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Der größte Feind der Freiheit ist der glückliche Sklave

Wie ein roter Faden zogen sich die Ereignisse des denkwürdigen 9. Novembers 1989 durch das abwechslungsreiche und spannende Seminar „20 Jahre Mauerfall – Berlin: Stadt der Freiheit“. Jeder hat seinerzeit diese Nacht anders erlebt. Zwar sind die Wendejahre längst unverwischbarer Bestandteil des kollektiven deutschen Gedächtnisses geworden, doch sind die Wahrnehmungen dieser turbulenten Zeit von persönlicher Verschiedenheit. Die Wiedergewinnung von Freiheit lässt sich ebenso wenig kollektiv beschreiben, wie der Begriff selbst. Vor diesem Hintergrund wurde das stipendiatische Seminar zu einer individuellen Spurensuche mit gemeinsam geteilten Erfahrungen. Es galt, bewusst den Faden der Berliner Mauer aufzunehmen, anhand von verblassenden Spuren im Stadtbild, lebendigen biographischen Skizzen oder geschaffenen Erinnerungsorten.

Fahrradtour „Entlang des ehemaligen Todesstreifens“

Den Auftakt bildete eine Tour d’Horizon zur innerdeutschen Mauer beginnend mit persönlichen Bezügen und vorhandenen Erinnerungen aus dieser Zeit, über einen virtuellen Mauerflug bis hin zu einer Lesung und Buchvorstellung des Altstipendiaten und Herausgebers Renatus Deckerts von Schriftstellern zum Mauerfall 1989. Deutlich in Wort und Bild festgehalten wurden Eindrücke zu Mauer, des SED-Unrechtsregimes und Orten der friedlichen Revolution in einer vierbändigen Dokumentation des Stadtwandelverlags Berlin des Verlegers und Altstipendiaten Daniel Fuhrhop. Auf eigene Spurensuche ging es in einer von drei Erkundungsgruppen.

Eine davon war die geführte Fahrradtour „Entlang des ehemaligen Todesstreifens“ von der Bornholmer Straße bis zur Invalidenstraße unter kompetenter Anleitung von Stipendiatin Josephine Blankenstein. Sie führte die Gruppe entlang des durch eine zweireihige Kopfsteinspur gekennzeichneten Mauerstreifens. Dabei trat zutage, dass viele geschichtsträchtige Gedenkstätten in Berlin verwahrlost und unbeachtet gelassen werden. Wird dagegen nichts unternommen, so werden sie in wenigen Generationen ganz vergessen sein. Einige Anwohner kümmern sich mit hohem Aufwand um die Erhaltung wichtiger Eckpfeiler der Mauergeschichte. Einer davon war der Bruder des ersten Maueropfers Jürgen Litfin.

Er zeigt Besuchern einen von nur vier verbliebenen Wachtürmen der früheren Grenzanlagen direkt am Spreekanal. Unweit von dort wurde sein Bruder Günter zum ersten Todesopfer der Berliner Teilung. In einem Hinterhof in der Nähe zeigt sich, wie die Berliner mit ihrer Geschichte umgehen. In dem Garten wird ein Stück Hinterlandmauer als Abtrennung zwischen zwei Balkonen genutzt. So erhielt das einstig verhasste Stück Beton doch noch eine sinnvolle Bedeutung. Und es zeigt: die Narbe der Teilung verwächst.

Einige trotzten der Hitze und begaben sich auf einen Stadtspaziergang „Die Mauer – Eine Wunde im Herzen der Stadt“ mit Besichtigung des Mauermuseums geführt von der Stipendiatin Nicola Jacob. Vom Checkpoint Charlie, über den Potsdamer Platz und vorbei am Brandenburger Tor ging es bis zum Tränenpalast. Die Abschiede an diesem Grenzübergang beschrieb Hermann Rudolph: „Augenblicke, auf immer verbunden mit einem kleinen Herzriß, weil auf ihnen für einen Moment spürbar das Gewicht der Teilung des ganzen Landes lag.“

