21.02.2012 – Liberale Stichtage: Vor 125 Jahren: NLP wird letztmalig stärkste Kraft im Reichstag

Führende Politiker der Nationalliberalen - obere Reihe: Wehrenpfennig, Lasker, von Treitschke, Miquel; untere Reihe: von Roggenbach, Braun, Gneist, Bamberger Im ersten Jahrzehnt nach der Reichsgründung von 1871 war die Nationalliberale Partei die dominierende politische Kraft in Deutschland. Die Strategie der 1867 gegründeten Partei, die auf eine Zusammenarbeit mit dem preußischen Ministerpräsidenten und Reichskanzler Bismarck setzte, schien aufzugehen: Als stärkste Fraktion im Reichstag konnte sie erheblichen Einfluss auf die innere Gestaltung des neuen Nationalstaates nehmen. Bismarcks wirtschaftspolitische Wende Ende der 1870er Jahre setzte die Partei jedoch einer Zerreißprobe aus, überzeugte Freihändler verließen sie und fusionierten mit der Deutschen Fortschrittspartei (vgl. Liberaler Stichtag 06.06.2011) zur Deutsch-Freisinnigen Partei, die damit die Führungsrolle im liberalen Lager übernahm (vgl. Liberaler Stichtag 05.03.2009).
Das war nun keineswegs im Sinne des Reichskanzlers, der fürchten musste, dass bei einer Thronbesteigung des Kronprinzen (vgl. Liberaler Stichtag 15.06.2008) die Freisinnigen zur faktischen Regierungspartei würden. Er setzte alles dran, das alte Kräfteverhältnis unter den Liberalen wiederherzustellen.
Im Vorfeld der Reichstagswahl von 1887 wurden eine von Frankreich ausgehende Kriegsgefahr als Drohung hingestellt und damit eigene Rüstungsanstrengungen begründet, die Reichstagswahl selbst zu einer Art Plebiszit über den Kanzler und seine Politik gemacht und Konservative und Nationalliberale zu großflächigen Wahlabsprachen gedrängt. Bei diesen „Kartellwahlen“ profitierten die Nationalliberalen ein letztes Mal von ihrer jetzt fast bedingungslosen Zusammenarbeit mit Bismarck: Mit fast 25 % der Stimmen und 99 Mandaten wurden sie wieder stärkste Fraktion im Reichstag, knapp vor dem katholischen Zentrum.
Ihre traditionellen Hochburgen im mitteldeutschen Raum zwischen Nordsee und Erzgebirge sowie in der Pfalz, Hessen und Baden bescherten ihnen auch jetzt zahlreiche Sitze, hinzu kamen diesmal u. a. Mandate aus den protestantischen Teilen von Württemberg und Schlesien.
Letzteres zeigte, dass die nationalliberalen Zugewinne vor allem auf Kosten der Linksliberalen gingen, deren Mandatszahl nahezu halbiert wurde. Nicht nur deshalb war dieser Sieg aus liberaler Perspektive ein Pyrrhus-Sieg, denn zudem erwies sich das nationalliberal-konservative Kartell als sehr instabil und zerbrach schon lange vor der nächsten Reichstagswahl von 1890, bei der die Linksliberalen die nationalliberale Schwesterpartei wieder übertrumpfen konnten. Die führende Rolle im Reichstag ging den Liberalen dabei aber auf Dauer verloren.
Wahlen zum Deutschen Reichstag (1871-1890)
7. Deutscher Reichstag 1887 (Karte der Wahlkreise)
Zeitgenössische Karikatur zu den Freisinnigen aus dem Kladderadatsch
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