24/7-Istanbul: Ein Tagebuch (Tag 2)
Türkische Politik für Anfänger

Gruppenarbeit im Garten Istanbul ist die Stadt, die niemals schläft und auch wir halten nicht viel von einer ausgedehnten Bettruhe. Einer schönen Nacht folgen am Vormittag unseres zweiten Aufenthaltstages interessante und informative Vorträge im Büro der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit. Zuerst spricht Cem Toker, Chairman der Líberal Demokrat Parti, zu uns. In seiner leidenschaftlichen Rede beschreibt er ungeschönt die Situation des politischen Liberalismus in der Türkei, der – wie an den letzten Wahlergebnissen deutlich wird – einen schweren Stand hat. Außerdem macht er deutlich, wie es um Demokratie und Rechtsstaatlichkeit bestellt ist. Beispielsweise rangiert das Land beim Demokratie-Index lediglich auf Platz 89.
Nachfolgend beschäftigt uns der mögliche EU-Beitritt der Türkei. Hierzu ist Serhat Güvenç von der Kadir Has Uni als Redner eingeladen. Seit Jahrzehnten laufen nunmehr Gespräche zwischen der Türkei und der Europäischen Gemeinschaft/Union, im Jahr 1999 wurde man schließlich Beitrittskandidat. Serhat Güvenç sieht den Prozess an sich als wichtiger an als das eigentliche Endprodukt. Denn es habe sich im Land dadurch viel verändert in der vergangenen Dekade.
Und obwohl die Beitrittsverhandlungen seit einiger Zeit ins Stocken geraten, blickt er positiv in die Zukunft. Aus seiner Sicht seien die Präsidentschaftswahl in Frankreich und der damit verbundene personelle Wechsel eine wichtige Komponente für eine weitere Annäherung. Außerdem sei Europa und die westliche Welt auf die Türkei als strategisch beziehungsweise geographisch wichtiges Land angewiesen.
Im Anschluss verlassen wir die Räumlichkeit der Stiftung und fahren mit dem Bus durch den dichten Verkehr von Istanbul zur Bogazici University. Der Campus liegt unweit des Meeres in einer traumhaften Umgebung. Nach dem Mittagessen hören wir zusammen mit einer türkischen Studentengruppe Vorträge von Professor Hakan Yilmaz und Professor Kemal Kirisci. Während ersterer vor allem eine allgemeine Analyse der politischen Lage im türkischen Staat gibt und sogleich Missstände benennt, richtet Kemal Kirisci den Blick auf Handels- und Wirtschaftsbeziehungen.
Das Handelsvolumen zwischen der Türkei und den Staaten der Europäischen Union ist in den vergangen Jahrzehnten signifikant gestiegen. Dies kann schlussendlich in den Kontext einer möglichen intensiveren politischen Annäherung gesetzt werden und entsprechende Prozesse beschleunigen.
Im Anschluss diskutieren wir in kleineren Gruppen mit türkischen Studenten zu Themen wie Säkularismus und Laizismus, zur Dimension eines türkischen EU-Beitritts und über die Lage von Freiheit und Rechtsstaatlichkeit im Land. Die Ergebnisse der einzelnen Arbeitsgruppen werden dann allen vorgestellt. Den Tag lassen wir am Hafen von Bebek gemütlich ausklingen.
Constantin Eckner
Lesen Sie morgen Teil 3 des Tagebuchs...
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