Geringfügige Gründe führten zur Einweisung in das Stasi-Gefängnis

Die dritte Gruppe durfte eine Führung durch die Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen erleben. Ein ehemaliger Gefangener führte durch diesen Ort des Schreckens: zur Abteilung U-Boot, zum Verhörgebäude, in die Gummizelle und zum Freiganghof. Geringfügige Gründe führten zur Einweisung in das Stasi-Gefängnis. Zum einen ein Fluchtversuch und zum anderem Kritik an der DDR-Ideologie, die als Rebellion interpretiert wurde. Im zweiten Fall wurden damals sowohl berühmte DDR-Bürger wie der Schriftsteller Jürgen Fuchs, die Künstlerin Bärbel Bohley und auch einfache Bürger wie Herr Walter verhaftet. Der damals 20-jährige Oberschüler Walter, der einen Ferienaustausch zwischen Jugendlichen aus Ost- und Westdeutschland organisieren wollte, um ihr Zusammengehörigkeitsgefühl zu stärken, wurde später von den eigenen Lehrern denunziert. 1960 wurde er verhaftet und ins Gefängnis Berlin-Hohenschönhausen gebracht. Dort blieb er zweieinhalb Jahre. Man warf ihm unter anderem „staatsgefährdende Propaganda und Hetze“ vor.

Bei der Folter stand nicht die physische Gewalt im Vordergrund, erklärte Walter, sondern die Umerziehung Andersdenkender durch psychologische Methoden, um deren Willen zu brechen, die Seele zu ruinieren. Bei Verhören griff der Stasi-Beamte bspw. plötzlich zum Telefon und simulierte ein Gespräch, in dem bekannt wurde, dass ein Verwandter des Häftlings einen Unfall hatte oder gar gestorben war. Dies versetze den Gefangenen in einen unerträglichen Zustand, der oft zum gewünschten Geständnis führte.

Häftlinge mussten nach ihrer Entlassung ihr Leben wieder in den Griff bekommen – mit den Spuren der damaligen Folter. Bei Herrn Walter sind es vor allem Türgeräusche, die Erinnerungen an die Jahre der Haft wieder präsent werden lassen. Heute betrachtet sich der 69-jährige jedoch als Sieger, denn er lebt und ist frei im Gegensatz zum damaligen Unterdrückungsregime, das das Hereinbrechen der neuen Zeit nicht überlebt hat: „Der größte Feind der Freiheit ist der glückliche Sklave“, so Walter.

"...gleichzeitig beeindruckend und bedrückend"

Die Spurensuche rundeten „Grenzblicke“ von der Berliner Mauergedenkstätte und des Dokumentationszentrums an der Bernauer Straße ab. Diese Station ist gleichzeitig beeindruckend und bedrückend. Dort angekommen lässt sich vorstellen, wie frustrierend es für die Berliner gewesen sein muss: Nur etwa vier Meter Beton trennten sie in Ost und West 28 Jahre lang. Vom Aussichtspunkt auf der anderen Straßenseite lässt sich das tödliche System des Streifens beinahe in Originaltreue nachvollziehen. Zurück im Tagungsraum ließen die Gruppen Ihre Eindrücke der Spurensuche für die anderen Teilnehmer Revue passieren, bevor Carola von Braun im Gespräch ihre Wahrnehmung zum Mauerfall aus der Sicht der Berliner Liberalen schilderte.

Die Ost-Perspektive zum Mauerfall verdeutlichte der Publizist Wolfgang Templin in einem Gespräch mit der Stipendiatin Alexandra Wagner zum Thema „DDR-Opposition und der Mauerfall“. Ein packender Ausgang des Seminars, der auf bemerkenswerte Weise aufzeigte, wie Oppositionelle selbst unter widrigsten Bedingungen für den unteilbaren Wert der Freiheit einstanden. Die vielfältigen Bekenntnisse aus dieser Zeit sind Mahnung und Kampfansage an jene zugleich, die sich gegen eine freiheitliche Ordnung wenden oder diese leichtfertig aufs Spiel setzen.

Nathanael Baché, Sebastian Fink, Martin Gerner
Stipendiaten und Seminarteilnehmer

Das Seminar wurde aus Mitteln der Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin gefördert und gemeinsam vom Büro Berlin-Brandenburg, Berliner Stipendiaten und der Begabtenförderung organisiert.

Deckert, Renatus (Hrsg.) (2009): Die Nacht, in der die Mauer fiel. Schriftsteller erzählen vom 9. November 1989. Suhrkamp. Preis: 8,90 Euro.

20 Jahre Mauerfall 1989 2009. Vier Bände im Paket: Berliner Mauer , Die Mauer damals und heute, Orte der Friedlichen Revolution, Orte der SED-Herrschaft. Stadtwandel Verlag Berlin. Preis: 10 Euro. Paperback im Schuber.
letzte Änderung: 05.08.2009


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