Dahrendorf Lecture: Gretchenfragen, Greenpeace der Finanzwelt

Vollbesetzter Saal in Freiburg
Der bekennende Protestant Leicht widersprach heftig: Das Christentum sei keine kalte Religion, er selbst lasse sich seinen Offenbarungsglauben nicht austreiben. Der Staat habe sich in die Entscheidungsfindungen des Gewissens nicht einzumischen. Umgekehrt sei er, so Leicht weiter, allerdings auch froh darüber, dass die Kirche hierzulande keine politische Macht mehr habe. Sein Wunsch: dass das Zusammenleben der Religionen staatlich organisiert werde, mit dem Ziel eines friedlichen Einvernehmens.
Auch Kelek lobte den Bürgerstaat westlich liberaler Prägung. Er gebe dem Einzelnen die Möglichkeit, sich aus dem Kontext seiner familiären Herkunft zu lösen und damit unabhängig zu werden. Sie bedauerte, dass die meisten Muslime diesen Schritt in die Unabhängigkeit auch hierzulande nicht wagen.
Lindner relativierte daran anknüpfend den Titel der Veranstaltung: Es sei wünschenswert, wenn man statt von einem Dialog zwischen dem Islam und dem Westen von einem zwischen Bürgern unterschiedlichen Glaubensbekenntnisses reden könne.
"…endlich europäische Muslime werden."

Podium: Lindner, Kelek, Hauser, Safranski, Leicht
Safranski modifizierte seine Unterscheidung zwischen kalter und heißer Religion insofern, als er dem Westen attestierte, zwar durchaus noch über eine heiße Religiosität zu verfügen, diese aber privatisiert zu haben. Seine Beobachtung in diesem Zusammenhang: dass die Globalisierung auch Konsequenzen für die Empfänglichkeit des unter Sinndefiziten leidenden Westens für Transzendentes habe – es gebe nämlich mittlerweile auch einen globalen Markt religiöser Bekenntnisse.
Leicht beharrte darauf, dass das Christentum keine Privat-, keine Geheimreligion sein. Wenn Safranski mit seiner Privatisierungsthese recht hätte, dann bestehe die Gefahr, dass man sich im Westen bald nicht mehr nur seines Glaubens, sondern auch seiner freiheitlichen Verfassung schämt.
Kelek verpasste der Diskussion am Ende noch einmal einen integrationspolitischen Akzent und appellierte eindringlich an ihre in den Ländern des westlichen Europas lebenden Glaubensschwestern und -brüder, endlich europäische Muslime zu werden. Lindner war sich sicher: Je besser die Integration gelingt, desto geringer werde das soziale Konfliktpotenzial.
Donnernden Applaus erhielt der Generalsekretär, als er sein persönliches Fazit zog: Er wolle sich, so sagte er mit Bezug auf Safranskis Religionsmodell – und die fallenden Umfragewerte seiner Partei –, darum bemühen, dass nicht am Ende auch der Liberalismus noch erkalte.
Lars-André Richter
Begrüßung von Wolfgang Gerhardt MdB (PDF)
Vortrag von Prof. Helmut K. Anheier (PDF)
Die komplette Veranstaltung
liegt auch als Videodokumentation
auf dem YouTube-Kanal der
Stiftung für die Freiheit vor





