. „„Es ist doch eine Definitionsfrage, was Ressourcen sind. Früher leuchten die Lampen in Europa, weil man das Öl der Wale, Pinguine und Robben verwendete. Heute verwenden wir Erdöl, aber wer sagt denn, dass das immer so bleibt? Die Steinzeit hat doch auch nicht aus Mangel an Steinen aufgehört.“
Fotos: Tina Merkau
Die ganze Veranstaltung als Video:




